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Chloroquin wird seit Jahrzehnten gegen Malaria eingesetzt © APA (AFP)
Chloroquin wird seit Jahrzehnten gegen Malaria eingesetzt © APA (AFP)

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Hydroxychloroquin: Zweifel am großen Nutzen für Covid-19-Patienten

26.05.2020

US-Präsident Donald Trump hat sich zum Schutz vor dem neuartigen Coronavirus zur vorbeugenden Einnahme von Hydroxychloroquin entschlossen, Brasilien empfiehlt das Malariamedikament zur Behandlung selbst leichter Covid-19-Fälle. Eine neue Studie warnt vor schweren Nebenwirkungen, woraufhin die WHO die klinischen Tests vorerst aussetzte. Ein Überblick über den Wissensstand:

Was ist Hydroxychloroquin? Chloroquin ist ein günstiges Medikament, das seit Jahrzehnten gegen Malaria eingesetzt wird. Je nach Land und Hersteller wird es unter unterschiedlichen Namen verkauft, zum Beispiel Resochin oder Nivaquine. Hydroxychloroquin ist ein verwandter, besser verträglicher Arzneistoff, mit Handelsnamen wie Quensyl oder Plaquenil. Hydroxychloroquin wird außer bei Malaria auch bei rheumatischen Erkrankungen wie Lupus verabreicht. Zur Behandlung von Covid-19 wurde vor allem Hydroxychloroquin getestet.

Wirkt das Medikament gegen Covid-19? Im Labor und bei Tierversuchen hat sich Hydroxychloroquin in einigen Fällen als wirksam gegen Viren gezeigt. Darauf gründet die Hypothese, dass es auch das neue Coronavirus abtöten könnte. Bei Laborversuchen ist das gelungen, klinische Studien an Patienten kommen allerdings zu mitunter widersprüchlichen Ergebnissen. Keine der bisherigen Studien entspricht den üblichen Forschungsstandards, wonach die Probanden zufällig ausgewählt werden und es eine Kontrollgruppe gibt, der Placebos verabreicht werden. Auch handelt es sich nicht um sogenannte Doppelblindstudien, bei denen weder Ärzte noch Patienten wissen, wer welcher Gruppe angehört. Zum Standard gehört auch, dass unabhängige Wissenschafter eine Studie prüfen und bewerten, bevor sie in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird.

Welche Studien gibt es? Der französische Virologe Didier Raoult hat mehrere Studien veröffentlicht, die nach seiner Darstellung die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Kombination mit einem Antibiotikum belegen. Er propagiert die breite Anwendung gegen Covid-19 bereits bei den ersten Symptomen. Bei seiner dritten Studie mit mehr als 1.000 Patienten stellte Raoult nach eigenen Angaben fest, dass nach zehn Tagen mehr als 90 Prozent das Virus erfolgreich bekämpft hatten. Doch dieses Ergebnis ist vergleichbar mit dem natürlichen Verlauf der Krankheit, auch die Sterblichkeitsrate war dieselbe.

Eine Studie in New Yorker Krankenhäusern, die Anfang des Monats in der US-Zeitschrift "The New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde, ergab, dass Hydroxychloroquin den Zustand von schwer Erkrankten weder verbessere noch deutlich verschlechtere. Eine chinesische und eine französische Studie testeten vor Kurzem Hydroxychloroquin bei Covid-19-Patienten, die mit Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Das Risiko, reanimiert werden zu müssen oder zu sterben, verringerte sich demnach durch die Gabe des Mittels nicht wesentlich.

Ein Forscherteam der Harvard Medical School in Boston und des Universitätsspitals Zürich veröffentlichte in der Fachzeitschrift "The Lancet" eine Studie, für die es die Daten von 96.000 Patienten in hunderten Krankenhäusern weltweit auswertete. Dabei kamen die Mediziner zu dem Schluss, dass Hydroxychloroquin und Chloroquin keinen Nutzen bei Covid-19 bringen. Vielmehr wiesen die Daten auf ein erhöhtes Sterberisiko hin. Die Medikamente können der Studie zufolge schwere Nebenwirkungen verursachen wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen.

Auch im Rahmen von "Discovery", einer großangelegten europäischen Forschungsreihe zu potenziellen Mitteln gegen SARS-CoV-2, wird Hydroxychloroquin derzeit erforscht. Da es an Patienten mit Hydroxychloroquin-Behandlung mangelt, dürfte es aber noch einige Zeit dauern, bis Ergebnisse vorliegen.

Was sind die Nebenwirkungen? Vor allem Chloroquin, aber auch Hydroxychloroquin, kann zum Teil schwere Nebenwirkungen verursachen. Dazu zählen Übelkeit, Erbrechen, Hautausschläge, aber auch neurologische, kardiologische und Sehstörungen können auftreten. Deshalb hält die Europäische Arzneimittelagentur den Einsatz gegen Covid-19 nur für "klinische Versuche und Notfallprogramme" unter strengen Auflagen für vertretbar.

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