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Getriebe erhöht Sicherheit und spart Treibstoff © TU Wien
Getriebe erhöht Sicherheit und spart Treibstoff © TU Wien

APA

Höhenflüge in Le Bourget - mit österreichischer Unterstützung

11.07.2019

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 26/2019 und nicht zwingend tagesaktuell

Bis in die Innenstadt zum Eiffelturm sieht und hört man die Kunstflugstaffeln, wenn in Paris die alle zwei Jahre stattfindende Flugzeugmesse SIAE (17. bis 23. Juni) über die Bühne geht. Das Flugfeld Le Bourget, nicht unweit des Pariser Flughafens Charles de Gaulle, ist dabei ein Besuchermagnet weit über die Branche hinaus. Der Salon International de l'Aéronautique et de l'Espace, der heuer zum 53. Mal stattgefunden hat, dient nicht nur als Umschlagplatz für Geschäfte in der Branche, sondern ist vor allem eine Gelegenheit, die neuesten technischen Entwicklungen in der Luft- wie Raumfahrttechnik zu sehen. So konnten die Besucher knapp 150 Flugzeugtypen vor Ort besichtigen. Privatjets, aber auch Kampfflugzeuge, Hubschrauber und die neuesten Modelle von Airbus und Boeing waren darunter.

Auch Österreich war mit insgesamt 24 Ausstellern an der Messe vertreten. Im Vergleich zu den großen europäischen Luftfahrtnationen wie Deutschland oder Frankreich fokussiert die heimische Branche auf Zuliefererunternehmen und Nischenprodukte. "Österreichs Stärke liegt im Mittelstand" erklärt Michael Weigand vom Institut für Engineering Design der Technischen Universität (TU) Wien, der mit einem Team in Le Bourget vertreten war, im Gespräch mit APA-Science. Produkte, die die heimischen Forscher und Ingenieure in Frankreich vorgestellt haben, waren Antriebskomponenten, Strukturbauteile, Interieur wie Gepäckablagen, Bordküchen oder Staukästen, aber auch ganze Antriebssysteme. Endkunden sind oftmals die Branchenriesen Airbus oder Boeing.

Hubschraubergetriebe und "Smart Wings"

Weigands Team forscht dabei unter anderem im Bereich Luftfahrtgetriebe für Drehflügler (Hubschrauber und Schwenkrotorflugzeuge). Das Getriebemodell (siehe Foto), das die Forscher in Le Bourget präsentiert haben, ist ein komplexes System aus unterschiedlichen Zahnrädern, wie es beispielsweise in Kunstflug-Hubschraubern zum Einsatz kommt. Mit der neuartigen Getriebestufe, die die Forscher konzipiert haben, würde sowohl die Sicherheit verbessert als auch rund 20 Prozent an Treibstoff eingespart, so Weigand. Das System brachte laut TU Wien bei der Messe gute Resonanz, ein Projekt mit einem der Großhersteller im Helikopterbereich scheint durchaus realistisch. "Wir wissen von den Herstellern jedenfalls, dass der Ansatz gut ist", so Weigand.

Ein anderes Projekt der TU Wien sind "Smart Wings" - ein System, das die Tragflächen eines Passagierflugzeugs dynamisch an die sich ständig ändernden Wind- und Strömungsverhältnisse während des Flugs anpasst. Erste Prototypen wurden laut den Wissenschaftern im unbemannten Einsatz bereits erfolgreich getestet. "Technisch kann man mit diesem System in Turbulenzen fliegen, in denen man sonst nicht fliegen könnte", erklärt Weigand.

Am ebenfalls in Paris vertretenen Institut für Fertigungstechnik der TU Wien beschäftigt man sich wiederum hauptsächlich mit der Frage, wie Bauteile für die Flugzeugindustrie in höchster Qualität und Effizienz herzustellen sind. "Wie kann man einen verbesserten Verarbeitungsprozess erzielen und welche Verbesserungen sind dafür notwendig?", beschreibt TU-Wissenschafter Gerhard Wiesinger die Fragestellungen des Teams. Wiesinger arbeitet unter anderem mit Faser-Kunststoff-Verbunden (Carbon fiber reinforced polymers - CFRPs) - dünnen, fast metallisch aussehenden, extrem festen Werkstoffen. Um diese im Bereich Flugzeugtechnik nutzen zu können, ist vor allem Präzision gefragt. Im Projekt "Fibercut" geht es genau darum, diese Lösungen zu finden. "Welche Fräsen und Parameter müssen verwendet werden, um möglichst präzise Ergebnisse zu erzielen?", erklärt Wiesinger. Auch hochwarmfeste Nickel- oder Titran-basierte Legierungen, die in der Luftfahrt zunehmend Bedeutung gewinnen, können laut TU-Angaben mit am Institut entwickelten Methoden besser und schneller bearbeitet werden als derzeit üblich.

Aviation Power aus Österreich

Urban Air Mobility, Elektromobilität aber auch Personal Mobility sind für Weigand einige der Themengebiete, die derzeit die Luftfahrtbranche beschäftigen. Vor allem im Bereich der militärischen Aufklärung ziehen Unmanned Aereal Vehicles (UAV) in Paris die Aufmerksamkeit der Besucher an sich. Auch hier mischt Österreich mit. Der heimische Schiebel-Konzern ist beispielsweise mit seinen wendigen unbemannten Hubschraubern im maritimen Bereich Weltmarktführer. Nadelöhr für die Nutzung von UAVs im öffentlichen Luftraum ist dabei laut Schiebel momentan noch die regulatorische Umgebung. Denn irgendwer müsse für die, möglicherweise bald mehr werdenden, unbemannten Flugobjekte, ja zuerst die Rahmenbedingungen festlegen.

Stark aufgestellt ist die heimische Luftfahrtwirtschaft in der Nische der Testumgebungen für Komponenten und Systeme für die Luftfahrt. So beliefert der heimische Prüfgeräteanbieter Test-Fuchs aus Groß-Siegharts (NÖ) unter anderem das europäische Trägerraketenprojekt Ariane. Im Wiener Rail Tec Arsenal stehen darüberhinaus zwei der größten Windkanäle der Welt. Dort lassen sich unter anderem ganze Hubschrauber in klimatischen Extrembedingungen (-45°C bis 60°C) überprüfen. Die Windkanäle sind auch für die Forscher der TU Wien interessant - angedacht sei derzeit eine engere Kooperation mit der ursprünglich nur auf Schienenverkehr spezialisierten Testumgebung, um sie verstärkt für Forschung und Sicherheitsüberprüfung im Bereich Avionik zu nutzen.

Clean Sky am Horizont

Zweifellos eines der Kernthemen auf der diesjährigen SIAE war die CO2-Reduktion im Flugverkehr. Entscheidend für die Rahmenbedingungen im Bereich Flugzeugentwicklung in den nächsten Jahren könnte das "Clean Sky 3"-Programm der EU sein. Dabei werden künftige Zielsetzungen für die europäische Luftfahrtindustrie diskutiert, die die Rahmenbedingungen der für Forschung und Entwicklung abstecken werden. Das heißt für die Wissenschaft sich der Frage zu stellen, wie soll die Luftfahrt im Jahr 2030 aussehen und welche technischen Erfordernisse sind dafür notwendig?

Fest steht für Vielflieger momentan nur, dass die Zeit der Superjumbos á la Airbus A380 dann vorbei sein wird. Airbus hat für seinen Langstreckenjet A321 XLR, der Messeneuheit des deutsch-französischen Gemeinschaftsunternehmens auf der SIAE 2019, bisher 48 definitive Bestellungen verbuchen können. Das Flugzeug ist das glatte Gegenteil der vierstrahligen Langstrecken-Luftgiganten von Emirates & Co. Um die Hälfte kleiner, verbrauchsarm und wesentlich umweltschonender. Ob die übergroßen Mammut-Passagierflugzeuge irgendwann wiederkommen werden? TU-Experte Weigand meint, "eher nein."

von Siegmund Skalar / APA-Science

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