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Gerandete Jagdspinne wurde zur europäischen Spinne 2020 gewählt © Naturschutzbund/Maarten J Arabel
Gerandete Jagdspinne wurde zur europäischen Spinne 2020 gewählt © Naturschutzbund/Maarten J Arabel

APA

Natur des Jahres 2020: Forelle, Maulwurf, Ölkäfer und Co.

12.12.2019

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 45/2019 und nicht zwingend tagesaktuell

Ein vielbesungener Fisch, von Gärtnern geächtete Hügelgräber, markant gurrende Vögel und Käfer mit tödlicher Giftdosis wurden von Naturschutzorganisationen zu Arten des Jahres gewählt. Teils geschieht dies, um kaum bekannte Arten ins Rampenlicht zu bringen, oft, um auf Gefahren wie den Schwund ihrer Lebensräume oder den Klimawandel hinzuweisen. Vorhang auf für die "Natur des Jahres 2020":

Tier des Jahres: Maulwurf

Unterirdisch lebt das Tier des Jahres: der europäische Maulwurf (Talpa europaea). Der fleißige Tunnelgräber und - zum Ärger der Gärtner und Bauern - Errichter markanter Erdhügel auf Wiesen und Weiden wurde vom Naturschutzbund Österreich gekürt. Er sei als natürlicher Vertilger von Schädlingen, Bodenauflockerer und Drainagierer durchaus nützlich. Der mit samtartig schwarzem Fell gekleidete Säuger ist nachtaktiv, sieht schlecht, hört und riecht aber gut, und wird zwei bis drei Jahre alt. In der kalten Jahreszeit zieht er sich in tiefere Stollen zurück, hält aber keinen Winterschlaf. Er gräbt Oberflächengänge und Jagdgänge, die er mehrmals am Tag abgeht, um seinen recht großen Nahrungsbedarf mit Käfern, Asseln, Tausendfüßlern, Schnecken und Regenwürmern zu decken. Er lebt unter Wäldern und Kulturlandschaften bis 2.400 Seehöhe. Die intensive Landwirtschaft hat seinen Lebensraum in Österreich massiv verkleinert, er hat sich in die verbliebenen naturnahen "Restflächen" zurückgezogen. Dünger und Pestizide machen ihm zu schaffen, ebenso wird er von Füchsen, Bussarden, Eulen, Krähen, Störchen und Wildschweinen dezimiert. Seine Bestände sind rückläufig, er ist aber hierzulande noch nicht gefährdet, so der Naturschutzbund.

Vogel des Jahres: Turteltaube

Die "markant gurrenden" Turteltauben (Streptopelia turtur) wurden von BirdLife Österreich zum Vogel des Jahres ernannt, um auf ihren rasanten Schwund aufmerksam zu machen: Seit der Jahrtausendwende sind die Turteltauben um zwei Drittel weniger geworden. Schuld daran sei der Verlust ihrer Lebensräume: strukturreiche Wald- und Feldränder. In Europa gäbe es mit 4,2 Millionen Brutpaaren nur mehr ein Fünftel des Bestands der 1970er-Jahre. Außerdem werden die Langstreckenzugvögel, die vom April bis zum Herbstbeginn hier weilen und hier brüten, und den Rest des Jahres in der Sahelzone Afrikas verbringen, bejagt. In der EU, inklusive Österreich, geschieht dies legal, was jährlich bis zu 2,2 Millionen Turteltauben das Leben koste. "Die Jagd auf Turteltauben ist angesichts der tristen Bestandssituation nicht angemessen und muss verboten werden", so Gabor Wichmann von BirdLife.

Reptil des Jahres: Zauneidechse

Das Reptil des Jahres ist die Zauneidechse (Lacerta agilis). Sie wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie (ÖGH) und der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) ernannt, um auf ihre "drohende Gefährdung" hinzuweisen. Im Vergleich zu ihren Verwandten ist sie eher stämmig, hat relativ kurze Beine und einen kräftigen Kopf. Die Männchen sind in der Paarungszeit leuchtend grün, ansonsten braun wie die Weibchen das ganze Jahr über. An der Oberseite haben sie drei weiße Linien und oft dunkle Flecken. Ab Mitte Herbst bis zum Frühling halten Zauneidechsen Winterruhe. Sie liegen gerne in der Sonne und bewohnen Heiden, Magerrasen, Sandgruben, Steinbrüche, Wald- und Straßenränder, Bahntrassen, Weinberge und naturnahe Gärten. Sie sind zwar ein "Kulturfolger", doch mittlerweile hat der Mensch für sie die Kultivierung der Landschaft zu weit getrieben: Ihre Lebensräume werden oft verbaut, zugeschüttet oder beschattet.

Fisch des Jahres: Forelle

Ein von Franz Schubert mit einem Lied bedachter Bewohner von kühlen, sauerstoffreichen und gut strukturierten Fließgewässern (also hellen, klaren Bächlein) wurde zum Fisch des Jahres gekürt: Die Bachforelle (Salmo trutta fario). Mehr als zwei Drittel der Bäche und Flüsse Österreichs gelten als "Forellenregion", doch sie ist laut Beprobungen nicht einmal mehr in der Hälfte dieser Gewässer verbreitet, so der Österreichische Fischereiverband. Ihr Lebensraum wurde zu sehr verbaut und reguliert, verschmutzt und durch den Klimawandel erwärmt. Weil die Forelle ein wechselwarmes Wesen ist, störe dieser viele temperaturabhängige lebensnotwendigen Prozesse, wie Fortpflanzung, Wachstum und Wanderung. "Durch die steigenden Wassertemperaturen werden auch vermehrt Krankheiten ausbrechen und die Bestände dezimiert", so die Experten. Weil sie ohnehin schon in den Oberläufen leben, könnten die Fischlein nicht in höhere, kühlere Regionen ausweichen.

Weichtier des Jahres: Weinbergschnecke

Weil sie allseits bekannt ist, soll die Weinbergschnecke (Helix pomatia) als Botschafterin in den Jahren 2020 und 2021 als Weichtier des Jahres auf die "vielen unbekannte Welt" ihrer Stammesgenossen aufmerksam machen, so der Naturschutzbund Österreich und die Makologen (Weichtier-Experten) des Hauses der Natur in Salzburg. Aktuell hat sie sich mit verschlossenem "Winterdeckel" (Epiphragma) als Schutz vor Fressfeinden und Austrocknung einquartiert, erst wenn die Temperaturen über acht Grad Celsius steigen, wird sie ihn mit dem Fuß aufstoßen, zunächst etwas zu fressen suchen und dann einen Sexualpartner. Zwei solcher Zwitter werden einander dann mit einem "Liebespfeil" aus Kalk beschießen und einander Spermienpakete übergeben, so der Naturschutzbund. Weinbergschnecken sind mit drei Jahren ausgewachsen und werden gut doppelt so alt. Sie ernähren sich vor allem von welken Pflanzen, weshalb sie Gärtner im Gegensatz zu anderen Schnecken kaum gegen sich aufgebracht haben. Weil sie als Delikatesse geschätzt ist und zuhauf gesammelt wurde, war die Weinbergschnecke nahe der Ausrottung. Heutzutage ist sie in Österreich streng geschützt, lediglich gezüchtete Exemplare dürfen auf dem Teller landen.

Insekt des Jahres: Schwarzblauer Ölkäfer

Das Insekt des Jahres 2020 ist giftig, was sich die Menschen seit 4.000 Jahren im Guten wie Bösen zunutze machten: Der Schwarzblaue Ölkäfer (Meloe proscarabaeus) hat das Reizgift Cantharidin im Körper, das in niedriger Dosis mit Honig als Liebestrank geschlürft, von den alten Ägyptern auf Wehen auslösenden Pflastern verabreicht wurde und im antiken Griechenland für Hinrichtungen diente. Morde mit dem Käfergift seien sogar bis in die Neuzeit bekannt, bereits ein Tier enthalte eine tödliche Dosis, so das Senckenberg-Deutsche-Entomologische-Institut, das den schwarzblauen Krabbler kürte. Er kommt in ganz Mitteleuropa vor, doch sein Bestand ist durch Lebensraumverlust gefährdet.

Spinne des Jahres: Gerandete Jagdspinne

83 Arachnologen (Spinnenforscher) aus ganz Europa haben die Gerandete Jagdspinne (Dolomedes Fimbriatus) zur europäischen Spinne 2020 gewählt. Sie gehört mit bis zu zwei Zentimetern Körperlänge zu den größten heimischen Achtbeinern und leben in Feuchtgebieten, also am Rand stehender oder langsam fließender Gewässer, in Mooren, Auen und auf Feuchtwiesen. Sie jagt Wasserinsekten, Kaulquappen und klitzekleine Fische, indem sie abtaucht. "Dabei bildet sich eine Luftblase um ihren Körper, die nach dem Auftauchen platzt und eine trockene Spinne aus dem Wasser entlässt", so die Experten. Ihre - vom Naturhistorischen Museum (NHM) Wien ausgerichtete Wahl - solle auf die Gefährdung der Feuchtgebiete durch Uferverbauung, die Beseitigung von Röhricht und Schwimmblattvegetation und die Trockenlegung von Mooren aufmerksam machen.

Blume des Jahres: Fieberklee

Sie ist nicht mit Klee verwandt und als Fieber-Medizin nutzlos, kann also quasi nichts für ihren Namen: "Fieberklee" (Menyanthes trifoliata), die Blume des Jahres. Die Loki Schmidt Stiftung hob diese Sumpfblume ins Rampenlicht, um "auf den dringend notwendigen Schutz der Moore als ihren besonderen Lebensraum aufmerksam zu machen". Sie ist eine Pionierpflanze, die in Flachwasser vordringt, ihre Umgebung zum Verlanden bringt und so den Lebensraum für andere Arten bereitet. Außerdem seien ihre zarten weißen Blüten im Mai und Juni wie "ein reich gedeckter Tisch für Hummeln und Bienen". Ihre Inhaltsstoffe wirken gegen Appetitlosigkeit und Verdauungsstörungen, deshalb ist sie teils Bestandteil von Kräuterschnäpsen, aber nicht gegen Fieber, wogegen sie früher sinnloserweise eingenommen wurde.

Flechte und Moos des Jahres: Finger-Scharlachflechte und Schönes Federchenmoos

Die Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und das Schöne Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum) leben auf der sauren Borke von Nadelbäumen wie Fichten, Kiefern und Tannen, sowie auf Laubbäumen mit saurer Rinde wie Birken und Erlen. Diese Plätzchen sind derzeit im Übermaß vorhanden, weil die Forstwirte in den vergangenen Jahrzehnten viele solche schnellwachsende Bäume gesetzt haben. Die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM) ernannte sie zu Flechte und Moos des Jahres 2020, um darauf hinzuweisen, dass diese Arten bei uns teils verschwinden werden, weil die Nadelwaldkulturen in denen sie vor allem leben, durch die wohl häufiger werdenden Dürresommern keine Zukunft mehr haben.

Gefährdeter Pilz des Jahres: Nördlicher Stachelseitling

Der Nördliche Stachelseitling (Climacodon septentrionalis) ist "gefährdeter Pilz des Jahres 2020", so die Österreichische Mykologische Gesellschaft. Er kann sich auf Baumstämmen über einen Meter hoch türmen, trägt an der Unterseite die namensgebenden Stacheln und lebt in und auf alten Bäumen, wenn er durch Stammwunden oder Astlöcher eindringen kann. Das sind meist verschiedenste Laubbäume, seltener Tannen, er beschert ihnen jedenfalls intensive Weißfäule. Die Stachelseitlinge überleben ihren Wirt meist noch um einige Jahre und bilden auch dann noch Fruchtkörper aus, wenn die Stämme am Boden darniederliegen. Weil heutzutage die meisten Bäume spätestens in mittlerem Alter gefällt werden, schwindet seine Lebensgrundlage, und der Pilz gilt in Österreich als "stark gefährdet".

Streuobst des Jahres: Weißer Rosmarin

Der Weiße Rosmarin ist eine Kulturapfel-Sorte (Malus domestica), die aus Südtirol stammt und für die es in Österreich bisher recht kühl war. Durch den Klimawandel ändert sich das aber rasch, und regional auf Streuobstwiesen angebaut wäre der großkronige, langlebige Obstbaum ein potenter CO2-Speicher, der wenig Wasser verbraucht, so die ARGE Streuobst, die ihn zum "Streuobst des Jahres" ernannte. Er kann als Tafelapfel roh verspeist, aber auch verkocht werden.

Nutztierrassen des Jahres: Zackelschaf und Nackthalshuhn

Auch ein kleines und großes "gefährdetes Nutztier" wurden für 2020 gekürt, und zwar vom Verein zur Erhaltung seltener Nutztierrassen "Arche Austria". Das größere ist ein "kleines, robustes, lebhaftes und scheues Zweinutzungsschaf" namens Zackelschaf. Zweinutzung bedeutet, dass die Menschen es sich ihrer Milch und des Fleisches wegen halten. Die Zackelschafe sind die einzigen Schafe hierzulande mit schraubenförmig gedrehten Hörnern, beim Männchen (Widder) werden sie bis zu einem Meter, beim Weibchen (Aue) halb so lang. Sie werden als "hochgefährdet" eingestuft. Das robuste und laut Experten "schmackhafte" Nackthalshuhn ist das kleinere gefährdete Haustier. Einst in der österreich-ungarischen Monarchie laut historischen Quellen beliebt und auch als "Siebenbürgenhuhn" bekannt, gilt es heutzutage trotz "außerordentlicher Widerstandskraft gegen Hitze und Kälte, Frohwüchsigkeit, guter Legeleistung und leichter Mästbarkeit" als "stark gefährdet".

Eindringling des Jahres:

Eine "Hoffnungsträgerin im Klimawandel", die aber so invasiv ist, dass "naturschutzfachlich wertvolle Standorte aktiv vor ihr geschützt werden müssen", wurde vom Naturschutzbund Österreich zum "Neophyt des Jahres" erwählt: die Robinie (Robinia pseudoacacia). Sie gehört so wie etwa Erbsen und Bohnen zu den Hülsenfrüchtlern (Fabaceae) und trägt im Frühling süßlich duftende weiße Schmetterlingsblüten, die Bienen und anderen Insekten Nektar bieten. Aus ihnen entstehen später ledrige Hülsenfrüchte. Die Robinie kommt mit Hitze und Trockenheit sehr gut zurecht, und kann selbst unwirtliche Flächen schnell besiedeln, so die Experten. Das lässt sie einerseits als Pionierpflanze den Lebensraum zum Nutzen anderer Arten umgestalten, macht sie aber auch zu einem "sehr invasiven Neophyten". Diese Problematik wolle man mit der Ernennung aufzeigen, so die Experten.

Service: https://naturschutzbund.at

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