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Am Horizont droht für den Ökonomen "eine wirtschaftliche Krise" © APA (HANS PUNZ)
Am Horizont droht für den Ökonomen "eine wirtschaftliche Krise" © APA (HANS PUNZ)

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Fehr: Politik basiert auf ungenügendem Wissen

26.03.2020

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 12/2020 und nicht zwingend tagesaktuell

Der österreichische Verhaltensökonom Ernst Fehr von der Uni Zürich wirft der Politik vor, in der Corona-Krise "in einer Informationssituation zu agieren, in der sie vieles nicht weiß, was sie wissen sollte, um die richtigen Abwägungen zu treffen". In der "Neuen Zürcher Zeitung" fordert er repräsentative Tests und warnt vor einer Krise, noch größer als die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren.

Die wichtigste Entscheidungsbasis für die Politik sei derzeit die Anzahl der täglichen Neuansteckungen - "und das ist eine sehr unvollkommene Entscheidungsbasis", so Fehr. "Vordringlichste Aufgabe - und das wird bis jetzt sträflich vernachlässigt -" ist für ihn, eine Zufallsstichprobe zu erheben. Diese Stichprobe müsse das ganze Land erfassen und auch für die einzelnen Regionen repräsentativ sein, betonte er in Bezug auf die Schweiz, für die er eine Stichprobengröße von 5.000 Leuten für ausreichend hält. So könne man messen, wer infiziert, wer nicht infiziert und wer bereits immun sei, was also auch Tests auf Antikörper bedeutet. So messe man alle drei wichtigen Größen und wenn man wöchentlich oder fünftägig teste, bekomme man einen schönen Zeitverlauf.

Richtige Entscheidungen treffen

Das größte Problem der politischen Entscheidungsträger sei es, in diesem Zielkonflikt zwischen Gesundheitskosten und wirtschaftlichen Kosten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn man aber Daten aus einer solchen Zufallsstichprobe habe, dann könne man die Kosten verschiedener Maßnahmen viel besser abschätzen. "Zum Beispiel macht es ja wenig Sinn, Leute die immun und nicht mehr ansteckend sind, nicht mehr zum Arbeitsplatz zurückzulassen. Man könnte auch regionalspezifischere Maßnahmen treffen", sagte Fehr. Vielleicht sei etwa der Kanton Tessin, der in der Schweiz derzeit am schwersten betroffen ist, dann jener Kanton, wo die Immunitätsraten am höchsten sind und der dann am frühesten wieder die Maßnahmen lockern kann. "All diese Dinge wissen wir nicht, wenn wir die notwendigen Informationen nicht haben."

Es sei auch eine "Frage der vernünftigen Politik, dass wir langfristig an Maßnahmen denken, wie wir wieder rauskommen aus der Krise". Er verweist auf die "enormen wirtschaftlichen Kosten" einer ein bis zwei Monate still stehenden Wirtschaft, die immer stärker zu Buche schlagen. "Die Einschränkungen werden ja akzeptiert, die meisten Menschen folgen diesen, aber ich weiß nicht, wie das ist, wenn wir eine Situation haben, wo das noch drei Monate andauert und die Leute auch bereits die ökonomischen Folgen zu spüren bekommen", so Fehr.

Am Horizont droht für den Ökonomen "eine wirtschaftliche Krise, die Ausmaße annimmt, die größer als die Krise in 2008 und möglicherweise sogar größer als die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren ist". Es bestehe die Möglichkeit, dass das Volkseinkommen um fünf, zehn, 15 Prozent sinke. "Um diese wirtschaftlichen Kosten auch langfristig zu senken, brauchen wir einen Weg zurück in die Normalität und dazu brauchen wir Daten, objektive Daten über die wahre Immunitätsrate, über die wahre Infektionsrate und die Rate der noch nicht Infizierten", sagte Fehr.

Service: http://go.apa.at/6Eg5wiif

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