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Die Lungenkrankheit hat bisher 17 Menschenleben gefordert © APA (AFP)
Die Lungenkrankheit hat bisher 17 Menschenleben gefordert © APA (AFP)

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Coronavirus - Experten gehen von 4.000 Infizierten in Wuhan aus

23.01.2020

Die Zahl der mit dem neuen Coronavirus Infizierten ist aktuellen Berechnungen zufolge deutlich höher als die Zahl der festgestellten Fälle. Experten des Imperial College London gehen davon aus, dass bis zum 18. Jänner bei etwa 4.000 Menschen in der chinesischen Stadt Wuhan Symptome aufgetreten sind.

Das ging aus einem Bericht des Zentrums für die Analyse globaler Infektionskrankheiten hervor. Bis 23. Jänner wurde das Virus bei 571 Menschen nachgewiesen, wie die chinesische Gesundheitsbehörde berichtete.

Rechenmodell verknüpft Faktoren

Die Schätzung der britischen Experten geht auf ein Rechenmodell zurück, in dem die im Ausland festgestellten Infektionen mit der Zahl der Flugreisenden, der Bevölkerung und der angenommenen Inkubationszeit verknüpft wurden. Es sei wahrscheinlich, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten deutlich höher ist als die Zahl der nachgewiesenen Fälle. Mit der Ausweitung der Tests und der Beobachtung des Geschehens sei zu hoffen, dass die Unterschiede zwischen den geschätzten und den nachgewiesenen Fallzahlen schrumpfen.

Die Forscher vom Imperial College gehen von einer Inkubationszeit von fünf bis sechs Tagen aus. Dabei handelt es sich aber um eine Schätzung auf Grundlage von Erfahrungen mit ähnlichen Krankheiten. Zwischen dem Ausbruch der Krankheit und der Diagnose würden aber wohl häufig weitere vier bis fünf Tage vergehen, hieß es in dem Bericht.

China riegelt betroffene Wuhan ab

Im Kampf gegen die Krankheit riegelt die chinesische Regierung besonders stark betroffene Großstädte ab. In der Elf-Millionen-Metropole Wuhan wurden Flüge, Zügen, Fähren, Fernbusse und der öffentliche Nahverkehr gestoppt, die Ausfallstraßen wurden nach und nach gesperrt.

Bewohner Wuhans wurden aufgefordert, die zentralchinesische Stadt nicht mehr zu verlassen. Zudem sollen in der Öffentlichkeit Schutzmasken getragen werden - bei Nichteinhaltung drohen Strafen. Rasch waren Straßen, Märkte und Einkaufszentren wie leergefegt. Etliche Besucher konnten die Stadt vorerst nicht mehr verlassen.

Staatliche chinesische Medien berichteten, dass die Autobahn-Mautstellen in der Nähe von Wuhan geschlossen würden, wodurch die Straßenausfahrten abgeschnitten seien. Eine Einwohnerin der zentralchinesischen Stadt sagte, sie könne Wuhan nicht verlassen, weil Wachposten die Zufahrt zur Autobahn blockierten. Menschen drängten sich in Krankenhäusern für Untersuchungen, räumten die Regale der Supermärkte leer und an den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen.

Huanggang und Chibi ebenfalls abgeriegelt

Stunden später folgten Beschränkungen für zwei weitere Millionenstädte: In der 75 Kilometer östlich gelegenen Sieben-Millionen-Stadt Huanggang sollte der öffentliche Verkehr ab Mitternacht gestoppt werden, Menschen sollen die Stadt nicht mehr verlassen, wie die Stadtregierung mitteilte. Ähnliche Restriktionen gelten für die benachbarte Stadt Ezhou mit einer Million und für die Stadt Chibi mit einer halben Million Einwohnern. Alle Städte liegen in der Provinz Hubei.

Zusammen mit den Bewohnern der bereits abgeriegelten Metropole Wuhan gelten die Beschränkungen damit für rund 20 Millionen Menschen. Die Abschottung ist eine beispiellose Maßnahme. "Das ist einmalig in der neueren Geschichte, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom deutschen Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Auch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist nach Angaben eines Sprechers kein vergleichbarer Fall bekannt.

Die Region ist von dem auch schon in anderen Teilen Chinas und einigen Ländern wie Thailand und den USA nachgewiesenen neuen Coronavirus besonders stark betroffen. In Europa ist bisher kein Fall bekannt. Über die Abriegelung habe China ohne Rücksprache mit der WHO entschieden, hieß es von der Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf. Die Aktion sei zu begrüßen, sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Massenansammlungen seien ein Risikofaktor für die Verbreitung.

Das Virus wurde in China mittlerweile bei mindestens 620 Menschen nachgewiesen, wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete. Dazu zählten rund 100 schwere Fälle, alle in der Provinz Hubei mit der besonders betroffenen Metropole Wuhan. Nachweisliche Todesursache war das Virus bisher bei 17 Menschen - zumeist ältere mit Vorerkrankungen.

Reisewelle zu Neujahrsfest

Mit der Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest wächst die Gefahr einer Ausbreitung der Viruskrankheit. Bei der größten jährlichen Reisewelle des Landes sind einige Hundert Millionen Chinesen unterwegs. In Peking wurde aus Angst vor dem Virus alle größeren Veranstaltungen und Tempelfeste anlässlich des Neujahrsfestes gestrichen.

Allerdings ist das Coronavirus nach Einschätzung von Experten weiter ein kaum ansteckender Erreger. Die meisten Fälle beträfen nach wie vor Wuhan, das Virus habe sich nicht sehr stark ausgebreitet, sagte der Hamburger Virologe Schmidt-Chanasit. Zudem habe sich kaum Krankenhauspersonal angesteckt, und auch bei den Fällen in anderen Ländern habe es bisher keine Übertragung auf weitere Menschen gegeben. "Vielfach geht das Virus höchstens auf einen weiteren Menschen über, dann läuft sich die Infektion tot", erklärte er.

Auch nach WHO-Informationen haben sich Menschen bisher nur bei engem Kontakt mit Infizierten angesteckt, in der Familie oder in Praxen und Gesundheitszentren. Das Virus sei zudem bisher stabil, es seien keine Mutationen beobachtet worden, sagte Michael Ryan, Direktor der WHO-Notfallprogramms. Coronaviren gelten als sehr anpassungsfähig und wandelbar - Veränderungen im Erbgut könnten das neue Virus gefährlicher und ansteckender machen.

Kontrollen in Rom

Die Lungenkrankheit, von der vor allem Menschen in der chinesischen Millionenmetropole betroffen sind, hat nach bisherigen Erkenntnissen 17 Menschenleben gefordert.

In Rom wurden 202 Flugpassagiere und Besatzungsmitglieder, die aus Wuhan gekommen sind, nach Angaben eines Flughafensprechers auf Anzeichen einer Infektion mit dem Coronavirus überprüft. Sie seien an Bord einer Maschine der China Southern Airlines in die italienische Hauptstadt gekommen. Es sei das erste Mal, dass eine derartige Überprüfung vorgenommen werde, seit die italienischen Gesundheitsbehörden diese Woche Sonderkontrollmaßnahmen anordneten, um eine Übertragung des Virus zu verhindern. Informationen über mögliche Verdachtsfälle lagen zunächst nicht vor.

Regelmäßige Zwischenstände sollen Panik verhindern

Im Gegensatz zum Ausbruch des SARS-Virus, der in China begann und in den Jahren 2002 bis 2003 fast 800 Menschen tötete, veröffentlicht die chinesische Regierung regelmäßig neue Zwischenstände, um Panik in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Die stellvertretende chinesische Ministerpräsidentin Sun Chunlan erklärte staatlichen Medien zufolge während eines Besuchs in Wuhan, dass die Behörden offen im Umgang mit dem Virus und mit dessen Bekämpfung sein müssten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wollte in einem Krisentreffen entscheiden, ob der Ausbruch einen internationalen Gesundheitsnotstand darstellt. Damit verbunden wären schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung einer Krankheit. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus lobte die Abschottung der Elf-Millionen-Metropole Wuhan als eine "sehr, sehr starke Maßnahme". Dies zeige die Bereitschaft der chinesischen Behörden, die Risiken für das In- und Ausland zu minimieren.

Service: Bericht auf der Website des Imperial College London: http://go.apa.at/0qLiTxfv

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