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Karplus wurde in Wien geboren, fühlt sich aber als Amerikaner © APA (Neubauer)
Karplus wurde in Wien geboren, fühlt sich aber als Amerikaner © APA (Neubauer)

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Chemie-Nobelpreisträger Martin Karplus wird 90

09.03.2020

Seine reservierte Haltung zu Österreich hat Martin Karplus nie aufgegeben. Die seit der Nobelpreisverleihung erfolgten Annäherungsversuche hat er stets als "ein wenig spät" empfunden. Dennoch waren Österreichs Einladungen und Ehrungen des US-Chemikers, der 1938 als Kind vor den Nazis fliehen musste, "gut für die Versöhnung". Am Sonntag (15.3.) feiert Karplus seinen 90. Geburtstag.

"Wissenschaft, Fotografie und Kochen sind meine drei Leidenschaften", erklärte Martin Karplus gegenüber der APA. In allen drei Bereichen war er erfolgreich. Er kochte in Drei-Sterne-Michelin-Restaurants in Frankreich und Spanien, seine Fotos wurden weltweit in Ausstellungen gezeigt und seine wissenschaftliche Arbeit wurde 2013 mit dem Chemie-Nobelpreis gekrönt.

Wissenschaft in die Wiege gelegt

Karplus wurde am 15. März 1930 in Wien geboren und wuchs in Grinzing auf. Die Wissenschaft wurde dem Spross einer jüdischen Medizinerfamilie praktisch in die Wiege gelegt: Sein Großvater Johann Paul Karplus war Professor an der Medizin-Fakultät der Uni Wien und an der Entdeckung der Funktion des Hypothalamus beteiligt. Sein Großvater mütterlicherseits, Samuel Goldstern, betrieb eine auf Rheuma-Behandlungen spezialisierte Privatklinik. Auch er sollte Arzt werden, doch die Nationalsozialisten und Antisemitismus machten alle Pläne zunichte.

Bereits wenige Tage nach dem "Anschluss" musste Karplus zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder Robert Österreich in Richtung Schweiz verlassen. Die Flucht ging dann weiter nach Frankreich. Sein Vater wurde in Wien inhaftiert, konnte aber einige Monate später ausreisen und mit der gesamten Familie in die USA emigrieren.

Wechsel von Medizin zu Chemie

In den USA hatten sich Karplus' Interessen geändert: Statt Medizin studierte er Chemie, zunächst ab 1947 an der Harvard University und später am California Institute of Technology (Caltech), wo er beim zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling seinen PhD machte. Anschließend forschte er als Postdoc zwei Jahre in Oxford (Großbritannien), bevor er in die USA zurückging und zunächst an der University of Illinois und dann an der Columbia University arbeitete.

1966 kehrte Karplus als Professor an die Harvard University zurück, wo er nach wie vor wissenschaftlich tätig ist und eine Forschungsgruppe hat. So veröffentlichte er im vergangenen Jahr Arbeiten über die Entwicklung von Computer-Modellen für mögliche HIV-Impfstoffe oder die Erforschung sogenannter Motorproteine. Er untersuchte zum Beispiel, ob Ratschen-artige Sperrmechanismen die Bewegungsrichtung der Motorproteine bestimmen und warum sie mit einem Wirkungsgrad von nahezu 100 Prozent funktionieren. Derzeit arbeite er mit Unterstützung der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung an "einem dauerhaften universellen Impfstoff gegen Grippe", sagte er zur APA. Der frankophile Wissenschafter ist zudem seit 1996 Professor an der Université de Strasbourg (Frankreich), wo der das Laboratorium für biophysikalische Chemie leitet.

Preis für Entwicklung von Computermodellen zur Voraussage chemischer Prozesse

2013 wurde Karplus gemeinsam mit seinen US-Kollegen Michael Levitt und Arieh Würstel für bahnbrechende Arbeiten zur Entwicklung universeller Computermodelle für die Voraussage chemischer Prozesse mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet. Die Preisträger hätten das "Chemie-Experiment in den Cyberspace gebracht", so das Nobelpreiskomitee. Schüler beschreiben ihn als "immens intellektuellen Menschen" und "Wissenschafter mit dem richtigen Zug zum Tor". Seine Arbeiten hätten zu wichtigen Forschungswerkzeugen geführt, die überall auf der Welt verwendet werden.

Karplus selbst bezeichnete die offizielle Begründung des Nobelpreiskomitees ("für die Entwicklung von Multiskalenmodellen für komplexe chemische Systeme") nicht als wichtigsten Teil seiner Arbeit. Vielmehr sei die von ihm und seinen Kollegen entwickelte Simulation molekularer Dynamik zentral für Biologie und Chemie und "hat uns wirklich das Gefühl gegeben, wichtig zu sein, das andere ist nur ein kleiner Aspekt".

"Ich bin Amerikaner"

Die Reaktionen in Österreich auf die Zuerkennung des Nobelpreises stießen Karplus sauer auf: "Es sieht so aus, als würde ich erst seit drei Tagen existieren", sagte er wenige Tage nach der Bekanntgabe. Er hatte das Gefühl, dass das Land "ein Drittel meines Nobelpreises für sich reklamiert, indem es mich als Österreicher darstellt". Der Chemiker, der irgendwann darauf kam, dass er noch immer die österreichische Staatsbürgerschaft hatte, fühlt sich dagegen nicht einmal als Austro-Amerikaner, "ich bin Amerikaner".

Seine Reaktion ist nicht weiter verwunderlich. Selbst als er längst Weltgeltung als Chemiker hatte, fand es keine österreichische Uni oder Einrichtung wert, ihn irgendwie zu würdigen. Erst nachdem er den Nobelpreis bekam, bemüht man sich in Österreich um eine Annäherung. Das gipfelte 2015 in der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), eines Ehrendoktorats der Uni Wien sowie des Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst, der höchsten Auszeichnung des Staates auf dem Gebiet Wissenschaft und Kunst. All das sei "sehr nett, vielleicht ein wenig spät. Es wäre besser gewesen, all das wäre vor meinem Nobelpreis passiert", meinte er damals.

Leidenschaft für Fotografie

Eine völlig andere Seite des Wissenschafters zeigen seine Fotografien, die auch schon am Österreichischen Kulturforum New York und an der Uni Wien zu sehen waren. Karplus erhielt 1953 zu seiner Promotion von seinen Eltern eine Leica-Kamera geschenkt. Dies war der Beginn einer bis heute andauernden Leidenschaft für das Fotografieren. In seinen zwei Jahren in Oxford nutzte er freie Zeit, um Europa mit einem VW-Käfer zu erkunden. Erst im vergangenen Herbst war an der Harvard University unter dem Titel "Remember Yugoslavia?" eine Auswahl seiner Fotos zu sehen, die Jugoslawien als multikulturelles Land in einer seltenen Friedenszeit zeigen.

Zu seinem 90. Geburtstag sind keine großen Feste geplant, "wir werden einfach in einem meiner Lieblingsrestaurants essen gehen", sagte Karplus. Er wird ein kritischer Gast sein. Denn den Chemiker begleitet auch ein lebenslanges Interesse am Kochen und arbeitete sogar in einigen der besten Restaurants in Spanien und Frankreich wie El Bulli, Arzak, Les Freres Troisgros, Taillevent oder Robuchon.

Diesen jeweils zwei bis drei Wochen in der Küche, in denen er als Urlaubsersatz von Köchen tätig war, widmet er auch das Kapitel "My Life as a Chef" (Mein Leben als Koch) seiner Autobiografie, die voraussichtlich Ende April, Anfang Mai erscheinen wird. Unter dem Titel "Spinach on the Ceiling: The Multifaceted Life of a Theoretical Chemist" (übersetzt: "Spinat an der Decke: Das facettenreiche Leben eines theoretischen Chemikers") schildert er darin sein privates und sein wissenschaftliches Leben. Bereits 2006 war unter dem Titel "Spinach on the Ceiling" - eine Erinnerung an Karplus Kindheit in Wien, als er seinen Widerwillen gegenüber Spinat eindrucksvoll unter Beweis stellte - eine 50-seitige Publikation im Fachjournal "Annual Review of Biophysics and Biomolecular Structure" erschienen, damals noch mit dem Untertitel "A Theoretical Chemist's Return to Biology".

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