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Systemisches Risiko jeder Transaktion wird automatisch bewertet © APA (dpa)
Systemisches Risiko jeder Transaktion wird automatisch bewertet © APA (dpa)

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Forscher zeigen wie Banken ihr Ausfallrisiko selbst versichern können

27.06.2017

Droht einer großen Bank der Bankrott, liegt es bisher vor allem am Steuerzahler, für das Abwenden des drohenden Kollaps des Finanzsystems aufzukommen und das Institut zu retten. Komplexitätsforscher haben ein Modell entwickelt, bei dem Finanzakteure durch eine Steuer ihr eigenes Systemrisiko selbst versichern. Das würde funktionieren, berichten sie im "Journal of Economic Dynamics and Control".

Durch die zunehmende Vernetzung zwischen den einzelnen Akteuren der internationalen Finanzwelt ist eine Situation wechselseitiger Abhängigkeiten entstanden, die im Falle des Ausfalls einer Institution, wie etwa einer Bank, einen teilweisen oder gar kompletten Zusammenbruch des Systems mit sich bringen kann. Mit den im Zuge des "Basel III"-Abkommens eingeführten strengeren Auflagen für die Ausstattung von Banken mit Eigenkapital wurde versucht dieses Risiko einzudämmen. "Basel III" reduziere das systemische Risiko - wie es Komplexitätsforscher ausdrücken - jedoch nicht, wie Ko-Studienautor Stefan Thurner zur APA sagte. Der Präsident des "Complexity Science Hub Vienna" forscht an der Medizinischen Universität Wien und dem Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien.

Die Wissenschafter entwickelten in den vergangenen Jahren daher eine Idee, mit der sich das bewerkstelligen ließe. Der Grundgedanke dahinter ist, dass das systemische Risiko jeder Finanz-Transaktion der Akteure untereinander automatisch bewertet wird, was nach Angaben der Forscher mittlerweile möglich ist. Auf Basis dessen wird für jede Transaktion eine "Systemische Risikosteuer" (SRT) in Abhängigkeit ihrer "Gefährlichkeit" fällig. "Die Steuer sollte also genau dieses Risiko abbilden. Die Einheit dafür wären der für den Steuerzahler anfallende Betrag in Euro, der durch diese Transaktion als Risiko in das Finanzsystem hineingekommen ist", erklärte Thurner.

Ist diese Aktion dann vorbei - etwa in dem ein Kredit zurückgezahlt ist - und kein System-"Crash" eingetreten ist, "könnte man diese Steuer auch wieder zurückgeben", so der Forscher. Trotzdem würden sozusagen in Summe über all ihre Transaktionen die Institute zu jedem Zeitpunkt genau jenen Betrag in Form der Steuer zur Verfügung stellen müssen, den ein Ausfall verursachen würde - gewissermaßen eine Art ständig verfügbare "Crash"-Versicherungssumme.

Neues Gleichgewicht

Durch die Einführung der SRT würde das Finanzsystem relativ schnell zu einem neuen, risikoärmeren Gleichgewicht gelangen, wie Berechnungen der Wissenschafter zeigten. Da sie dafür jedoch die Methoden der Komplexitätsforschung, nicht aber jene in den Wirtschaftswissenschaften gängigen angewendet haben, stießen sie damit auf Skepsis. In ihrer aktuellen Studie zeigten sie nun, gewissermaßen "mit Bleistift und Papier" mathematisch, dass dieses System effektiv funktioniere und dadurch Banken auch nicht weniger Kredite vergeben würden. "Das könnte jetzt wirklich von den Ökonomen akzeptiert werden", sagte der Komplexitätsforscher.

Turner und seine Kollegen haben ihre Ideen bereits Zentralbanken und Politikern in der EU und in Mexiko vorgestellt - mit logischerweise wechselndem Erfolg: "Die Rückmeldung der Banken ist kritisch, die der Regulatoren ist gut", sagte Thurner. Die Banken müssten sich aber nicht fürchten. "Sie müssten ein paar Leute anstellen, die darüber nachdenken, wie sie ihr systemisches Risiko managen". Würde ein solches System etabliert, wären also alle Finanzakteure gezwungen, sich mit dem Risiko für das Gesamtsystem auseinanderzusetzen, das von ihnen selbst ausgeht. Thurner: "Und genau das wollen wir als Gesellschaft ja eigentlich haben."

Service: http://dx.doi.org/10.1016/j.jedc.2017.05.010

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