Natur & Technik

Konferenzen sollen adäquate Räume für Interaktionen eröffnen © Lukas Zenk/Gephi/Lukas Zenk
Konferenzen sollen adäquate Räume für Interaktionen eröffnen © Lukas Zenk/Gephi/Lukas Zenk

Kooperationsmeldung

Konferenzen neu denken und gestalten

19.03.2013

Von Lukas Zenk, Florian Windhager und Michael Smuc

Obwohl die Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation stetig zunehmen, bleiben persönliche Interaktionen für Wissensaustausch und Innovationen essenziell (Albrecht & Hall, 1991). In diesem Kontext sind Konferenzen und Tagungen zentrale Plattformen um Menschen aus unterschiedlichen Wissensfeldern einen gemeinsamen Raum für den Erfahrungsaustausch und die Etablierung neuer Kontakte zu eröffnen. Hierbei neu entstehende oder sich erweiternde Netzwerke haben das große Potenzial, den Grad der Produktivität und der Innovation von Individuen und Organisationen zu steigern (Brass et al., 2004).

Besonders im Rahmen größerer Events erschwert jedoch oftmals die hohe Zahl an Themen und Teilnehmern die gewinnbringende Verknüpfung von Ideen, Innovationen und den dazugehörigen Personen. Viele potenzielle Projektpartner können nicht identifiziert werden, zahlreiche Synergien bleiben ungenutzt und der faktische Nutzen bleibt oftmals unter den Erwartungen, was langfristig nicht nur auf die Motivation von individuellen Teilnehmern, sondern auch auf die Innovationskraft ganzer wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Sektoren zurückwirken kann (Sawyer, 2007).

Soziale Mechanismen der Vernetzung

Konferenzen, Messen oder ähnliche wissensintensive soziale Events sind in ihrem formalen Ablauf meist gut strukturiert und organisiert. Die informelle Vernetzung der Teilnehmer, die den interaktiven Wissensaustausch erst ermöglicht, wird hingegen nur selten als beeinflussbare Größe verstanden, da eine sich selbst organisierende Interaktion unter Anwesenden erwartet wird. Beobachtungen des Verhaltens vor Buffets und Kaffeemaschinen während Veranstaltungen zeigen, dass so nur mit Glück eine ideale Auswahl neuer Kontakte hergestellt werden kann (Ingram & Morris, 2007).

Um solche und ähnliche soziale Situationen besser zu verstehen, werden in der Netzwerkforschung kommunikative Beziehungen und Verhaltensmuster zwischen Menschen analysiert und modelliert (Borgatti et al., 2009; Zenk & Behrend, 2010). Auf Basis zahlreicher empirischer Studien konnten hierbei weitverbreitete Verhaltensmuster belegt werden, die dem Aufbau oder der Vermeidung von interpersoneller Vernetzungen zugrunde liegen (siehe auch Gastkommentar von Gerhard Drexler). Eines der wichtigsten Muster ist auch alltagssprachlich mit der Wendung "gleich und gleich gesellt sich gern" (bzw. "Birds of a feather flock together") dokumentiert: Personen die einander ähnlich sind, zeigen eine höhere Wahrscheinlichkeit, miteinander in Kontakt zu treten (McPherson et al., 2001). Da die Kommunikation unter ähnlichen Akteuren (z.B. mit Bezug auf Alter, Geschlecht, Ausbildung, Beruf oder Einstellungen) verhältnismäßig einfacher ist als mit unähnlichen Personen, wird ihr oft der Vorzug gegeben. Bereits bekannte Personen weisen oft spezifische Ähnlichkeiten auf (beispielsweise die Zugehörigkeit zur selben Disziplin oder Firma) und bauen diese bei Neukontakten aus. Dadurch separieren sich Gruppen mit ähnlicher Orientierung voneinander, die sich zu relativ isolierten Communities abschließen können.

Diese soziale Verdichtung ermöglicht zwar die Entwicklung von Vertrauen und sozialer Identität durch starke Verbindungen innerhalb der Gruppen, jedoch reduziert sie gleichzeitig die Kombination von unterschiedlichen Denkweisen über schwache Verbindungen nach außen – und damit auch die soziale und inhaltliche Innovationskraft (Burt, 2004). Angesichts solcher geschlossener Kommunikations-Inseln werden "Broker" (Vermittler) benötigt, um diese Zwischenräume zu überbrücken und für eine Zirkulation von Ideen und Inhalten zu sorgen.

Selbst während freien oder wenig strukturierten Networking-Events, bei denen die informelle Vernetzung von Teilnehmern im Vordergrund stehen sollte, bleibt dieser Effekt der sozialen und inhaltlichen Schließung vorherrschend. In einem Experiment von Ingram und Morris (2007) wurden etwa 100 Geschäftsleute zu einem Networking-Event eingeladen und mittels elektronischer Geräte in ihrem Kommunikationsverhalten analysiert. Obwohl der Großteil der Anwesenden angab, neue Personen kennenlernen zu wollen, kommunizierten die meisten mit bereits bekannten Personen. Als erste und einfachste Maßnahme zur Erhöhung des individuellen Innovationspotentials empfehlen Ingram und Morris daher auf Grundlage ihrer Studien: "... our analysis suggests advice for those who seek to meet even more new people: attend mixers without your friends."

Integrativer Ansatz

Viele Menschen arbeiten in Organisationen, die eine stabile soziale Umwelt und gut bekannte Abläufe mit sich bringen. Veranstaltungen oder Events – als Rahmen für kurzfristige Interaktionen unter Anwesenden – erfordern jedoch andere Kompetenzen und Vorgehensweisen. Statt mit vertrauten Arbeitskollegen, kommen Teilnehmern in öffentlichen Räumlichkeiten mit meist unbekannten Personen zusammen – sowie mit dem zumindest impliziten Anspruch auf regen Austausch und Interaktion, was leicht zur sozialen Überforderung führen kann.

Um diese zu reduzieren und Teilnehmer dabei zu unterstützen, in diesem interaktiven "sozialen Ozean" die passenden Inseln anzusteuern, ist ein integrativer Ansatz notwendig, der soziale, inhaltliche, technologische und räumliche Aspekte sinnvoll kombiniert und die Navigation darin unterstützt. Umfassende Ansätze dieser Art erheben zunächst mit Blick auf die Art des Events, was Teilnehmer erwarten und Veranstalter erreichen wollen. Da klassische Messeveranstaltungen andere Funktionen und Voraussetzungen erfüllen müssen als wissenschaftliche Konferenzen oder Produktpräsentationen eines Unternehmens, werden, abhängig von den jeweiligen Zielen, entsprechende soziale und inhaltliche Formate, sowie technische Unterstützungen und Räume gestaltet, die die Zielerreichung ermöglichen.

Die meisten Events stellen kurzfristige Veranstaltungen von einigen Tagen dar, in denen sich die Aktivitäten stark verdichten. Um diesen Druck zu reduzieren, sollten die Vor- und Nach-Event-Phasen bei der Gestaltung mitberücksichtigt werden. Durch die Erweiterung des zeitlichen Horizonts ergeben sich neue Optionen der sozialen Vernetzung: Über Plattformen, die den Teilnehmern bereits vor dem Event anhand von geteilten Interessen das vorzeitige "Kennenlernen" und die soziale Exploration ermöglichen, kann die Schwelle der Kontaktaufnahme zwischen Fremden während einer Veranstaltung gesenkt werden. Nach dem Event ermöglicht dieselbe Plattform den längerfristigen Kontakt zwischen Teilnehmern - sowie den fortgesetzten Austausch von Informationen.

Um solche Unterstützungsmaßnahmen für die Kommunikation vor, während und nach Events zu untersuchen und weiterzuentwickeln, wurde 2012 das angewandte Forschungsprojekt "Event Network Advancement" gestartet. Das Ziel des dreijährigen Projekts ist es, Teilnehmer bei ihrer Vernetzung während wissensintensiver Veranstaltungen zu unterstützen; siehe Abbildung.

Dafür werden nicht nur grundsätzliche Fragestellungen im Bereich der Sozialen Netzwerkanalyse sondiert, sondern vor allem auch neue soziale Formate und technische Anwendungen zur Unterstützung von individuellen und kollektiven Wissensräumen entwickelt und evaluiert.

Ausblick

Wissensintensive Veranstaltungen sollen ihren Teilnehmern ermöglichen, fachliche und organisationale Grenzen zu erweitern um sowohl neue Wissensgebiete zu entdecken als auch bestehende Kooperationen auszubauen und neue zu erschließen. Der damit verbundenen Hoffnung auf Stärkung der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Innovationskraft stehen jedoch empirische Beobachtungen und Analysen gegenüber die belegen, dass die reale Etablierung neuer Kontakte nur selten der Erwartung von Teilnehmern und Veranstaltern entspricht. Insofern ist es an der Zeit, Konferenzen neu zu denken und zu gestalten, um adäquate Räume für Interaktionen zu eröffnen und den Aufbau neuer Wissens- und Handlungsnetzwerke zu ermöglichen.

Das angewandte Forschungsprojekt "Event Network Advancement" wird von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) von 2012 bis 2015 gefördert.

Weitere Informationen unter: www.donau-uni.ac.at/ena

Referenzen

Albrecht, T.L., & Hall, B.J. (1991). Facilitating talk about new ideas: The role of personal relationships in organizational innovation. Communication Monographs, 58, 273-288.

Borgatti, S.P., Mehra, A., Brass, D. & Labianca, G. (2009). Network analysis in the social sciences. Science, 323 (5916), 892 - 895.

Brass, D. J., Galaskiewicz, J., Greve, H. R., & Tsai, W. (2004). Taking stock of networks and organizations: A multilevel perspective. Academy of Management Journal, 47(6), 795-819.

Burt, R. S. (2004). Structural holes and good ideas. American Journal of Sociology, 110, 349-399.

Ingram, P. & Morris, M.W. (2007). Do people mix at mixers? Structure, homophily, and the “Life of the Party”. Administrative Science Quarterly, 52(4), 558-585.

McPherson, J. M., Smith-Lovin, L., & Cook, J. M. (2001). Birds of a feather: Homophily in social networks. Annual Review of Sociology, 27, 415-444.

Sawyer, K. (2007). Group Genius. The creative power of collaboration. New York, Perseus Books Group

Zenk, L., & Behrend, F. D. (2010). Soziale Netzwerkanalyse in Organisationen: Versteckte Risiken und Potentiale erkennen. In R. Pircher (Ed.), Wissensmanagement, Wissenstransfer, Wissensnetzwerke: Konzepte, Methoden, Erfahrungen (211-232). Erlangen, Germany: Publicis Corporate Publishing.

Die Autoren

Dr. Lukas Zenk

Lukas Zenk studierte Wirtschaftsinformatik, Soziologie und Psychologie und arbeitet seit 2006 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Donau Universität Krems. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sozialen Netzwerkanalyse, des Innovationsmanagements und der Improvisationsforschung. http://donau-uni.academia.edu/LukasZenk

Mag. Florian Windhager

Florian Windhager studierte Philosophie, Psychologie und Soziologie an der Universität Wien. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Donau-Universität Krems mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Informationsvisualisierung und dynamischer Netzwerkanalyse. http://www.donau-uni.ac.at/opt/fdb/people/view/4294993455

Mag. Michael Smuc

Michael Smuc studierte Psychologie an der Universität Wien mit Fokussierung auf Methodik, Kognitionswissenschaft und künstlicher Intelligenz. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Donau-Universität Krems mit den Schwerpunkten Usability, Human Computer Interaction, Participatory Information Design und sozialer Netzwerkanalyse, seit 2012 Forschungskoordinator im Zentrum KIM. http://www.donau-uni.ac.at/michael.smuc

E-mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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