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US-Flugzeug warf am 6. August 1945 Uran-Bombe auf Hiroshima © APA/AFP/US ARMY/Hiroshima Peace Memorial Museum/Handout
US-Flugzeug warf am 6. August 1945 Uran-Bombe auf Hiroshima © APA/AFP/US ARMY/Hiroshima Peace Memorial Museum/Handout

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Hiroshima-Jahrestag - "Ich bin der Tod, der Zerstörer der Welten"

05.08.2020

Unter der Nazi-Herrschaft gelang dem deutschen Chemiker Otto Hahn im Dezember 1938 im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin etwas, das er möglicherweise ursprünglich gar nicht gewollt hatte: Beim Versuch, mit Neutronen auf Uran zu schießen, entstand, statt wie von ihm erwartet, kein schweres "Transuran", sondern Barium, nur halb so schwer wie Uran. Damit hatte Hahn als erster einen Atomkern gespalten.

Das Ergebnis seines Experiments teilte er seiner vor den Nationalsozialisten nach Schweden geflohenen jüdisch-stämmigen Forscherkollegin, der österreichischen Physikerin Lise Meitner, in einem Brief mit. Diese erkannte sofort die Brisanz von Hahns Entdeckung. Die Spaltung von Atomkernen setzt ungeheure Energien frei. Sollten die Nazis diese Kraft beherrschen, hätten sie eine Vernichtungswaffe in der Hand, mit der sie die ganze Welt bezwingen könnten.

(Hahn bekam übrigens für die Entdeckung der Kernspaltung 1944 den Chemie-Nobelpreis. Lise Meitner, die seine Messungen korrekt interpretiert und erst so verständlich gemacht hatte, ging dagegen leer aus.)

Mythos der "Zufallsentdeckung" wird hinterfragt

Laut dem deutschen Technikfolgenforscher Wolfgang Liebert gab es jedoch bereits vor Meitner namhafte Mahner. Der "Mythos der Zufallsentdeckung" sollte demnach hinterfragt werden, zumal in den Jahren 1933 bis 1935 manche ganz klar gesehen hätten, "was da auf die Physik und die Welt zukommt", meinte er 2018 gegenüber der APA.

Jedenfalls, als die Nachricht von Hahns Kernspaltungs-Experiment die Exil-Wissenschaftergemeinde in den USA erreichte, schrillten dort die Alarmglocken. Der deutsch-jüdische Physiker Albert Einstein informierte im August 1939 US-Präsident Franklin D. Roosevelt in einem Brief über die Möglichkeit, Uran als mögliche Energiequelle sowie für den Bau neuartiger Waffen zu verwenden. Diesen Brief sollte Einstein später als "Fehler" bezeichnen. Die US-Regierung hatte nämlich umgehend beschlossen, selbst mit Hochdruck an einer Atombombe zu arbeiten.

Ein weiterer bedeutender Physiker, wie Einstein ein Nobelpreisträger, leistete ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Atomspaltung: der Italiener Enrico Fermi. Er forschte in seiner mit Hitler-Deutschland verbündeten und vom Faschisten Benito Mussolini beherrschten Heimat. Schon 1934 hatte er Uran mit Neutronen bestrahlt und damit Grundlagen für Hahns Experimente geschaffen. 1938 emigrierte er aufgrund der antisemitischen Gesetze des Mussolini-Regimes, die seine jüdische Frau Laura und seine beiden Kinder betrafen, mit seiner Familie in die USA.

Fermi gelang im Dezember 1942 an der University of Chicago mit dem Kernreaktor Chicago Pile No. 1 erstmals eine kritische Kernspaltungs-Kettenreaktion, die auch die Voraussetzung für das Funktionieren einer Atombombe bildet. Im Sommer 1944 zog Fermi nach Los Alamos in New Mexico in das geheime Atom-Forschungslabor der USA. Als Berater von Robert Oppenheimer spielte Fermi eine wichtige Rolle bei Entwicklung und Bau der ersten Atombombe im Rahmen des sogenannten Manhattan-Projekts.

Dass dagegen die Nazis nicht in den Besitz dieser Waffe gelangten, lag unter anderem an der Tatsache, dass sie zahlreiche deutsche Wissenschafter - von denen viele Juden waren - ins Exil getrieben oder ermordet hatten. Allerdings gab es auch unter "arischen" Physikern solche, die sich die Erkenntnisse jüdischer Wissenschafter zunutze machten und versuchten, theoretische Grundlagen für den Bau einer Atombombe zu entwickeln.

Also waren die im Nazi-Reich verbliebenen Wissenschafter im Bereich der Atomphysik durchaus auf dem Laufenden - ungeachtet der Ignoranz der meisten NS-Größen. Allerdings fehlten im Gegensatz zu den USA die gewaltigen Mittel und personellen Ressourcen, wie sie beim Manhattan-Projekt zum Einsatz kamen.

Den Deutschen war auch die strategische Bedeutung von Schwerem Wasser bekannt, das etwa für die Produktion von Plutonium benötigt wird. Mit Plutonium kann man ebenso wie mit hoch angereichertem Uran 235 eine Atombombe herstellen. So versuchten die Nationalsozialisten, im von ihnen besetzten Norwegen an im Kraftwerk Vemork hergestelltes Schweres Wasser zu gelangen. Sabotageaktionen des norwegischen Widerstandes und der Alliierten vereitelten dies.

Hätten die deutschen Waffenkonstrukteure Einsteins Formel "E=mc2" für ihre praktische Arbeit zur Anwendung gebracht, hätten sie deren unermessliches Potenzial für die Kriegsführung erschließen können. Die von Einstein entwickelte Formel besagt nämlich, dass die Energiemenge, die man etwa aus einem Gramm Materie gewinnen kann, so gewaltig ist, dass sie dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (rund 300.000 km/s) entspricht.

Atombombenforschung 1942 nach Los Alamos verlegt

Im November 1942 verlegte die US-Regierung von Präsident Roosevelt das Zentrum der Atombombenforschungen nach Los Alamos, wo Tausende Wissenschafter und Techniker arbeiteten, oft ohne zu wissen, woran. Militärischer Chef war General Leslie R. Groves. Als "Vater der Atombombe" gilt J. Robert Oppenheimer, Physiker und Forschungsdirektor von Los Alamos. Ursprünglich war gedacht, die Atombombe notfalls über deutschen Städten zu zünden, doch die Nazis kapitulierten bereits am 8. Mai 1945.

Am 16. Juli 1945 detonierte dann die erste Testbombe auf einem stählernen Turm in der Wüste. Drei Wochen danach warfen US-Flugzeuge Bomben auf japanische Städte - die Uran-Bombe "Little Boy" (gemünzt auf den Intellektuellen Oppenheimer) auf Hiroshima und die Plutonium-Bombe "Fat Man" (bezogen auf den raubeinigen General Groves) auf Nagasaki. Unter dem Eindruck der Zerstörungen distanzierte Oppenheimer sich von Atomwaffen. "Jetzt bin ich zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten", zitierte er Jahre später aus dem hinduistischen Versepos "Bhagavadgita" (das übrigens zur Lieblingslektüre des SS-Führers Heinrich Himmler zählte).

Oppenheimer brachte mit seinen düsteren Worten das verhängnisvolle Wettrüsten zum Ausdruck, das nach der Entwicklung der Atombombe einsetzte. Als US-Präsident Harry S. Truman bei der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 Josef Stalin nach dem gelungenen Test über die neue Waffe "von ungewöhnlicher Zerstörungskraft" informieren konnte, wusste er nicht, dass der Sowjetdiktator, der Spione in Los Alamos hatte, schon von Anfang an über den Bombenbau informiert war. 1949 zündeten die Sowjets ihre erste Atombombe.

1952 Test-Zündung von erster Wasserstoffbombe

Bald danach erfolgte die Entwicklung einer viele Tausende Mal stärkeren Bombe. 1952 fand die Test-Zündung der ersten von den USA konstruierten Wasserstoffbombe statt, deren Sprengkraft nicht auf der Spaltung (Fission), sondern auf der Verschmelzung von Atomkernen (Fusion) basiert. Dieser maßgeblich vom ungarisch-amerikanischen Physiker Edward Teller entwickelte Vorgang wird ausgelöst durch eine "konventionelle" Atombombe, die eine Millionen Grad starke Hitze erzeugt. Dadurch werden die Atomkerne von Lithium und Schwerem Wasserstoff (Deuterium) fusioniert, wodurch Helium und eine enorme Energie-Abstrahlung entstehen, ähnlich wie in der Sonne.

Die stärkste jemals entwickelte Wasserstoffbombe, die "Zar-Bomba" , wurde 1961 von den Sowjets unterirdisch gezündet. Sie war von dem Physiker, späteren Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow entwickelt worden. Zur Zeit des Kalten Krieges fanden zudem unzählige Atombombentests in der Atmosphäre statt, wonach radioaktive Substanzen über die ganze Erde verstreut wurden.

Heute verfügen die Atommächte, allen voran die USA und Russland, laut der Anti-Atombomben-Kampagne ICAN über insgesamt 13.400 Atomwaffen, darunter zahlreiche Wasserstoffbomben. Deren Einsatz könnte die gesamt Menschheit vielfach auslöschen.

Von Paul Zabloudil/APA

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