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Wagner: "Diese Welt ist eigentlich eine Welt der Mikroben" © APA (Neubauer)
Wagner: "Diese Welt ist eigentlich eine Welt der Mikroben" © APA (Neubauer)

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Michael Wagner: Mikrobiologe als Entdecker kleiner "Parallelwelten"

17.06.2019

Mit Michael Wagner (53) kürt der Wissenschaftsfonds FWF einen Forscher zum Wittgenstein-Preisträger, der mit seiner Arbeit Dauergast in den wichtigsten Fachjournalen ist. Der Mikrobiologe macht seiner Berufsbezeichnung alle Ehre, lässt er doch seit Jahren immer wieder mit Neuentdeckungen im Feld der allerkleinsten Lebewesen aufhorchen - und wird nicht müde, deren Bedeutung im Großen hervorzuheben.

"Diese Welt ist eigentlich eine Welt der Mikroben", sagte Wagner im Gespräch mit der APA. Zusammen mit seiner Forschungsgruppe ist er seit rund 25 Jahren sehr erfolgreich in der Analyse von den überall vorhandenen "Parallelwelten" aus Mikroorganismen-Gruppen (Mikrobiome), deren Einzelakteure und Zusammensetzung bis vor kurzem kaum zugänglich waren. Wie "eng vernetzt und abhängig" alle Lebewesen von "mikrobiellen Lebensgemeinschaften" sind, erschließe sich in den vergangenen Jahren immer mehr.

Dass sich nun der Schleier um diese "Dunkle Materie" der Biologie langsam lüftet, sei auch jenen Methoden zu verdanken, deren Entwicklung Wagner und sein Team vorangetrieben haben, heißt es seitens des FWF. Auch wenn sich seine Forschungsobjekte vielfach noch nicht im Labor gezielt züchten lassen, wurde es durch die neuen Techniken möglich, Bakterien, Viren und Archaeen und vor allem deren Funktion direkt in medizinischen oder Umweltproben zu untersuchen. Dazu müsse man sich "relativ abgefahrene Methoden ausdenken", so Wagner.

Stickstoffkreislauf im Zentrum des Forschungsinteresses

Im Zentrum seines Interesses steht seit einiger Zeit u.a. der Stickstoffkreislauf, in den der Mensch durch die Düngung weltweit massiv eingreift und der noch viele offene Fragen bereithält. Gelangt der Stickstoff in Gewässer, führt das dort etwa zu unkontrollierter Algenblüten. Mikroben, die in diesem Kreislauf eingebunden sind, produzieren überdies das klimaschädliche Lachgas.

Mit den Comammox-Bakterien hat Wagner im Jahr 2015 einen völlig neuen Akteur bei der Nitrifikation, also der Umwandlung von Ammonium zu Nitrat, nachgewiesen. Dieser entpuppte sich in der Folge als einer der "Hauptspieler" in den für Mensch und Umwelt so wichtigen Abläufen. Immer wieder weist Wagner in dem Zusammenhang darauf hin, wie wichtig ein tieferes Verständnis dieser Umwandlungsprozesse in Landwirtschaft und Abwasserreinigung ist, um diese zukünftig umweltfreundlicher zu gestalten.

Für Aufsehen sorgte etwa auch 2017 die "Zufallsentdeckung" sogenannter Riesenviren durch Wagners Team in Proben aus der Kläranlage Klosterneuburg (NÖ). Die "Klosneuviren" benannten Mikroben erwiesen sich in vielerlei Hinsicht als einzigartige Lebewesen.

Mit derartigen Funden auf der Basis von akribischer Detailarbeit in der Analyse des Erbgut-Dschungels von Mikroorganismen findet sich der Name des am 18. November 1965 in München geborenen Wissenschafters seit Jahren beständig auf der Liste der weltweit 6.000 am häufigsten zitierten Forscher. Nachdem er sich "völlig aus dem Bauch heraus" für das Studium der Biologie entschlossen hatte, schloss Wagner dieses 1995 an der Technischen Universität (TU) der bayerischen Hauptstadt "summa cum laude" ab. Als Post-Doc wechselte er an die Northwestern University (US-Bundesstaat Illinois), um 1996 als Arbeitsgruppenleiter und Assistenzprofessor an die TU München zurückzukehren.

Seit 2003 ist er Professor für Mikrobielle Ökologie an der Universität Wien, wo er das Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft leitet. Dessen Ausbau will der Forscher, der 2011 einen hochdotierten "Advanced Grant" des Europäischen Forschungsrates (ERC) erhielt, mit dem mit 1,5 Mio. Euro dotierten Wittgenstein-Preis vorantreiben. Durch die angestrebte Weiterentwicklung von Methoden zur Analyse von Mikrobiomen soll es künftig möglich werden, die Funktion einzelner Akteure nicht in mehr Tagen bis Wochen, sondern fast in Echtzeit zu analysieren, sagte Wagner, dem auch "kleine Sortiergeräte" vorschweben, mit denen Kleinstlebewesen sozusagen nach ihrer Tätigkeit selektiert werden könnten.

In seiner Freizeit ist der Vater von vier Kindern viel mit der Familie in der Natur oder auf Reisen unterwegs. Außerdem zählt der bekennende FC Bayern München-Fan - Wagner: "Das kann man sich nicht aussuchen" - Kajakfahren und Klavierspielen zu seinen Hobbys.

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