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Kooperation von AIT, Indian Institute of Science und Außenwirtschaft Austria © APA (Müller)
Kooperation von AIT, Indian Institute of Science und Außenwirtschaft Austria © APA (Müller)

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Trotz Sound of Music und Australia: Austro-indischer Forschungs-Flirt

08.02.2018

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 05/2018 und nicht zwingend tagesaktuell

Österreich und Indien streben eine engere wissenschaftliche Zusammenarbeit an. Wie beim "Ersten Indisch-Österreichischen Forschungs-Gespräch" in Bangalore bekannt gegeben wurde, wollen Austrian Institute of Technology (AIT), Indian Institute of Science (IISc) und Außenwirtschaft Austria kooperieren. Angebahnt wurde die Liaison vom Forschungsrat bei einer Studienreise nach Indien.

Ob aus dem austro-indischen Forschungs-Flirt eine längerfristige, engere Beziehung wird, soll in zwei Workshops in den beiden Ländern geklärt werden, sagte AIT-Chef Wolfgang Knoll. "Man braucht hinreichend viele Gemeinsamkeiten, muss aber gleichzeitig komplementär aufgestellt sein, um eine Win-Win-Situation zu erzeugen."

Organisatorisch soll das "Zwei-Plus-Zwei-Modell" der Max-Planck-Gesellschaft Vorbild sein, bei dem nicht nur zwei wissenschaftliche Institutionen kooperieren, sondern von Anfang an auch zwei Unternehmen mit an Bord sind. Knoll sieht hier das AIT als "Türöffner für österreichische Unternehmen". Für diese sei die Forschungskooperation "eine Chance, sich mit dem indischen Markt auseinanderzusetzen", sagte der Leiter des Bereichs Innovation in der Außenwirtschaft, Michael Scherz.

Stadtentwicklung, Mobilität und Künstliche Intelligenz

Als inhaltliche Anknüpfungspunkte sieht Knoll die Themenbereiche Stadtentwicklung, Mobilität sowie Künstliche Intelligenz und Internet of Things. Speziell für diese Themen dürfte der Zeitpunkt für Kooperationen günstig sein: So hat Indien 2015 eine mit 35 Mrd. US-Dollars (28,09 Mrd. Euro) ausgestattete Initiative für die Etablierung von 100 Smart Cities gestartet, wobei man sich auf die drei Bereiche Abfallwirtschaft, Mobilität und E-Goverment konzentriert. Bereits jetzt leben 30 Prozent der 1,3 Mrd. Einwohner Indiens in Städten, im Jahr 2030 sollen es schon 600 Mio. sein. Die Ausgangslage ist dabei allerdings eine völlig andere, es fehlt in vielen Städten an Daten, etwa wo Wasserleitungen verlegt sind. Und "in Indien ist bereits ein Fahrradweg Teil einer Smart City", so der Handelsdelegierte der Wirtschaftskammer in Indien, Oskar Andesner.

Auch im Mobilitätsbereich ist Indien im Umbruch. Nicht zuletzt angesichts der massiven Luftverschmutzung in den indischen Großstädten treibt das Land die Energiewende voran. Auch wenn heute noch fast ein Viertel der Bevölkerung ohne Strom lebt, hat die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi im Vorjahr das Ziel ausgeben, den Verkehr mit 2030 komplett auf Elektroantrieb umzustellen. Shashi Singh, Chef der indischen Niederlassung des steirischen Antriebsentwicklers und Prüftechnikspezialisten AVL, bezeichnet dies zwar als "Traum". Aber selbst wenn nur die Hälfte erreicht werde, wäre das ein großer Fortschritt. Dass es Modi durchaus ernst ist, zeigt auch der im Vorjahr gefällte Beschluss, bei der Abgasnorm mit 2020 direkt von Euro 4 zu Euro 6 zu gehen - und zwar für alle Fahrzeuge, selbst Motorräder.

Mit dem IISc haben sich die Österreicher jedenfalls eine der renommiertesten wissenschaftlichen Institutionen in Indien ausgesucht. Die Forschungseinrichtung und Universität in Bangalore, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Karnataka im Süden des Landes, ist gemessen an der Zahl wissenschaftlicher Publikationen führend im Land und auch in den verschiedenen Rankings die beste Institution des Subkontinents.

Mehr als 320.000 Forscher arbeiten in Bangalore

Bangalore hat sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten IT-Zentrum Indiens entwickelt, sieht sich als "Silicon Valley Asiens" und gilt als Zentrum der Luft- und Raumfahrtindustrie und -forschung. Auf diese Entwicklung ist man in der Zwölf-Millionen-Einwohner-Stadt auch stolz: Raj Kumar Srivastara vom Forschungsrat Karnatakas verwies bei dem austro-indischen Forschungs-Gespräch auf die mehr als 400 Forschungszentren in der Stadt, jeder zweite Forscher eines multinationalen Konzerns in Indien arbeite in Bangalore, in Zahlen seien das mehr als 320.000.

Im Ranking der besten globalen Start-Up-Ökosysteme kam die Stadt auf Platz 20, gilt nach Berlin als schnellst wachsendes Start-up-System und hat mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren die jüngsten Unternehmer (Silicon Valley: 36 Jahre), so Srivastara. Die Vereinigung von IT-Unternehmen "Nasscom" hat 2013 das Programm "10.000 Start-ups" mit dem Ziel gestartet, diese Zahl innerhalb von zehn Jahren zu erreichen. Dazu werden sie ein Jahr lang in einem Gründerzentrum unterstützt, etwa die Hälfte des Zielwerts hat man bereits erreicht, rund 40 Prozent haben aber die Gründungsphase nicht überlebt.

Nachdem bereits 2012 erste Anknüpfungspunkte vor allem im Infrastruktur- und Verkehrstechnologie-Bereich zwischen Indien und Österreich geschlossen wurden, müsse man nun "am Ball bleiben", so Knoll. Deshalb werde man auch bei den diesjährigen Alpbacher Technologiegesprächen einen Indien-Schwerpunkt setzen. Und man habe seither gelernt, nicht alleine in so einen Markt zu gehen, sondern gemeinsam mit Unternehmen und der Außenwirtschaft.

Diese Erfahrung kann Scherz nachvollziehen: "Es gibt in den seltensten Fällen gleich ein Erfolgserlebnis, das ist eine langfristige Investition hier." Die Außenwirtschaft wäre aber nicht mit drei Büros im Land vertreten, "wenn wir nicht glauben würden, dass es hier ein riesiges Potenzial gibt".

Androsch verweist auf rasantes Wachstum

Das sieht auch der Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT), Hannes Androsch, so, der als Industrieller schon seit knapp 20 Jahren mit einem Werk von AT&S in Indien engagiert ist. "Indien ist ein aufstrebendes Land, ein Teil der globalen Bedeutungsverschiebung weg vom Atlantik hin zum indo-pazifischen Raum." Androsch verweist auf Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent in den nächsten Jahren. "Indien ist der am schnellsten wachsende Markt und wird China bald überholen." Da empfehle es sich, "rechtzeitig hier zu sein und die Möglichkeiten zu nutzen".

Im Forschungsbereich hat das riesige Land durchaus noch Aufholbedarf. Während China den Antrieb seines Produktions-Kraftwerks von Arbeiterschweiß auf High-Tech umgestellt habe, müsse Indien diesen Wechsel erst vornehmen, hieß es kürzlich in einem Kommentar der indischen Tageszeitung "The Hindu", der als Vergleich die Forschungsausgaben Chinas gemessen am BIP mit 2,1 Prozent und Indiens mit 0,7 Prozent sowie die Zahl der Forscher pro Million Einwohner (Indien: 156, China: 1.113 und USA: 4.231) nannte.

Doch Knoll erinnerte beim austro-indischen Forschungsgespräch daran, dass "die Inder wissenschaftlich immer schon Giganten waren, aber nicht in Indien". Mangels Arbeitsmöglichkeiten seien viele in die USA gegangen. Das habe sich geändert, "heute ist Indien einer der Plätze, wo die Musik spielt".

Das tut sie mittlerweile auch in Österreich - im Ausland wurde das aber oft anders wahrgenommen, wie der "First Indian-Austrian R&D Talk" zeigte. Nicht nur dass sich die übliche Verwechslung mit "Australia" wie ein roter Faden durch die Wortmeldungen zog, auch die Präsidentin der Industriellenvereinigung Bangalores, Pankajam Sridevi, meinte, "wenn ich an Österreich denke, kommt mir 'Sound of Music' in den Sinn". Knoll zog daraus den Schluss: "Wenn wir Österreich als Innovationsland verkaufen wollen, starten wir nicht bei Null, sondern bei 'Sound of Music'".

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