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Strategien für eine produktive Balance zwischen Relevanz und Exzellenz

02.09.2020

Wo beginnt und wo endet der forschungspolitische Handlungsspielraum, um Exzellenz mit Relevanz zu ermöglichen? Darüber diskutierten virtuell Eva Maria Binder, Jean-Pierre Bourguignon, Tan Eng Chye, Merle Jacob und James Wilsdon auf Einladung des BMBWF und FWF bei den Alpbacher Technologiegesprächen 2020.

Hier die "exzellente" Forschung, die mit hohem Einsatz von Zeit und Geld die Grenzen des Wissens erweitert und deren Ergebnisse weltweit ausstrahlt, dort die "relevante" Forschung, die schnell zu neuen Produkten und Services führt und unmittelbare Wertschöpfung generiert. Diese beiden Arten, Wissenschaft zu betreiben, werden oft als spannungsvolle Gegensätze dargestellt. Doch sind sie das wirklich? Wie findet man die richtige Balance dieser Bereiche? Und wie soll man die Rahmenbedingungen bezüglich Diversität, Interdisziplinarität, Mobilität und anderen Aspekten in einem erfolgreichen und zukunftsorientierten Wissenschaftsbetrieb setzen?

Das sind einige der Fragen, die in der Breakout-Session "Return on Investment: Excellence & Relevance in Science" verhandelt wurden, die am 28. August 2020 im Rahmen der Technologiegespräche des Europäischen Forum Alpbach stattfand - aufgrund von Corona heuer als Online-Konferenz. Veranstaltet vom Wissenschaftsfonds FWF und dem Wissenschaftsministerium (BMBWF) tauschte sich ein hochrangig besetztes Panel zu zeitgemäßen und absehbaren Anforderungen an ein erfolgreiches Wissenschaftssystem aus. Gastgeber waren FWF-Präsident Klement Tockner und die Leiterin der Sektion Wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten im BMBWF, Barbara Weitgruber.

Der Forschungsbetrieb als Ökosystem

Schon in den Anfangsstatements wird klar: Exzellente und relevante Forschung kann nicht abgesondert vom Gesamt-Ökosystem des Wissenschaftsbetriebs betrachtet werden. Tan Eng Chye, Präsident der National University of Singapore, illustrierte diesen Gedanken mit dem Beispiel der fünfjährigen staatlichen Forschungspläne in Singapur, die das gesamte Panorama von der Grundlagenforschung bis zur Wertschöpfung in den Unternehmen abdeckt. Auch Jean-Pierre Bourguignon, interimistischer Präsident des European Research Council ERC, betonte den Vorbildcharakter Singapurs, wo insgesamt drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Forschung fließen. "Vom Ziel der EU, drei Prozent Forschungsausgaben im Jahre 2020 zu erreichen, sind wir weit entfernt", so Bourguignon, "auch wenn manche Länder so wie Österreich, die nordischen Staaten oder nun auch Deutschland dieses Ziel erreichten." Als besonders relevante Strategien des ERC hob Bourguignon die Unterstützung junger und interdisziplinär tätiger Forschender hervor.

Als Stimme aus der unternehmerischen Praxis, in der öffentlich und privatwirtschaftlich finanzierte Forschungskooperationen und Netzwerkbildung das Um und Auf sind, präsentierte sich Eva Maria Binder, Director Executive Board der auf Tiernahrung und -gesundheit spezialisierten Erber Group in Tulln. Großer Erfolgsfaktor des Unternehmens sei demnach ein sehr früher Fokus auf Forschung und Entwicklung, wo auch gegenwärtig sechs Prozent der Umsätze hingehen - Fördergelder der öffentlichen Hand nicht miteingerechnet. Binder betonte, dass auch in der Industrie tätige Wissenschaftler Freiheit in ihrer Forschung zugestanden werde und Platz für Grundlagenforschung da sein müsse.

Merle Jacob, Director of Third Cycle Studies der Lund University in Schweden, wies darauf hin, dass der Wissenschaftsbetrieb viele Aufgaben abseits exzellenter Forschung zu erfüllen habe. Die Herausforderung sei auch, die täglichen Bedürfnisse zu stillen - etwa jene der Lehre. "Die Frage ist, wie eine Strategie aussehen kann, die eine produktive Balance zwischen Relevanz und Exzellenz herstellt", sagte Jacob. Gleichzeitig dürfe man nicht außer Acht lassen, dass jedes Wissenschaftssystem der Mitgliedsländer Teil des größeren Ökosystems der EU sei.

Kritischer Blick auf die "Exzellenz"

Eine kritische Hinterfragung von Exzellenz im Wissenschaftsbetrieb selbst stellt James Wilsdon, Digital Science Professor of Research Policy der University of Sheffield und Direktor des Londoner Research on Research Institute RoRI, in den Vordergrund. "Es ist nicht einfach, des Exzellenz-Begriffs habhaft zu werden. Es stellt sich immer die Frage, welche Kriterien angewendet werden", sagte Wilsdon. "Zu oft wird das Konzept von Exzellenz messbar gemacht, indem man sich auf ein zu eng gefasstes Set von Metriken und Kennzahlen verlässt." Kritische Stimmen dieser Art würden auch in der Forschungscommunity lauter werden.

Debatte und Publikumsfragen der Breakout-Session richteten den Fokus auf eine Reihe von Spannungsfeldern innerhalb des Forschungsbetriebs - von der Möglichkeit eines universellen Grundeinkommens für Forschende bis zu Modellen, wie ambitionierte und von hohem Risiko geprägte Forschungsvorhaben umgesetzt werden können.

FWF-Präsident Tockner stellte etwa die Frage, wie man die Angst junger Forschender begegnen könne, wonach ein zu frühes interdisziplinäres Engagement die Karriere beeinträchtigen könnte. Während Tan dieses Phänomen bestätigte und hier auch die Evaluation innerhalb der Wissenschaften mitproblematisiert, betonte Bourguignon die Wichtigkeit einer Ausbildung, die auf Interdisziplinarität vorbereitet - Erfahrungen sollten in unterschiedlichen Forschungskulturen gemacht werden und Teil der Identitätsbildung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein. Für Jacob dürfe man bei allem Fokus auf junge Forschende aber auch nicht vergessen, dass das Wissenschaftssystem als Ganzes Interdisziplinarität liefern sollte. Deshalb bräuchte es auch Anreizsysteme für verschiedene Karrierestufen.

Brain Circulation statt Brain Drain

Auch die Themenfelder der Mobilität von Forschenden, der oft problematisierte Brain Drain und Strategien des Recruiting wurden von der Diskussion berührt. Wilsdon bemängelte eine fehlende "Porosität" des Wissenschaftsbetriebs: "Es ist schwierig hineinzukommen, es ist schwierig, ihn wieder zu verlassen." Erfahrungen außerhalb der Universitäten würden Forschende aber besser für eine interdisziplinäre Arbeit befähigen. Tan betonte den Stellenwert einer "kritischen Masse an klugen Leuten" an einer Institution, die ihresgleichen anziehen und Brain Drain verhindern. Jacob bot hierzu erneut eine Position aus Perspektive des Gesamtsystems, das "zu einem gewissen Grad von virtueller und physikalischer Mobilität abhängig" ist.

Wenn man Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hervorbringe, die auch anderswo gefragt sind, sei das immerhin ein Zeichen, dass man etwas richtig mache. Von Brain Drain zu sprechen findet Jacob daher problematisch, sie sieht es als eine "Frage der Zirkulation". Auch Wilsdon schlägt in dieselbe Kerbe: Für ihn sind langfristige, stabile Investitionen in Institutionen der Schlüssel zum Erfolg - genauso wie eine flexible und individuelle Mobilität innerhalb des Systems. Befürchtungen hege er eher in Bezug auf eben jene langfristigen Investitionen - und die Geduld von Geldgebern und Universitäten.

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Quelle: FWF-Newsletter

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