Medizin & Biotech

Dieses Relief einer Grabplatte der 2. Dynastie zeigt eine Frau der altägyptischen Mittelschicht an einem Opfertisch und mit Totenopfern, die sie symbolisch im Jenseits versorgten © Helwan Project
Dieses Relief einer Grabplatte der 2. Dynastie zeigt eine Frau der altägyptischen Mittelschicht an einem Opfertisch und mit Totenopfern, die sie symbolisch im Jenseits versorgten © Helwan Project

Partnermeldung

Antiker Friedhof ohne Pomp und Gloria liefert neue Erkenntnisse

27.07.2020

Das Bild vom Alten Ägypten ist stark von Königs- und Elitengräbern geprägt. Die Relevanz von Grabstätten der normalen Bevölkerung wurde lange unterschätzt. Die Forschungstätigkeit in der "Nekropole von Helwan", dem größten antiken Friedhof seiner Zeit, verdeutlicht den Stellenwert des Individuums, gibt Einblicke in die Ursprünge der Steinbearbeitung und liefert Bezugspunkte für die Zeitrechnung.

"In einem ausgesprochen einfachen Grab haben wir in der Hand des Toten ein Nahrungsmittel gefunden. Vielleicht ein Stück Brot? Nach seinem Tod wurde es ihm vorsichtig in die Hand gelegt und diese so vor das Gesicht drapiert, dass er im Jenseits mit Nahrung versorgt ist", beschreibt Eva Christiana Köhler einen berührenden Fund. Dabei handelt es sich um eines von 218 Gräbern, die die Ägyptologin und Archäologin mit ihrem Team auf einem unbekannten Teil der "Nekropole von Helwan" neu entdeckte. Dieses Grabungsgelände am Ostufer des Nils, nahe des heutigen Helwan und rund 25 Kilometer südlich von Kairo gilt als der größte antike Friedhof seiner Zeit. Wie Funde belegen, hatte er seine Blütezeit zwischen 3.300 und 2.700 v. Chr., was in die Mitteleuropäische Bronzezeit fällt.

Doch nicht allein seine Größe machen ihn einzigartig: In der Nekropole sind hauptsächlich Normalsterbliche von der altägyptischen Unter- bis zur Oberschicht aus Memphis, als es Hauptstadt war, begraben. "Die Gräber erlauben es uns, die urbane Gesellschaft von unten nach oben zu betrachten und besser zu verstehen", erklärt Köhler, die seit 2010 das Institut für Ägyptologie der Universität Wien leitet.

Rettung für Nachwelt in letzter Sekunde

Auf dem bis dahin unerforschten Areal stießen die Forschenden in mehrjährigen Grabungsarbeiten auf insgesamt 218 Gräber, 229 Leichname, etwa 70.000 Pflanzen- und 13.000 tierische Überreste, sowie mehr als 150.000 Keramikfragmente, hunderte Gefäße und etwa 2.000 andere Artefakte. Das rund 7.000 Quadratmeter große Gebiet mache laut Köhler nur einen kleinen Teil des ursprünglichen Grabungsgeländes aus. Erste Ausgrabungen gab es dort bereits in den 1940er-Jahren unter der Leitung des namhaften ägyptischen Archäologen Zaki Youssef Saad (1901-1982). Damals konnten mehr als 10.000 Gräber auf einer Fläche von rund 100 Hektar freigelegt werden.

Köhler begann ihre Forschungstätigkeiten 1997, die zunächst darin bestanden, die Funde von Saad mit modernen Methoden teils nochmals auszugraben, zu lokalisieren und zu dokumentieren. Ihre eigenen Ausgrabungen auf einem unerforschten Teil des Friedhofs schlossen die Grabungstätigkeiten ab. Dabei entging diese archäologische Stätte wegen des hohen Bebauungsdrucks mehrmals nur knapp dem Schicksal, für immer unzugänglich zu werden: "Einen Tag, nachdem wir 2006 die Ausgrabungen abgeschlossen hatten, kamen die Bewohner des angrenzenden Dorfs, um Territorien zur Bebauung abzustecken. Das beobachtete mein ägyptischer Kollege und informierte mich sofort", erinnert sich Köhler, die damals Dozentin an der Macquarie University in Sydney war.

Daraufhin wandte sie sich an die ägyptischen Behörden. Seither steht das gesamte Gelände von rund 20 Hektar unter ägyptischem Denkmalschutz und ist von einer Schutzmauer umgeben. Was bei den jüngsten Freilegungen ans Licht kam, hat sie im Rahmen eines Forschungsprojekts, das der Wissenschaftsfonds FWF finanzierte, dokumentiert und analysiert.

Individuum hatte hohen Stellenwert

"Das bekannte bzw. pharaonische Memphis liegt mit einer Luftlinie von 7 bis 8 Kilometern zu weit weg. Bei normalen Leuten, wie wir sie in Helwan begraben finden, liegen Wohn- und Begräbnisort nahe beieinander", erklärt die Ägyptologin. Daraus folgt, dass die erste Stadt Memphis, deren Lage bis heute unbekannt ist und die schon vor den Pharaonen existierte, deutlich näher an der Nekropole gelegen sein muss. Ein zentraler Faktor, mit der die Archäologie hier arbeitet, ist der sogenannte "Begräbnisaufwand". Dieser steht stets im Verhältnis zu den sozioökonomischen Möglichkeiten der zu Bestattenden. Die Gräber zeigten: In allen sozialen Schichten wurde je nach Machbarkeit stets viel Aufwand für die Bestattung betrieben.

Zur Standardausstattung gehörte eine Grabgrube oder unterirdische Anlage, Keramikgefäße für Nahrungsmittel sowie Objekte aus dem persönlichen Besitz. "Außerdem waren alle Grabstätten sehr ordentlich. Selbst für den Ärmsten, der in eine Schilfmatte gewickelt war, wurde eine Grube ausgehoben und der Leichnam sehr sorgfältig und vorsichtig hineingelegt", sagt Köhler. Außerdem offenbarten die anthropologischen Untersuchungen, dass die Menschen allgemein relativ gesund waren und zudem keine Mangelerscheinungen aufwiesen. Besonders hervorzuheben ist, dass das Individuum in jeder sozialen Schicht einen großen Stellenwert hatte. Jede Person - ob Mann, Frau oder Kind - wurde mit allem, was die Identität ausmachte, in einem eigenen Grab beerdigt.

Hohe Steinbearbeitungskunst bereits früh bekannt

Wer zu welcher sozialen Schicht gezählt werden kann, lässt sich mit gewisser Vorsicht anhand von Menge, Qualität und Material der Objekte im Grab abschätzen. Metallfunde, kostbare Importware oder Halbedelsteine, wie sie für Elitegräber üblich sind, konnten in der Nekropole von Helwan selten identifiziert werden. Bei Menschen aus niederen sozialen Schichten finden sich in Gräbern vor allem praktische Objekte der materiellen Kultur, die sie zu Lebzeiten nutzten. Wer einer höheren Schicht angehörte, nutzte das Medium der Schrift, um das, was ihn oder sie ausmachte - die Identität - darzulegen. Auf insgesamt 50 Grabreliefs fanden sich bildliche Darstellungen, Namen und Berufstitel. Manche sind im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt.

"Deren Qualität, der hohe Grad an Präzision, die Ästhetik und Individualität ist zum Teil erstaunlich. Daher wissen wir nun, dass die Kunstfertigkeit, die man mit dem Pyramidenzeitalter assoziiert, seine Ursprünge in prädynastischer Zeit hat", ergänzt Köhler. Gleiches gilt für die Ingenieurskunst: Wie eine Grabstätte zeigt, wusste man schon mehrere hundert Jahre vor dem Bau der Pyramiden, wie man zweieinhalb Tonnen schwere Steinblöcke abbaut, sicher an den Zielort transportiert und auf den Zentimeter genau in der Grabkammer einsetzt.

Neue Quellen für 2. Dynastie

Die Gräber der Nekropole Helwan sind darüber hinaus auch für die Zeitrechnungskunde wertvoll: In der historischen Chronologie der ägyptischen Geschichte sind die Regierungszeiten der Pharaonen (Dynastien) wichtige Bezugspunkte, weshalb Königsgräber eine zentrale Quelle sind. Allerdings ist über die 2. Dynastie wenig bekannt. Deren Dauer konnte noch nicht exakt bestimmt werden und wird auf 140 bis 220 Jahre geschätzt. "Spannend ist, dass die Nekropole in Helwan einen riesigen Datensatz an materieller Kultur liefert und die 2. Dynastie sehr gut repräsentiert ist. Deshalb können wir nun sagen, dass sie fünf Phasen aufwies und eher länger als kürzer dauerte", erläutert die Forscherin, die aktuell mit dem Deutschen Archäologischen Institut Kairo die Königsgräber in Abydos erforscht. Denn erst die Synchronisierung der unterschiedlichen historischen Abschnitte ermöglicht die exakte Eingrenzung einer Zeitspanne.

Etliche Fundstücke aus der Nekropole sind bereits im teileröffneten neuen National Museum of Egyptian Civilization ausgestellt und auch im Grand Egyptian Museum, das wegen der Corona-Pandemie vermutlich nicht wie geplant 2020, sondern erst nächstes Jahr eröffnen wird, wird vieles der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Gräber von Normalsterblichen sind zweifellos aufschlussreiche Quellen und wertvoll für Forschung und Kultur, um frühe ägyptische Gesellschaften - vom Bettler bis zum Pharao - in all ihren Facetten besser zu verstehen.

Zur Person

Eva Christiana Köhler ist Ägyptologin und Archäologin. Seit 2010 ist sie Vorständin des Instituts für Ägyptologie der Universität Wien. Vor ihrer Berufung nach Wien war die gebürtige Deutsche über ein Jahrzehnt lang Dozentin an der Macquarie University in Sydney. Etliche Ausgrabungsprojekte führten sie bisher vor allem nach Ägypten und in den Nahen Osten. Die Grabungen in Helwan wurden unter australischer Konzession und bis 2011 auch mit australischer Finanzierung ermöglicht. Seit 2014 unterstützt der Wissenschaftsfonds FWF die Forschungen über den größten antiken Friedhof im Alten Ägypten.

Publikationen

Köhler, E. Christiana: Vor den Pyramiden. Die ägyptische Vor- und Frühzeit. Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2018

Köhler, E. Christiana mit Beiträgen von Ch. Marshall, A. Ali, H. Böhm, and M. Abdel Karem: Helwan IV. Excavations in Operation 4, Tombs 51-100, in: Studien zur Archäologie und Geschichte Altägyptens, Verlag Marie Leihdorf 2017

Köhler, E. Christiana: The Development of Social Complexity in Early Egypt. A View from the Perspective of the Settlements and Material Culture of the Nile Valley, in: Ägypten und Levante, Vol. 27, pp. 335-356, 2017

Rückfragehinweis:
Ingrid Ladner
FWF - Der Wissenschaftsfonds
1090 Wien, Sensengasse 1
Redaktion scilog
ingrid.ladner@fwf.ac.at
T: +43-1/505 67 40-8117
STICHWÖRTER
Wien  | Forschung  | Wissenschaft  | Geschichte  | Archäologie  | Ägyptologie  |
Weitere Meldungen aus Medizin & Biotech
APA
Partnermeldung