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Ther erforscht soziale Folgen von Wirtschaftsreformen © APA (Neubauer)
Ther erforscht soziale Folgen von Wirtschaftsreformen © APA (Neubauer)

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Philipp Ther: Geschichte als Erklärung für Europas jüngste Konflikte

17.06.2019

Man sollte das Buch "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa" lesen, wenn man die jüngsten Konflikte in Europa verstehen wolle, urteilte die Jury, als sie Philipp Ther 2015 den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse zuerkannte. Nun kann der Historiker mit dem Wittgenstein-Preis seine Arbeiten intensivieren - was weitere Erklärstücke erwarten lässt.

Der am 16. Mai 1967 im Vorarlberger Kleinwalsertal geborene Historiker, der die deutsche und österreichische Staatsbürgerschaft hat, ist seit 2010 Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien. Schon mit seinem 2017 erschienenen Buch "Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa" (Suhrkamp) hat er sein klassisches Portfeuille der Osteuropa-Historie verlassen und daran erinnert, dass "die europäische Geschichte auch eine Geschichte massenhafter Fluchtvorgänge ist". Sein neues Buch "Das andere Ende der Geschichte. Die große Transformation", das im Herbst erscheinen soll, hat nun einen globalen Blickwinkel.

"Das wird ein Querschnitt, warum die Geschichte ganz anders geendet hat, als 1989 erwartet. Damals war ja so die Annahme, alles endet in der Marktwirtschaft und in der liberalen Demokratie. Und jetzt sind wir mit einer Renaissance des Nationalismus und zugleich mit Illiberalismus konfrontiert", erlaubt er einen Blick in seine Sammlung von Analysen und Essays über verschiedene Länder wie die USA, Italien oder Deutschland.

Forschungsschwerpunkt Geschichte der Transformation

Die Geschichte der Transformation seit den 1980er Jahren ist einer der Forschungsschwerpunkte Thers, der sich auch der Sozial- und Kulturgeschichte Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert, vergleichenden Nationalismusstudien sowie ethnischen Säuberungen widmet. Aufgewachsen in Bayern und Istanbul, wo sein Vater an der Deutschen Schule unterrichtete, studierte er Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften an den Universitäten Regensburg und München, machte seinen Master an der Georgetown University in Washington D.C. (1994) und promovierte 1997 an der Freien Universität Berlin. Schon damals widmete er sich in seiner Promotion dem Vergleich von Flüchtlingsströmen in der Nachkriegszeit.

In der Folge arbeitete er am Center for European Studies an der Harvard University und dem Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas an der Freien Universität Berlin, wo er 2005 auch habilitierte. 2002 wurde er Juniorprofessor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, 2007 Professor für Europäische Geschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. 2010 wechselte er dann an die Universität Wien, wo er 2014 Vorstand des Instituts für Osteuropäische Geschichte wurde.

Dort hat der begeisterte Amateurmusiker, der Saxophon spielt und mit seiner Soulband "Gentz" immer wieder in Wien auftritt, mit Kollegen aus Polen, Schweden, Deutschland, Tschechien, Ungarn, Kroatien und Österreich den Research Cluster for East Central Europe and the History of Transformations (RECET) gegründet, den er nun mit dem mit 1,5 Mio. Euro dotierten Wittgenstein-Preis ausbauen möchte. Ziel sei dabei, die sozialen Folgen von Wirtschaftsreformen wie wachsende regionale und soziale Ungleichheit zu erforschen, die Ther für eine der Hauptursachen der Krise der liberalen Demokratie, der EU und den Aufstieg des Rechtspopulismus hält.

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