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Die "Oktoberrevolution" war zunächst nur ein Putsch

31.10.2017

Die "Oktoberrevolution" 1917 in der russischen Hauptstadt Petrograd verlief deutlich unspektakulärer, als es die spätere historische Stilisierung glauben ließ. Es war nicht ein machtvoller Volksaufstand, sondern eher ein gut organisierter Putsch der Bolschewiken.

Mit einem Blindschuss gab der Panzerkreuzer "Aurora" auf der Newa am späten Abend des 25. Oktober (7. November nach gregorianischem Kalender) das Signal zum Angriff auf den Winterpalast, wo die Provisorische Regierung saß. Einzeln und in kleinen Gruppen gelangten Aufständische durch den unbewachten Dienstboteneingang in das Innere des Gebäudes.

Die ersten wurden von der Wachmannschaft, überwiegend Offiziersschüler sowie eine Frauenkompanie, gefangen genommen. Als die bewaffneten Matrosen und Arbeiter in der Überzahl waren, wendete sich jedoch das Blatt: Die bolschewistischen Stoßtrupps setzten die Soldaten fest. Eine Gruppe stürmte in den Saal, in dem die Minister der Provisorischen Regierung, Repräsentanten sozialdemokratischer und sozialistischer Parteien, seit Stunden angstvoll und gelähmt der Dinge harrten.

Der Führer der Bewaffneten erklärte, sie seien verhaftet, und gab dann fernmündlich an die Initiatoren des Putschs, Wladimir Lenin und Leo Trotzki, die im bolschewistischen Quartier, dem ehemaligen Mädchengymnasium Smolny, saßen, die Botschaft durch: "Der Winterpalast ist um 2.04 Uhr eingenommen worden."

Nur eine kleine Gruppe unter vielen

Die radikalen Bolschewiken hatten die Macht ergriffen, eine kleine Gruppe in der Vielzahl politischer Parteien, die nach der Februarrevolution, dem Sturz des Zaren durch bürgerliche Kräfte im selben Jahr, um Einfluss gestritten hatten. Noch beim Ersten Sowjetkongress, der ersten Tagung der Arbeiter- und Bauernräte, die sich als eine Art Nebenregierung neben dem Kabinett installiert und dessen Einfluss entscheidend beschnitten hatten, stellte die Partei Lenins nur 105 von 1.090 Delegierten, während die ebenfalls linken Sozialrevolutionäre und Menschewiken die Versammlung beherrschten.

Seitdem hatten die Bolschewiken vor allem an der Front - das Land befand sich noch im Ersten Weltkrieg - und in der Arbeiterschaft agitiert. Zugute kam ihnen auch ein Putschversuch von zarentreuen Armee-Einheiten unter General Lawr Kornilow, den der neu eingesetzte, sozialdemokratisch orientierte Ministerpräsident Alexander Kerenski nur mit Hilfe bewaffneter Kräfte der Sowjets niederschlagen konnte.

Im Herbst war die Position Kerenskis, an dem sich sowohl Monarchisten und Bürgerliche als auch Linksradikale rieben, bereits sehr geschwächt, vor allem konnte er sich in Petrograd nicht auf bewaffnete Verbände stützen. In der Stadt kursierten Gerüchte über einen bevorstehenden Putschversuch der Bolschewiken. Kerenski war gewarnt.

Am Morgen des 25. Oktober fuhr er in die Umgebung der Hauptstadt, um regierungstreue Truppen heranzuführen. Er kam zu spät. Petrograd war bereits in den Händen der Bolschewiken; ihre rund 6.000 Bewaffneten hatten nach einem von Trotzki entworfenen Plan Brücken, große Kreuzungen, Postämter, Bahnhöfe und öffentliche Gebäude besetzt. Die riesige Garnison in der Hauptstadt hatte sich für neutral erklärt. Trotzkis Männer waren bei ihrer Aktion kaum auf Widerstand gestoßen.

Heimlicher Machtwechsel

Die Stadt hatte den fast heimlich abgelaufenen Machtwechsel verschlafen, die Zeitungen erschienen noch mit den am Vortag gesetzten Kommentaren, in denen vor "sinnlosen Abenteuern" gewarnt wurde.

Lenin hatte gesiegt. Seine Leute klebten überall in der Stadt Plakate an Mauern und Wände: "Die Provisorische Regierung ist gestürzt." Am selben Tag fand der Zweite Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte statt. Menschewiken und Sozialrevolutionäre weigerten sich, die Machtübernahme der Bolschewiken zu sanktionieren, und verließen unter Protest die Versammlung.

Die neue Regierung, der "Rat der Volkskommissare", in der Lenin den Vorsitz übernahm, Trotzki das Kommissariat für Äußere Angelegenheiten - eine Art Außenministerposten - und der damals noch im Hintergrund stehende Josef Stalin jenes für Nationalitätenfragen, erließ das "Dekret für den Frieden", in dem ein sofortiger bedingungsloser Waffenstillstand gefordert wurde, und das "Dekret über Grund und Boden", das die entschädigungslose Enteignung von Grundbesitzern, Kirche und Klöstern verfügte.

Die Macht der Bolschewiken war allerdings noch nicht gesichert. Zwar konnte Ende Oktober ein Kosakenregiment, das Kerenski herangeholt hatte, zurückgeschlagen werden, doch schien die Mehrheit der Bevölkerung nicht mit den neuen Machthabern einverstanden zu sein: Am 12. November (25. November) fanden die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung statt. Die gemäßigten Sozialrevolutionäre erhielten 40, die Bolschewiken jedoch nur 24 Prozent der Stimmen.

Lenin ließ die von ihm abfällig "Debattierklub" genannte Institution bei seiner ersten Sitzung auseinanderjagen: 200 bewaffnete Matrosen postierten sich in dem Saal. Die kurze Geschichte des ersten - und lange auch letzten - frei gewählten russischen Parlaments beendete der Marinekommandant in der Nacht auf den 6. Jänner (19. Jänner) 1918 mit den Worten: "Haut ab! Die Wache ist müde!"

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