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"DEXHELPP" legt den Fokus auf das österreichische Gesundheitssystem © APA (HERBERT NEUBAUER)
"DEXHELPP" legt den Fokus auf das österreichische Gesundheitssystem © APA (HERBERT NEUBAUER)

APA

Weitere Maßnahmen-Verschärfung ab gewissem Punkt nicht mehr sinnvoll

26.03.2020

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 12/2020 und nicht zwingend tagesaktuell

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie wurden weitgehende Maßnahmen gesetzt, um die Zahl der sozialen Kontakte möglichst zu reduzieren. Die große Frage dabei ist, ob das ausreicht, um die Ausbreitung von COVID-19 entscheidend zu verlangsamen. Neue Simulationsrechnungen von Wiener Forschern zeigen nun, dass eine noch drastischere Einschränkung der Kontakte kaum zusätzlichen Nutzen hätte.

In China oder Italien wurden zur Eindämmung der COVID-19-Epidemie noch härtere Maßnahmen als derzeit in Österreich verhängt, etwa generelle Ausgehverbote oder weitgehende Betriebsschließungen. "Unsere Simulationsrechnungen zeigen allerdings ganz klar, dass ab einem gewissen Punkt eine weitere Verschärfung keinen spürbaren Nutzen mehr bringt", erklärte Niki Popper, Leiter des Forschungsteams von der Technischen Universität (TU) Wien und des TU-Spin-offs dwh GmbhH, in einer Aussendung. "Punktuell eingeführte, gut durchdachte Maßnahmen - etwa die Zahl der Kontakte bei Risikogruppen einzuschränken - können natürlich sinnvoll sein."

Experte rät von übereiltem Ende der Maßnahmen ab

Das Forschungsteam analysierte nun auch, wie die Maßnahmen wieder gelockert werden könnten. "Eines ist klar: Sofort wieder zum gewohnten Alltag zurückzukehren, wäre jetzt falsch", erklärte Popper. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass bei Beibehaltung der aktuellen Maßnahmen der Höhepunkt der Krankheitsfälle bald erreicht wird und die Zahl der Infektionen dann zurückgeht. "Wenn die Kontaktzahl aber dann sofort wieder auf das früher übliche Niveau ansteigt, dann wird auch die Zahl der Krankheitsfälle sehr rasch wieder zunehmen."

Eine durch ein übereiltes Ende der Maßnahmen verursachte zweite Corona-Welle könnte den Simulationen zufolge innerhalb kurzer Zeit zu deutlich höheren Krankheitszahlen führen als derzeit. Daher seien gewisse Vorsichtsmaßnahmen noch längere Zeit notwendig.

Drei mögliche Zukunftsszenarien

Für die Zukunft haben die Wissenschafter drei mögliche Szenarien berechnet: Im ersten Fall gingen sie davon aus, dass die derzeitigen Maßnahmen - etwa mit einer Schließung der Schulen und von etwa einem Viertel der Arbeitsstätten sowie einer Reduktion der Freizeitkontakte um die Hälfte - voll beibehalten würden. Dann würde die Zahl der COVID-19-Erkrankungen über den Sommer kontinuierlich zurückgehen.

Ebenso kontinuierlich zurückgehen würden die Krankheitszahlen im zweiten Szenario: Dieses geht davon aus, dass nach Ostern die Arbeitsstätten wieder geöffnet, die Schulen aber geschlossen und die Freizeitkontakte weiterhin reduziert bleiben. Der Rückgang der Erkrankungen wäre dann langsamer, aber das Gesundheitssystem käme nicht an seine Belastungsgrenzen.

Im dritten Szenario gingen die Forscher davon aus, dass die Arbeitsstätten nach Ostern wieder geöffnet werden und die Schulen ab 4. Mai, also zwei Wochen vor der Matura. Weiterhin gebe es aber nur die Hälfte der Kontaktanzahl in der Freizeit. In diesem Fall kommt es den Berechnungen zufolge zwar nicht zu einem explosiven Anstieg der Krankheitszahlen, sie würden aber trotzdem steigen und das Niveau der ersten Infektionswelle übertreffen.

Popper schränkt ein, dass langfristige Prognosen "immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind". Deshalb sei es wichtig, die Modelle Woche für Woche weiter zu verbessern und an das neueste Datenmaterial anzupassen.

Forscher: Österreich bei Toten derzeit auf Kurs Italiens

Auch Stefan Thurner vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) warnt eindringlich vor verfrühtem Aufheben der Coronavirus-Maßnahmen. Wenn man die Kurve der Todesfälle in Österreich um drei Wochen nach vorne zieht, "dann liegt sie genau auf der Kurve der Toten in Italien", sagte er zur APA. Vom leichten Abflachen der Infizierten-Kurve dürfe man sich nicht zu optimistisch stimmen lassen.

Die Verdoppelungszeit der nachgewiesenen Infektionsfälle habe sich zwar von zwei Tagen (vor rund zwei bis drei Wochen) auf etwa vier Tage erhöht, sagte der Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien im APA-Interview. Aber: "Es geht nach wie vor sehr, sehr schnell hinauf." Es sei zwar "wunderbar", wenn die Maßnahmen wirken, aber: Wenn sich alle vier Tage etwas verdoppelt, "ist es fast so schlimm wie wenn sich etwas alle zwei Tage verdoppelt".

Verdoppelungszeit bei Toten liegt bei drei Tagen

Es sei wichtiger, den Blick auf die Zahl der Intensiv-Patienten und Toten zu legen, als auf die Zahl der nachgewiesenen Infektionen, betonte Thurner. Denn erst jetzt sehe man langsam, wie viele Betten tatsächlich belegt werden und wie viele Betroffene tatsächlich durch das Virus sterben.

Die Verdoppelungszeit bei den Toten liege bei etwa drei Tagen, die Verdoppelungszeit bei den Intensivbetten bei zwei Tagen und sechs Stunden. "Das geht sehr schnell. Da ist derzeit kein Anzeichen, dass das besser wird", so die Warnung.

Zum Vergleich mit Italien sagte Thurner: "Wenn ich schaue, wie es in Italien mit den Toten losgegangen ist, und wie in Österreich, dann liegen die Kurven fast identisch." In Italien sei die Verdoppelungszeit bei den Toten in den letzten zehn Tagen auf 4,4 Tage angestiegen. Das heißt die Kurve ist abgeflacht, "ein bisschen" - der Zuwachs sei aber "immer noch riesengroß". Natürlich könnte es sein, dass die Kurve in Österreich schneller abflacht, sagte der Experte. Auf validen Daten würde diese Hoffnung aber derzeit nicht stehen: "Man kann darauf hoffen, dass Österreich besser aufgestellt ist und die Kurve früher abflacht, aber man kann nur hoffen. Zur Zeit sieht es so aus, als gingen die Zahlen der Toten genauso los wie in Italien." Und: "Für eine Entwarnung ist es zu früh."

Best- und Worst-Case-Szenario

Thurner verwies auf zwei Szenarien, von denen beide aus derzeitiger Sicht gleich wahrscheinlich sind - ein Best- und ein Worst-Case-Szenario. Im besten Fall würde es Anfang April zu einem Maximum (Peak) der Infizierten kommen, das Gesundheitssystem könnte das stemmen. Dann könnte man ab etwa 14. April "in sehr geplanter Art und Weise Leute wieder zurückführen in die Arbeit". Freilich wären dann noch nicht alle Österreich immun gegen das Virus. Daher müsste man dann "gezielt" so viele Personen in den Arbeitsprozess zurückkehren lassen, dass es nicht neuerlich zu einem exponentiellen Ausbrauch kommt. Und sobald die Infektionen wieder ansteigen sollten, müsste man die Beschränkungen wieder rauffahren oder Personen gezielt wieder in Quarantäne schicken.

Im Worst-Case-Szenario geht Thurner von nur einer leichten Verbesserung beim Anstieg der Infektionsfälle aus - von derzeit vier Tagen Verdoppelungszeit auf sechs Tage. "Wenn man annimmt, dass es bis zur vierten Aprilwoche dann so bleiben würde, dann sind wir bei einem Szenario, das mit Hunderttausenden Angesteckten und Erkrankten einhergeht. Das hält das Gesundheitssystem nicht mehr aus." Er verwies aber auf asiatischen Staaten, die ihren Verdopplungszeitraum auf über sechs Tage gehoben haben: "Es gibt also Optimismus auch."

Unmögliche Prognose

Welches Szenario eintritt, sei derzeit unmöglich zu prognostizieren. "Die Vorhersagen gehen maximal eine Woche, eher fünf Tage", so der Experte. Bei den Neu-Infizierten gebe es sehr viel Unsicherheit, daher sei es wichtig, den Blick auf die Toten und Intensiv-Patienten zu legen: "Es gibt sehr wenig Unsicherheit bei der Zahl der Toten - und dieser Pfad ist nicht so toll."

Bei der Zahl der belegten Intensivbetten sieht Thurner Österreich "auch nicht auf einem guten Pfad". Es gebe sicherlich noch Steigerungsmöglichkeiten, man könne sicher noch mehr Plätze schaffen. Er persönlich schätzt, dass bis zum 1. April rund 300 bis 400 Intensivbetten für Corona-Erkrankte benötigt werden. Derzeit liegen in Österreich etwas mehr als 100 COVID19-Patienten in Intensivstationen.

Die Forscher vom CSH und der Medizin-Uni Wien haben auf der CSH-Homepage neue Grafiken über die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen veröffentlicht. Demnach hat sich die über sieben Tage gerechnete durchschnittliche Verdoppelungszahl der Covid-19-Infektionen in Österreich von 2,4 Tagen im Zeitraum 5. bis 11. März auf 4,0 im Zeitraum 19. bis 25. März leicht verbessert. In Italien verdoppelten sich vom 5. bis 11. März die Infektionen alle 3,5 Tage, in Deutschland alle 3,2 Tage, zwei Wochen später liegt dieser Wert in Italien bei 7,8 und in Deutschland bei 5,2 Tagen.

Verbesserung bei leichter Verschärfung in 45-60 Tagen

Eine Modellrechnung des Wolfgang Pauli Instituts (WPI) bestätigt "Wichtigkeit und Wirksamkeit" der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie. Die Wissenschafter gehen bei einer leichten Verschärfung der Maßnahmen von einer Verbesserung der Situation in rund 45 bis 60 Tagen aus. Eine noch kurzfristige Zunahme der täglichen Anzahl von Erkrankten sei "ok", so WPI-Chef Norbert Mauser.

"Der Höhepunkt sollte bald erreicht werden, eine Steigerung bedeutet nicht, dass die Maßnahmen nicht greifen", so WPI-Direktor Mauser, der Professor für Angewandte Mathematik an der Universität Wien ist. Die jetzigen Maßnahmen seien richtig und müssten der Modellrechnung, unter der Annahme, dass der Verlauf ähnlich wie in China sei, zufolge noch rund sechs Wochen strikt eingehalten werden.

In ihrem Szenario haben die WPI-Wissenschafter den Höhepunkt der Epidemie mit einem Maximum von rund 17.000 COVID-19-Erkrankten um den 9. April geschätzt. Unter der Annahme, dass etwa fünf Prozent der Fälle intensive medizinische Versorgung brauchen, wären demnach ca. 850 Intensiv-Betten erforderlich.

Maßnahmen um Pflicht für Masken ergänzen

Aus Sicht Mausers sollten die derzeitigen Maßnahmen unbedingt noch ergänzt werden. So sollte es eine Pflicht für Gesichtsmasken geben, insbesondere in Geschäften, wo weiterhin viel zu enge Menschengruppen sind, um das Ausstreuen von Viren zu vermindern. Auch "Pfuscherei" etwa durch Friseure, Kosmetiker, Gärtner oder Putzpersonal müsse eingestellt werden, weil dies dem "social distancing" widerspreche. "Viele Infizierte haben ja keine Symptome und wissen gar nicht, dass sie andere anstecken", so der Mathematiker. Dagegen seien Spaziergänger, Fahrradfahrer oder auch vereinzelt in definierter Weise Arbeitende harmlos, solange das "social distancing" korrekt gemacht werde.

Für die Zeit nach den Ausgangsbeschränkungen müssten weitere geeignete Maßnahmen erfolgen, sonst komme es zu einer neuen Erkrankungswelle. Hier sieht Mauser im Moment noch nicht genug Grundlagen für Aussagen, aber in Wochen würden wichtige Kenntnisse aus China und Italien vorliegen. Mauser sieht zudem keinen Grund, nicht so viele Tests wie möglich zu machen.

Experte empfiehlt stufenweise Aufhebung von Verboten

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie sollten dem deutschen Virologen Christian Drosten zufolge zu einem geeigneten Zeitpunkt stufenweise aufgehoben werden. "Natürlich muss man da raus", sagte der Experte von der Berliner Charite, ohne jedoch einen konkreten Zeitpunkt zu nennen.Es müsse geklärt werden, wo und für wen dies zuerst gelten solle. Hier sei die Wissenschaft gefragt, man benötige Modellvorhersagen. Risikogruppen wie ältere Menschen einfach zu isolieren, funktioniere aber nicht.

Service: dexhelpp.at

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