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Von Kritikern wird Rathkolb oft Nähe zur roten Reichshälfte vorgeworfen © APA (HOCHMUTH)
Von Kritikern wird Rathkolb oft Nähe zur roten Reichshälfte vorgeworfen © APA (HOCHMUTH)

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Der Zeithistoriker der Nation: Oliver Rathkolb wird 65

30.10.2020

Kaum ein Gedenktag, wenige Konferenzen und sicherlich keine NS-Diskussion in Österreich kommt ohne ihn aus: Als akribischer Aufarbeiter der NS-Vergangenheit trug Oliver Rathkolb ebenso zu seiner Funktion als Zeithistoriker der Nation bei wie mit seiner Analyse Nachkriegsösterreichs. Am Dienstag (3. 11.) begeht der Historiker, der als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats auch dem Projekt "Haus der Geschichte" seinen Stempel aufgedrückt hat, seinen 65. Geburtstag.

Befasst sich das offizielle Österreich mit einer zeithistorischen Frage, ist Rathkolb selten weit. So war auch er es, der nach jahrelangen Diskussionen Anfang 2015 mit der Konzeption eines "Haus der Geschichte" betraut wurde, das schließlich 2018 im Zuge der Feierlichkeiten von 100 Jahre Republik eröffnet wurde. "Sicher kein braves Nationalmuseum", kündigte Rathkolb damals zu Beginn der Planungen an - und trat prompt unzählige, teils bis heute köchelnde Diskussionen vom Standort in der Neuen Burg bis hin zu Finanzierungsfragen los. Auch danach hielt er mit seiner Kritik nicht hinterm Berg, etwa an einer geplanten Umbenennung in ein "Haus der Republik". Seit 2019 macht Rathkolb sich im Auftrag des Europäischen Parlaments als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats nun auch Gedanken darüber, wie ein "Haus der Europäischen Geschichte" aussehen könnte.

Kritische Blicke in die Vergangenheit

Blicken österreichische Institutionen kritisch in ihre Vergangenheit, wird Rathkolb ebenfalls gerne hinzugezogen: So arbeitete er etwa die dunklen Kapitel in der Geschichte der Wiener Philharmoniker auf - und konstatierte unter anderem eine ungewöhnlich hohe Anzahl an NSDAP-Mitgliedern - und war Bestandteil jener Kommission, die den Einsatz der umstrittenen Malaria-Therapie an Wienern Spitälern untersuchte. Die Universität Wien als Forschungsgebiet ergab sich beinahe von selbst für den Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Alma Mater Rudolphina. Gerade erst hat der Historiker im Auftrag der Salzburger Festspiele das Verhältnis von Leopoldine "Poldi" Wojtek, der Gestalterin des Festspiel-Logos, zum Nationalsozialismus untersucht.

Auch Unternehmen vertrauen gerne auf die Expertise des Zeithistorikers: Kaum eine große österreichische Firma, die Rathkolb noch nicht engagiert hat. In der Reihe stehen etwa die P.S.K., für die Rathkolb Konten und Sparbücher von Opfern des Holocausts untersuchte, oder die Voest, bei der die Zwangsarbeit in den "Göring-Werken" der NS-Zeit im Fokus stand. Dasselbe Thema beschäftigte den Historiker wenig später im Auftrag des Verbunds. Durch die Archive der Österreichischen Bundesforste arbeitete sich Rathkolb schließlich, um NS-Vergangenheit und Arisierungen aufzuschlüsseln.

Restitutionsfragen treiben den international bekannten und renommierten Historiker auch in Sachen Kunst um: Er stellte nicht nur eine Liste verschwundener Kunst ins Internet und forderte eine europäische Rechtsnorm, sondern war auch federführend an der Gegendarstellung der Secession im Streit um die Rückgabe des "Beethovenfries" von Gustav Klimt beteiligt. Rathkolb verfolgte aber stets auch die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus: 2005 legte er seine inzwischen zum Standardwerk avancierte Analyse Nachkriegsösterreichs und dessen Ringen um Identität vor. "Die paradoxe Republik" wurde mehrfach aufgelegt, ins Englische übersetzt und erschien 2015 in aktualisierter Form.

Langes Warten auf Zeitprofessur

Von seinen vielen Projekten zeugt nicht nur seine Publikations- und Vortragsliste, sondern auch sein bis zum letzten Fleckchen Regal- und Stellplatz vollgestopftes Büro im Institut für Zeitgeschichte. Dabei musste der am 3. November 1955 in Wien geborene Jurist und Historiker auf seine endgültige Verankerung im Universitätsbetrieb vergleichsweise lang warten. Nach seiner Promotion (Rechtswissenschaften 1978, Geschichte 1982) war er zwischen 1984 und 2005 am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft, ab 1995 als Co-Leiter. 1993 erhielt er die Lehrbefugnis an der Universität Wien und war fortan Dozent für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte.

Erst 2005 erhielt er eine bis 2007 begrenzte Zeitprofessor am Institut für Zeitgeschichte. Nach einem Intermezzo als Direktor des Boltzmann-Institutes für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit folgte 2008 die endgültige Berufung an die Uni Wien. Rathkolb, der sich seinen Kollegen zufolge an langen Arbeitstagen mit Cola und Bananen bei Laune hält, wurde ordentlicher Professor an der Zeitgeschichte. Im Oktober desselben Jahres avancierte er zum Institutsvorstand, eine Position, die er bis 2012 bekleidete und seit 2016 wieder innehat.

Außeruniversitär sorgte der notorische Vielarbeiter ebenfalls für wenige Ruhepausen: Er regte u.a. die Gründung des Demokratiezentrums an, das er zunächst auch leitete, war Mitbegründer und zunächst Mitherausgeber der Fachzeitschrift "Medien und Zeit", ist Herausgeber der Zeitschrift "zeitgeschichte" und Vorstandsmitglied der "Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte".

Kritik an Nähe zu SPÖ

Von Kritikern wird Rathkolb gerne seine Nähe zur roten Reichshälfte vorgeworfen: Er wurde etwa vom ehemaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky zum Hüter seines Lebenswerks bestellt. Zwischen 1985 und 2003 leitete er das Bruno-Kreisky-Archiv und gab in dieser Zeit auch die dreibändigen Memoiren Kreiskys heraus. Seit 2006 ist er Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Theodor-Körner-Fonds für Wissenschaft und Kunst. In heiklen Gedenkfragen verlässt sich die SPÖ-dominierte Stadtregierung Wien ebenfalls gerne auf den Wissenschafter: So bekam das umstrittene Lueger-Denkmal eine Zusatztafel verpasst, nach der Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring durchforstete Rathkolb das Wiener Straßenregister nach weiteren Umbenennungskandidaten.

Für seine Arbeit wurde Rathkolb, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, auch mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2016), das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (2015), das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse (2011) und den Preis der Stadt Wien für Geisteswissenschaften (2012).

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