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Wiedereröffnung ist für April 2021 geplant © APA (Zehetleitner)
Wiedereröffnung ist für April 2021 geplant © APA (Zehetleitner)

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Grazer Volkskundemuseum-Chefin: "Profilierung in Richtung Gegenwart"

08.02.2020

Seit Juli 2019 leitet Claudia Unger die Abteilung für Volkskunde im Universalmuseum Joanneum. Neben dem Volkskundemuseum in Graz gehört auch das Freilichtmuseum Stübing zu ihrem Aufgabenbereich. Mit der APA sprach sie über die Umbauten, die Neuaufstellung des Hauses und die Aktivitäten zur Gewinnung neuer Besucher und Besucherinnen.

APA: Wie sind Sie zum Volkskundemuseum gekommen?

Unger: Ich habe Germanistik und Geschichte studiert, das ist einmal inhaltlich der Anknüpfungspunkt. Dann habe ich immer in Kultur- und Bildungseinrichtungen gearbeitet, zum Teil auch mit Museumsbezug. Schwerpunkt war in den letzten Jahren im Bereich der Kulturpolitik (Büroleiterin bei ÖVP-Kulturstadtrat Günter Riegler, Anm.), davor im internationalen Segment wie im afroasiatischen Institut. Dass ich hier gelandet bin, ist ein großer Glücksfall. Mich reizt einerseits die Neuaufstellung des Hauses als Museum, andererseits geht es auch darum, den Standort zu entwickeln. Ich möchte die Profilierung in Richtung Gegenwart vorantreiben.

APA: Seit 7. Jänner ist das Museum geschlossen, die Wiedereröffnung ist für April 2021 mit Veranstaltungen im Rahmen der "Steiermark-Schau" geplant. Was wird umgebaut und verändert?

Unger: Wir haben die langjährige Dauerausstellung "Schätze des Alltags" abgebaut. Es sind mehrere Baumaßnahmen geplant, sowohl im Museumsgebäude als auch beim Heimatsaal, den wir barrierefrei erschließen wollen. Wir wollen den Innenhof und die Antoniuskirche an das Museumsareal anbinden und auch die Gärten rundherum, die wunderschön sind, einbinden.

APA: Es gab bisher Dauerausstellungen, die jahrelang gelaufen sind, auch manche Sonderausstellungen waren sehr lange im Programm. Wie schwierig ist es, hier noch das Interesse des Publikums wachzuhalten?

Unger: Es funktioniert über zusätzliche Veranstaltungen, die man einerseits im Ausstellungsareal macht oder zusätzlich in Form von Vorträgen, Diskussionen, über Vermittlungsformate, die gut funktionieren. Da können wir auf einiges aufbauen. Die neue Ausstellung soll aber nicht wieder als Dauerausstellung für sehr lange Zeit unverändert bleiben, sondern es wird mehrere Ausstellungsteile geben, die dann auch veränderbar sein werden. Von diesem Konzept erwarten wir uns größere Flexibilität.

APA: Seit dem Vorjahr gehört das Freilichtmuseum Stübing nördlich von Graz zu Ihrer Abteilung. Was wird sich dort ändern?

Unger: Da wird sich grundsätzlich nichts ändern. Man kann nur nicht mehr wie früher als Stiftung agieren, sondern ist jetzt Teil des Universalmuseums. Die Abteilung kann jetzt durch die beiden Standorte flexibel agieren. In Stübing haben wir durch die alten Häuser ganz klar einen vorindustriellen Schwerpunkt, das ist gut abgedeckt. Dadurch können wir im Volkskundemuseum stärker in die Gegenwart gehen und auch urbane Aspekte berücksichtigen, bis hin ins digitale Zeitalter.

APA: Wie sieht die Besucherstruktur im Volkskundemuseum aus? Vorwiegend Touristen oder eher Grazer, ältere oder jüngere Menschen?

Unger: Im Moment haben wir vor allem viele Schülergruppen gehabt, hier besonders Volksschulen, aber auch ältere Menschen. Es gibt auch einen Verein der Freunde des Volkskundemuseums. Was wir steigern wollen, ist das Segment der jungen Erwachsenen, und wir haben auch bei Touristen noch Luft nach oben. Es ist ein wunderbares Areal, aber der Standort ist nicht ganz einfach, das ist kein stark frequentierter Platz.

APA: Wie wollen sie grundsätzlich junge Menschen fürs das Volkskundemuseum begeistern? Volkskunde an sich ist den meisten Jugendlichen nicht unbedingt ein Anliegen.

Unger: Das ist im Grunde paradox, weil es mit Alltag zu tun hat und damit eigentlich mit jedem. Das wollen wir jungen Leuten klarmachen, indem wir thematisch in die Gegenwart rücken. Wir werden uns mit Themen beschäftigen, die einfach gesellschaftspolitisch eine große Relevanz haben. Es wird um Fragen gehen wie Mobilität oder Nachhaltigkeit, die im Moment einfach eine große Rolle spielen. Wir wollen auch so etwas wie ein Diskursort werden. Um das zu erreichen, werden wir im Bildungs- und Freizeitbereich thematische Netzwerkarbeit machen.

APA: Wie könnten Ausstellungen im Volkskundemuseum aussehen, die Jugendliche interessieren?

Unger: Wir werden interaktive Segmente dabeihaben, einige Elemente der Ausstellung werden sich durch das Zutun der Besucher verändern. Eine wichtige Rolle spielt immer die Vermittlung. Ich glaube auch, dass die Begleitmaßnahmen eine große Rolle spielen, wir wollen das ganze Areal zu einem belebten Ort machen. Jetzt ist es ein bisschen verwunschen, sehr schön, und das soll sich langfristig ändern. Wir möchten für alle ein offenes Haus bieten. Formate, die gut funktionieren wie das Erzählcafe, werden natürlich beibehalten.

APA: Das wäre jetzt die moderne Schiene, was ist mit der traditionellen Volkskunde, wie alten Arbeitsgeräten oder Buttermodeln? Wie wird das weiterhin eingebunden sein?

Unger: Das Haus ist ja historisch gewachsen, der Name des Gründers Viktor Geramb ist damit natürlich verbunden, er hat den Drachensaal oder die Rauchstube einbauen lassen, das sind Dinge, die weiterhin vorkommen werden. Wir haben jetzt eine Sammlung von rund 55.000 Objekten, die werden wir auch zeigen. Zugleich wollen wir die Sammlung erweitern und machen dazu Sammlungsaufrufe, wo wir ganz gezielt Sachen suchen, die aus dem 20. Jahrhundert sind, und die auch auf bestimmte thematische Schwerpunkte hinweisen. Arbeitswelt, Protestbewegungen. Das alles soll ein großes Ganzes werden.

(Das Gespräch führte Karin Zehetleitner/APA)

Service: https://www.museum-joanneum.at/volkskunde

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