Medizin & Biotech

Im Gesundheitswesen ist die Qualität der Leistung ausschlaggebend © APA
Im Gesundheitswesen ist die Qualität der Leistung ausschlaggebend © APA

APA

Praevenire-Gesundheitstage: Gesundheitswesen im Umbruch

15.10.2020

Auch das österreichische Gesundheitswesen muss sich ändern. Dramatische Veränderungen in der Demografie und in der Entwicklung der Medizin führen zu völlig neuen Herausforderungen. Organisatorische Adaptionen, die Etablierung neuer Technologien und auch das Zusammenspiel der Beteiligten in der Politik sind notwendig, hieß es bei den Praevenire-Gesundheitstagen (bis 16. Oktober) im Stift Seitenstetten.

"Wir suchen seit Jahren den Best Point of Service, haben ihn aber noch nicht gefunden. Bei manchen Dingen haben wir ihn gefunden, aber wir haben noch nicht die medizinische Leistung hingebracht", sagte Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer zu den Strukturfragen im österreichischen Gesundheitswesen. Dazu müsse vor allem die Finanzierung geändert werden: mit einer Zusammenfassung der Geldflüsse für die Spitalsambulanzen und die niedergelassene Medizin.

Der ehemalige Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Alexander Biach, schlug in die gleiche Kerbe: Wenn man einfache Schmerzzustände besser beim Allgemeinmediziner als im Wiener AKH behandeln könne, müsse man auch die Kosten sehen. "Im Spital kostet ein Tag um die 850 Euro, eine Konsultation beim Allgemeinmediziner 58 Euro."

Kassen-Allgemeinmediziner als "Gate Keeper"

Oft wird gefordert, dass es im österreichischen Gesundheitswesen die Kassen-Allgemeinmediziner als "Gate Keeper" geben sollte, ohne die eine Konsultation beim Facharzt oder der Gang in die Spitalsambulanz nicht möglich sein sollte. Ein Beispiel für ein solches System gibt es in Großbritannien im staatlichen Gesundheitswesen (NHS). Der Londoner Allgemeinmediziner Werner Leber: "Dieses Gate-Keeper-System entstand aus Mangel an Spezialisten und der Notwendigkeit, die Ausgaben für Gesundheit zu kontrollieren."

Dafür aber sei in Großbritannien ein umfassendes System etabliert worden: Jeder niedergelassene Allgemeinmediziner kann beispielsweise seine Behandlungsergebnisse mit jenen seiner benachbarten Kollegen vergleichen. Es gibt klare Leitlinien für die Therapieabläufe. So hätte man es beispielsweise auch geschafft, ehemals im internationalen Vergleich schlechte Behandlungsergebnisse bei Krebs zu verbessern.

Krebssterblichkeit sinkt, Häufigkeit einer Erkrankung nimmt aber zu

Gerade Krebs wird in Zukunft eine besondere Herausforderung darstellen. Der Wiener Chirurg und Onkologie-Experte Michael Gnant: "Die Krebssterblichkeit sinkt dramatisch." Doch auf der anderen Seite nehme die Häufigkeit von Krebserkrankungen ebenso dramatisch zu. "In zehn Jahren wird die Hälfte der Menschen über 50 Jahre Krebs haben oder gehabt haben."

Im Gesundheitswesen kommt es längst nicht allein darauf an, wie viel an Geld in das System gesteckt wird. Ausschlaggebend ist die Qualität der Leistung. "Und das schönste ist: Seit ich Chefarzt bin, stimmen alle meine Diagnosen", zitierte der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, bei den Gesundheitstagen einen Pathologen mit offenbar veralteten Vorstellungen.

Es komme auf ein "totales Qualitätsmanagement" als Devise im Gesundheitswesen an, sagte Jonitz. "Es geht um Lernen, nicht um Strafen. Wenn Sie Patientensicherheit richtig machen, nützen Sie dem Patienten, sich selbst und dem System", erklärte der Experte.

Zusammenlegung der Krankenkassen verdauen

Um das österreichische Gesundheitswesen weiter zu bringen, muss auch die unter der türkis-blauen Bundesregierung erfolgte Zusammenlegung der Krankenkassen, insbesondere der Gebietskrankenkassen "verdaut" und müssen die notwendigen Änderungen für die Zukunft in Gang gebracht werden, betonte Arbeiterkammer-Direktor Christoph Klein. "Fakten sind Fakten", erklärte er zu den derzeitigen gesetzlich geregelten politischen Machtverhältnissen im neuen Dachverband der Sozialversicherungen. Es sei zu "Kränkungen", zu einer Umkehr der Machtverhältnisse in Richtung Arbeitgeber gekommen, die bei der Gesundheitskasse selbst gar nicht versichert seien. Diskussionen bis zu Kampfabstimmungen im Verwaltungsrat seien in den Gremien die Folge.

"Funktionsfähigkeit setzt umgekehrt voraus, dass zusammengearbeitet wird", erklärte Klein. Das geschehe am besten bei der Bewältigung von Sachproblemen. Unabdingbar sei der Ersatz der zusätzlichen Belastungen und der Beitragsausfälle der Gesundheitskasse durch die Coronakrise per Einmalzahlung der Bundesregierung. "Die letzte Prognose des Defizits liegt bei 200 Millionen Euro", sagte Klein. Da werde aber angenommen, dass alle gestundeten Beitragszahlungen später auch wirklich einträfen. In Wahrheit müsse man allein für 2020 mit einem Defizit von einer halben Milliarde Euro rechnen.

Klare Leitlinien entscheidend

Bei den hoch komplexen Abläufen in der modernen Medizin sind klare Leitlinien und Handlungspfade für Ärzte und Pflegepersonal von entscheidender Bedeutung. Es geht um Evidence Based Medicine (EBM), die auf klaren wissenschaftlichen Befunden beruhe und darum, dass die Entscheidungen auf dieser Grundlage transparent erfolgen, sagte Andrea Siebenhofer-Kroitzsch vom Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der MedUni Graz.

Freilich, die Etablierung dieser Prinzipien ist in Österreich noch nicht weit fortgeschritten. "EBM-Berichte (zu medizinischen Fragestellungen; Anm.) haben in Österreich nur Empfehlungscharakter, es gibt keine gesetzliche Verankerung, dass solche Berichte vor Entscheidungen erstellt werden", erklärte die Expertin. Und: Wesentliche Entscheidungen im österreichischen Gesundheitswesen würden weiterhin intransparent erfolgen.

Wobei Leitlinien und Ähnliches für Ärzte und Pflege vor allem auch handhabbar sein müssen. "Man muss Leitlinien haben. Aber es ist nicht realistisch, dass Ärzte 227 Seiten umfassende Leitlinien einhalten", sagte Peter Husslein, Chef der Wiener Universitäts-Frauenklinik.

Für das österreichische Gesundheitswesen werde auch die Förderung der medizinischen Forschung, auch der klinischen Forschung, entscheidend sein. Hier schneide das Land im Vergleich zu Staaten wie den USA (Pro-Kopf-Ausgaben für klinische Forschung und Jahr: 18 Euro, in Österreich weniger als ein Euro) extrem schlecht ab, erklärte Chirurg und Krebsforscher Michael Gnant.

Man könne sich schon freuen, dass die CRISPR/Cas9-Ko-Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier eine Zeit lang in Wien gearbeitet hätte, aber: "Sie ist aus Wien weggegangen, weil sie keine ausreichende Arbeitsmöglichkeit gehabt hat." Und nicht ein hoch berühmtes und finanziell potentes deutsches Max-Planck-Institut hätte sie abgeworben, sondern sie sei "ziemlich verzweifelt" an die Universität Umea in Nordschweden gegangen. "Das tut man nicht, wenn man gute Arbeitsmöglichkeiten hat", sagte Gnant.

Weitere Meldungen aus Medizin & Biotech
APA
Partnermeldung