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Projekt GENPATH fragt nach der Lebensqualität und sozialen Eingebundenheit © AP x 90/unsplash
Projekt GENPATH fragt nach der Lebensqualität und sozialen Eingebundenheit © AP x 90/unsplash

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"Soziale Kontakte sind ein Puffer gegen Einschränkungen"

29.06.2020

Ein europäisches Forschungskonsortium geht der Frage nach, wo soziale Isolation und Einsamkeit bei älteren Menschen ihren Ursprung haben. Mit Blick auf Genderaspekte sollen Langzeitdaten und Ländervergleiche erstmals ein genaueres Bild von sozialer Exklusion im Alter liefern und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft aufzeigen.

Warum fällt es manchen Menschen schwerer als anderen, im Alter ein aktives Sozialleben zu führen? Die Gründe dafür sind vielfältig: weniger Mobilität, der Verlust von Freunden und Bekannten, gesundheitliche Probleme oder auch die zunehmende Altersarmut zählen zu den Faktoren. Die Corona-Pandemie hat diese Problematik deutlich sichtbar gemacht, indem ältere Menschen von heute auf morgen isoliert wurden. Obwohl die Maßnahmen dem Schutz dieser sogenannten Risikogruppe galten, zogen Ausgangsbeschränkungen, Besuchsverbote und fehlende Betreuung alleine in Österreich für rund 20 Prozent der Bevölkerung - das entspricht dem Anteil der über 65-Jährigen - zum Teil dramatische Effekte nach sich.

Intaktes Sozialleben im Alter besonders wichtig

"Soziale Exklusion ist ein facettenreiches Problem mit tiefgreifenden Konsequenzen für die Betroffenen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt", bestätigt Anna Wanka. Die Soziologin mit dem Schwerpunkt Altersforschung arbeitet derzeit an dem internationalen und vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt GENPATH mit, das sich mit der Lebensqualität und sozialen Eingebundenheit von Menschen nach ihrem Erwerbsleben beschäftigt. "In diesem Lebensabschnitt wird ein funktionierendes Sozialleben zu einem noch zentraleren Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden", erläutert Wanka.

Forschungsteams aus sechs europäischen Ländern plus Israel werten aktuell Längsschnittdaten aus, unter anderen aus der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). Hier werden regelmäßig Daten zu Gesundheit, sozio-ökonomischem Status, aber auch zu sozialen und familiären Netzwerken von Personen ab 50 Jahren erhoben. Die letzte Erhebungswelle erfolgte 2018. Diese Daten werden im Projekt mit vertiefenden qualitativen Interviews ergänzt.

Ländervergleiche, Genderaspekte und Lebensphasen im Fokus

Europaweit ist soziale Exklusion unter Älteren unterschiedlich stark ausgeprägt mit einem Gefälle zwischen osteuropäischen Ländern und Nordwesteuropa. Die Bandbreite reicht von 10 Prozent in Deutschland bis zu 52 Prozent in Bulgarien wie Datenerhebungen zu Einsamkeit belegen. Im Schnitt liegen die Raten unter den 70- bis 80-Jährigen zwischen dem Doppelten und Dreifachen jener der Jungen zwischen18 und 30 Jahren. "Warum es so große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt, ist bis jetzt kaum untersucht", erklärt Anna Wanka. Auch bleibt der Geschlechteraspekt häufig außer Acht, der ein zentraler Fokus der aktuellen Untersuchungen in GENPATH ist. Das Projekt untersucht entsprechend, wie sich soziale Exklusion im Alter zwischen Männern und Frauen unterscheidet und welchen Einfluss dabei die unterschiedlichen Wohlfahrtssysteme und die in ihnen eingeschriebenen Geschlechterbilder, von konservativ bis zu progressiv, haben. Die Hypothese lautet: Die Grundlagen für soziale Exklusion im Alter werden über den gesamten Lebensverlauf gelegt und Faktoren wie (Gender)-Normen und Werte spielen dabei eine zentrale Rolle.

"Wir wissen, dass es in besser entwickelten Wohlfahrtsstaaten weniger Exklusion gibt", erklärt die Soziologin und ergänzt: "Individuelle Lebenslagen und deren Entwicklungen hängen unmittelbar mit der Gesellschaft zusammen und diese wiederum geben Gender-Wege vor." In den einzelnen Ländern gibt es dementsprechend auch große Geschlechterunterschiede in Bezug auf Zufriedenheit und Inklusion, wobei Österreich laut Wanka im Mittelfeld liegt. "In Österreich spielen die starken Pensionistenvertretungen eine entscheidende Rolle. Daher gibt es relativ viele Angebote für Seniorinnen und Senioren und wichtige Unterstützungsmaßnahmen, von Freizeitangeboten bis zum betreuten Wohnen."

Frauen häufiger betroffen

"Soziale Kontakte erhöhen die Zufriedenheit und sind ein Puffer gegen viele Einschränkungen im Alter", betont Wanka. Zudem würde die Gesellschaft viel Potenzial verlieren, unterstreicht die Soziologin, wenn ältere Menschen pauschal als defizitär (eingeschränkt, krank, unproduktiv) eingeschätzt oder im Extremfall gar als "Risikogruppe" isoliert werden, wie es während der Corona-Pandemie passiert ist. Insgesamt betrachtet sind Frauen häufiger von sozialer Benachteiligung betroffen, da die heutige Generation älterer Frauen durchschnittlich einen geringeren Bildungsstand, häufig prekäre und lückenhafte Erwerbsverläufe und damit geringere Pensionen hat. Gleichzeitig weisen sie eine höhere Lebenserwartung auf, was dazu führt, dass ältere Frauen häufiger partnerlos sind und alleine leben. Wichtig ist aber auch, die subjektive Wahrnehmung der älteren Generation miteinzubeziehen - so ist nicht jede ältere Person, die etwa alleine lebt, auch automatisch einsam. Deswegen sind Interviews mit Betroffenen ein wichtiger Teil der Studie, die derzeit aufgrund der Corona-Krise stocken, wie die Wissenschaftlerin berichtet.

Aus den Ländervergleichen erhoffen sich die Forscherteams wichtige Erkenntnisse, die auch politisch Verantwortlichen als Entscheidungsgrundlagen dienen sollen. An Ländern wie Schweden zeigt sich etwa, dass es sich lohnt, in Gleichberechtigung zu investieren. Dort, wo Erwerbsarbeit zwischen Frauen und Männern ausgeglichener ist, lässt sich hohe Lebensqualität und Gesundheit eher bis ins Alter sichern. "Über den ganzen Lebensverlauf genügend Möglichkeiten zu haben, soziale Kontakte zu pflegen, ist entscheidend", sagt Wanka. Eine Voraussetzung dafür ist ausreichend Freiraum, den es in Zeiten von Turboarbeit und Gewinnmaximierung allerdings kaum noch gibt.

Zur Person

Anna Wanka ist Soziologin mit Schwerpunkt Alterssoziologie und hat am Institut für Soziologie der Universität Wien promoviert. Derzeit habilitiert sie sich an der Goethe- Universität in Frankfurt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des vom FWF geförderten europäischen ERA-Net-Projektes GENPATH, das noch bis 2021 läuft.

Publikationen

Aartsen, M., Hansen, T.: Social Participation in the Second Half of Life, in: Encyclopedia of Biomedical Gerontology, Rattan, Suresh (Ed.), p. 247-255, 2020von Soest, T., Luhmann, M., Hansen, T., Gerstorf, D.: Development of Loneliness in Midlife and Old Age: Its Nature and Correlates, in: Journal of Personality and Social Psychology, 2020

Kontakt:
Ingrid Ladner
FWF - Der Wissenschaftsfonds
1090 Wien, Sensengasse 1
Redaktion scilog
ingrid.ladner@fwf.ac.at
T: +43-1/505 67 40-8117
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