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Verbindliche Partnerschaften wurden intensiviert © APA (Gindl)
Verbindliche Partnerschaften wurden intensiviert © APA (Gindl)

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Pandemie führte zu monogameren Partnerschaften

10.06.2020

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 23/2020 und nicht zwingend tagesaktuell

Ansteckungsängste und Unsicherheiten darüber, was erlaubt ist, haben laut einer Studie der Soziologin Barbara Rothmüller während der Corona-Pandemie zu einer Monogamisierung von Partnerschaften geführt. Intime Beziehungen konzentrierten sich demnach auf einzelne, zentrale Hauptbeziehungen, während sich der Kontakt zu unverbindlichen Sexpartnern und zu Personen in offenen Beziehungen reduzierte.

Generell habe sich der Lockdown auf die Menschen sehr unterschiedlich ausgewirkt. "Die Pandemie war für viele Leute wirklich eine große Veränderung und man sieht zwei Richtungen", erklärte die Expertin am Fachbereich Sozialpsychologie der Sigmund Freud Universität gegenüber der APA die aus ihrer Sicht signifikantesten Ergebnisse der Studie, an der sich im Monat April rund 4.700 Personen online in Deutschland (34 Prozent) und Österreich (66 Prozent) beteiligten. Einerseits gebe es Menschen, denen es in der Pandemie gut gegangen ist, für diese hätten sich Alltagsstress und Konflikte sogar reduziert. "Dem gegenüber gibt es eine zweite Gruppe, wo das genaue Gegenteil der Fall ist. Die hatten sehr viel Stress, wenig Spaß, die Konflikte sind gestiegen", so Rothmüller. Neun Prozent der Befragten in verbindlichen Paarbeziehungen erlebten in den zwei Wochen vor der Befragung psychische Gewalt.

Intensivere partnerschaftliche und familiäre Kontakte

Betrachtet man alle sozialen Beziehungsformen, so haben sich vor allem partnerschaftliche und familiäre Kontakte intensiviert, während freundschaftliche und berufliche Beziehungen sehr stark heruntergefahren wurden. Die große Mehrheit der Befragten (79 Prozent) hat die physische Distanzierung "stark oder teilweise verinnerlicht und habitualisiert", heißt es in der Studie. Diese Menschen hätten ein neues Gefühl für Distanz entwickelt, etwa beim Anblick von Personen, die nahe zusammenstehen oder sich in einem Film umarmen. Seit der Pandemie beschreiben 21 Prozent der Befragten ihr soziales Unterstützungsnetzwerk als limitiert oder sehr limitiert, wobei sich das Ausmaß der gefühlten Distanzierung stark nach Beziehungsstatus unterscheidet. Von Personen ohne romantische oder sexuelle Beziehung erlebten 24 Prozent eine starke Distanzierung ihrer intimen Beziehungen in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen, während das nur auf sieben Prozent in verbindlicher Partnerschaft zutraf.

Verhältnismäßig glimpflich dürften vor allem Personen in festen Partnerschaften die Einschränkungen überstanden haben. Rund drei Viertel der Befragten signalisierten eine hohe Zustimmung auf die Frage "Für eine Isolation ist mein Partner/meine Partnerin die beste Person, die ich mir vorstellen kann". Der größte Unterschied zwischen Menschen in Partnerschaften und Singles zeigte sich darin, dass letztere sehr stark den Kontakt zu anderen Menschen und vor allem auch den körperlichen Kontakt vermisst haben. Über 90 Prozent der Singles seien mit dem Ausmaß, das sie an Nähe und Berührungen erhalten, unzufrieden. Das sexuelle Begehren ist bei mehr als der Hälfte (53,4 Prozent) der Befragten gleich geblieben, 22 Prozent gaben eine Steigerung der Libido an, 24,6 Prozent eine Verringerung. Dabei führte Stress bei 28 Prozent der Eltern dazu, dass sie keine Zeit für Intimität und Sexualität hatten.

Sorge über wachsende Ungleichheiten

Abseits der individuellen Beziehungen machen sich viele Menschen darüber Sorgen, dass sich die Ungleichheiten in der Gesellschaft verstärken. Hier beziehen sich die am meisten verbreiteten Ängste auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen (74 Prozent) und den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems (64 Prozent). "Das unterscheidet sich noch einmal stark nach politischer Einstellung. Jene Menschen in meiner Studie, die eine liberale Haltung haben, für die Freiheit ein ganz zentraler Wert ist, machen sich weniger Sorgen um die sozialen Ungleichheiten, haben sich aber auch weniger an solidarischen Aktionen beteiligt als Menschen, für die Gleichheit ein zentraler Wert ist", sagte Rothmüller. Die Beteiligung an solidarischen Aktionen wurde explizit abgefragt: So hat etwa jede/r Fünfte der Befragten Nachbarschaftshilfe geleistet, 35 Prozent davon lernten dadurch auch neue Personen kennen. Rund 18 Prozent spendeten Geld, 16 Prozent verzichteten auf die Rückerstattung von Tickets.

Im beruflichen Kontext hat rund jede/r fünfte Befragte Regeln und Richtlinien an die neuen Bedingungen angepasst. Generell sei psychosoziale Unterstützung im beruflichen Alltag in großem Ausmaß erwartet worden: 46 Prozent waren häufig oder manchmal mit einem erhöhten Bedarf von Kollegen, 38 Prozent mit erhöhten psychosozialen Erwartungen von Vorgesetzten konfrontiert. Von den neuen Anforderungen an Solidarität und Unterstützung in der Pandemie fühlen sich Frauen stärker überfordert. Männer sehen sich in Familie, Beruf und Freundeskreis häufiger nicht gefordert.

Positive Nebenwirkungen

Von dem Ausmaß, in dem die Pandemie auch positiv erlebt worden ist, zeigt sich Rothmüller durchaus überrascht. Neben dem erwähnten Rückgang der Konflikte gehört dazu auch ein Gefühl der Erleichterung für manche der Befragten, "dass aktuell gerade niemand von ihnen erwartet, ein aktives Sozialleben oder - auch gerade bei Singles - ein aktives Sexleben zu führen".

Die Studie wurde in Kooperation mit dem Institut für Statistik der Sigmund Freud Universität (Wien) und dem Kinsey Institute der Indiana University, Bloomington (USA) durchgeführt und ist nicht repräsentativ. Der Altersschnitt der Befragten betrug 35 Jahre. Die Mehrheit der Teilnehmenden waren Frauen (68 Prozent), hatte einen hohen Bildungsabschluss (63 Prozent Hochschule, 26 Prozent Gymnasium bzw. Höhere Schule), lebte in einer verbindlichen Beziehung (58 Prozent) bzw. wohnte in einem Mehrpersonenhaushalt (67 Prozent).

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