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Österreich sei "ein Zentrum der FSME-Impfstoffentwicklung" © APA (AFP)
Österreich sei "ein Zentrum der FSME-Impfstoffentwicklung" © APA (AFP)

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FSME-Impfstoffproduktion in NÖ in fünf Jahren mehr als verdoppelt

05.03.2020

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 09/2020 und nicht zwingend tagesaktuell

Auf rund 15 Millionen Dosen ist die Impfstoffproduktion beim Pharmakonzern Pfizer in Orth an der Donau (NÖ) im vergangenen Jahr angewachsen - zum Vergleich: 2014 waren es noch rund sieben Millionen. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung des FSME-Virus wachse der Markt für Impfstoffe auch beständig um etwa zehn Prozent pro Jahr, hieß es bei einem Pressetermin.

In Österreich mit seiner seit Jahrzehnten traditionell hohen FSME(Frühsommer-Meningoenzephalitis)-Durchimpfungsrate von aktuell über 80 Prozent schwanke die Zahl der jährlichen Erkrankungen pro Jahr ein wenig - allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Trotzdem gibt es hierzulande leichte Veränderungen: Wurden etwa 2015 lediglich 64 Fälle verzeichnet, waren es 2017 116, 2018 dann 154 und im Vorjahr 108.

Impfung einziger Schutz

Auch wenn die meisten Infektionen milde verlaufen und die Dunkelziffer daher vermutlich größer sei, "hört eine FSME-Erkrankung nicht nach der Krankenhausentlassung auf", sagte der Leiter der FSME-Impfstoffentwicklung bei Pfizer, Wilhelm Erber, vor Journalisten. Bei Infektionen mit dem europäischen Subtyp des Erregers sei bei rund einem Drittel mit anhaltenden Folgeschäden zu rechnen. Das könnten etwa Lernschwierigkeiten bei Kindern sein. Auf die längerfristigen Folgen konzentriere man sich in der Wissenschaft mittlerweile stärker.

Immer noch gelte, dass "es keine spezifische Therapie gibt". Daher sei die Impfung der einzige Schutz vor der durch Zecken übertragenen Krankheit, die zu schweren neurologischen Verlaufsformen (Hirnhautentzündung oder Meningitis) führen kann. "Der Verlauf ist schicksalhaft", sagte Erber.

Ausbreitung von Japan bis England

Was die zunehmende Ausbreitung betreffe "ist etwas im Gange" - die Gründe seien schwer festzumachen und vermutlich vielschichtig. Träger des Virus finde man mittlerweile von Großbritannien bis zur japanischen Insel Hokkaido. War die Karte der Risikogebiete früher eher fleckig, gehe man momentan von sehr flächigen Verbreitungen auch im Alpenraum aus, so der Experte.

So wandert der Erreger nicht nur Richtung Norden, sondern auch bergauf, was mit der Klimaerwärmung zusammenhänge. In Österreich seien mittlerweile auch inneralpine Täler stärker betroffen. Tirol liegt aktuell in der heimischen Fallstatistik auf Platz zwei hinter Oberösterreich. Die im Schnitt milderen Temperaturen sorgen hierzulande auch dafür, dass die Zecken früher aktiv werden. Outdoorsportler, Hobbygärtner, Waldspaziergänger und Co hätten dadurch im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten laut Erber rund 18 Tage mehr Zeit, sich zu infizieren.

Österreich im Zentrum der Impfstoffentwicklung

Österreich sei jedenfalls nicht nur ein "Paradebeispiel für eine hervorragende Impfaktion", sondern auch "ein Zentrum der FSME-Impfstoffentwicklung". Durch den Produktionsstandort Orth an der Donau sei auch die Versorgungssicherheit hoch, betonte Erber. Im östlichen Niederösterreich arbeiten aktuell rund 250 Mitarbeiter, die u.a. mit der Herstellung und Testung von zwei Impfstoffen beschäftigt sind. Neben jenem zum Schutz vor FSME wird auch ein Impfstoff zum Schutz vor durch Meningokokken-C ausgelöste Meningitis produziert.

Pfizer investiert momentan insgesamt 50 Millionen Euro in sein Impfstoff-Kompetenzzentrum, von dem aus in die ganze Welt exportiert wird, sagte Martin Dallinger, Geschäftsführer von Pfizer Manufacturing Austria. Im Herbst 2021 sollen dann die neuen Labors zur Qualitätskontrolle für Impfstoffe aus der globalen Konzernpipeline eröffnet werden - eine zusätzliche Aufwertung des Standortes, wie Dallinger betonte.

In ganz Österreich gibt es aber auch fünf weitere Hersteller, wie die Pfizer-Managerin und Präsidentin des Verbandes der Österreichischen Impfstoffhersteller (ÖVIH), Renée Gallo-Daniel, betonte. Angesichts der Tatsache, dass immerhin 76 Prozent der Impfstoffe in Europa produziert werden, und es am ganzen Kontinent 27 solche Produktionsstätten gibt, "hat Österreich hier schon einen gewissen Stellenwert", sagte sie. Dem gegenüber stehe ein "sehr komplexes System" der Finanzierung von Impfprogrammen - vom komplett gedeckten Kinderimpfprogramm, über unterschiedliche Zuschüsse verschiedener Kassen bei unterschiedlichen Impfungen, bis etwa zur komplett privat zu bezahlenden Impfstoffen wie bei der Grippe.

Bei Letzterer liege die Durchimpfungsrate aktuell bei sehr niedrigen acht Prozent. Eine vom Verband initiierte Studie attestierte im Vorjahr jedem in die Influenzaimpfung investierten Euro eine entlastende Wirkung für das Gesundheitssystem von 2,8 Euro und eine Entlastung bei den gesellschaftlichen Kosten von rund 27 Euro. Wenn man nun von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) Signale vernehme, dass sich hier punkto Kostenübernahme etwas bewegen könnte, seien das "positiv", sagte Gallo-Daniel. Die Hersteller bräuchten aber Vorlaufzeiten: Denn würde eine neue Regelung kurzfristig kommen, wäre das Vakzin vermutlich in zwei bis drei Wochen ausverkauft.

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