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Die Welt im O-Ton

14.02.2020

Von der Stimme des Kaisers bis zu bedrohten Sprachen: Das Phonogrammarchiv der ÖAW sammelt Aufnahmen aus Vergangenheit und Gegenwart und aus der ganzen Welt. Leiterin Kerstin Klenke blickt zu Jahresbeginn in die Zukunft des ältesten Tonarchivs der Erde und ist sich dabei dessen historischer Verantwortung bewusst.

Vergangenes Jahr feierte das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nicht nur sein 120-jähriges Jubiläum, es bekam mit Kerstin Klenke auch eine neue Leiterin. "Es ist diese Arbeit an der Schnittstelle zwischen Forschung und Wissenschaftspolitik, die mich besonders reizt", erklärt die Musikethnologin. Zurzeit finden sich im Phonogrammarchiv etwa 14.000 Stunden Aufnahmen, davon ca. 1.700 Stunden Videoaufzeichnungen. "Und wir sammeln weiter", betont Klenke, die auch Hüterin von fünf Sammlungen ist, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Welche Pläne sie für das Archiv hat und welche Herausforderungen der Umgang mit dem historischen Erbe bereit hält, erzählt sie im Interview.

Was macht das Phonogrammarchiv der ÖAW, abgesehen von seinem hohen Alter, so besonders?

Kerstin Klenke: Wir sind ein sehr vielfältiges Archiv, das nicht ausschließlich auf eine Fachwissenschaft fokussiert ist. Gegründet wurde das Phonogrammarchiv 1899 mit der Absicht, die Dialekte Europas und Sprachen aus aller Welt, Musik sowie Stimmportraits berühmter Persönlichkeiten zu sammeln. Derzeit ist unser Kerngeschäft sicherlich die Kultur- und Sozialanthropologie, die Ethnomusikologie und die Sprachwissenschaft. Aber wir sind für alle Disziplinen offen.

Das Phonogrammarchiv ist nämlich, auch das ist besonders, nach wie vor ein aktives Archiv. Durch kontinuierliche Forschungsarbeiten werden laufend neue Bestände generiert. Eine weitere Besonderheit ist außerdem die Kombination aus Forschungen der Geistes- und Sozialwissenschaften und der Technikforschung. Wie können historische Tonträger abgespielt werden? Wie können Tonträger, die sich zersetzen, wieder spielbar gemacht werden? Auch zu solchen Fragen wird bei uns gearbeitet.

Welche Schätze sind hier zu finden? Und wie gehen Sie mit diesen um?

Klenke: Wir haben Aufnahmen aus der ganzen Welt, die zum Teil eben auch sehr alt sind. Doch wie das mit Schätzen häufig so ist, Schätze sind kostbar, aber sie haben auch ein Gewicht. Viele unserer Aufnahmen sind in sehr ungleichen Machtverhältnissen entstanden. Das betrifft etwa Aufnahmen aus der Zeit des Kolonialismus, in dessen Hochzeit das Phonogrammarchiv gegründet wurde. Da muss man sich wirklich gut überlegen, wie man damit umgeht, wie solche Dokumente publiziert und zugänglich gemacht werden können, ohne diese ungleichen Machtverhältnisse zu reproduzieren. Das sind Schätze, die ethische und politische Herausforderungen mit sich bringen.

Gibt es Aufnahmen, die Sie besonders interessant finden?

Klenke: Es gibt eine Sammlung, die ich besonders interessant finde und die auch in mein eigenes regionales Forschungsgebiet fällt. Und zwar Aufnahmen von Sowjetbürgern aus Zentralasien und dem Kaukasus, die im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Wehrmacht und der SS gekämpft haben. Das ist natürlich ein politisch sehr interessantes, aber ethisch sehr sensibles Material. Mich interessiert, wie diese Aufnahmen zustande gekommen sind, aber eben auch, wie man heute damit umgehen kann. Wie macht man so etwas verfügbar und sorgt zugleich dafür, dass niemand Schaden nimmt? Wenn herauskommt, dass der eigene Großvater in der Wehrmacht gekämpft hat, kann einem das in einem Land wie Usbekistan große Probleme bereiten.

Sie arbeiten gerade an einem neuen Konzept für das Phonogrammarchiv. Was ist da geplant?

Klenke: Eins meiner Ziele ist, dass unsere Bestände bekannter und zugänglicher werden - für die Forschung, für die "source communities", aber auch für die Allgemeinheit. Wem wir welches Material zur Verfügung stellen können, ist allerdings sehr komplex. In Bezug auf Urheberrechte und Personenschutzrechte muss dabei sowohl die Rechtslage in Österreich als auch die Rechtslage in den Herkunftsländern berücksichtigt werden. Hinzu kommen die angesprochenen ethischen Aspekte.

All das gilt es zu beachten und ich möchte in diesem Punkt den direkten Austausch mit den "source communities" bzw. den Nachfahr/innen aufgenommener Personen intensivieren. Das heißt, wie aktuell viele Museen werden auch wir uns verstärkt mit Themen wie Provenienz und Repatriierung beschäftigen. Das ist einfach eine wissenschaftliche und politische Notwendigkeit.

Auf einen Blick:

Kerstin Klenke studierte Musikwissenschaft, Ethnologie und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Universität zu Köln und der Universität Wien. Sie promovierte in Musikethnologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Weitere akademische Stationen führten sie an die Stiftung Universität Hildesheim, die Goethe-Universität Frankfurt/Main und die Universität Wien. Seit März 2019 leitet Klenke das Phonogrammarchiv der ÖAW.

Quelle: ÖAW

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