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Forschungsergebnisse und Lösungsansätze von 108 Wissenschaftern aus aller Welt © APA (dpa)
Forschungsergebnisse und Lösungsansätze von 108 Wissenschaftern aus aller Welt © APA (dpa)

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Tagung des Weltklimarats - Arbeit an Bericht abgeschlossen

07.08.2019

Experten aus 195 Staaten haben in Genf den bisher umfassendsten Bericht zum Zusammenhang der Landnutzung durch den Menschen und dem Klimawandel finalisiert. Wie die Nachrichtenagentur AFP aus Verhandlerkreisen erfuhr, schlossen die Delegationen ihre Beratungen über den Bericht des Weltklimarats IPCC über die Herausforderungen durch eine wachsende Erdbevölkerung und die Erderwärmung ab.

Der mehr als tausend Seiten starke Bericht sowie dessen Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger sollten am Vormittag des 8. August vorgestellt werden. Für den IPCC-Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme, wie sein offizieller Titel lautet, hatten 108 Wissenschafter aus aller Welt zahlreiche Forschungsergebnisse zusammengetragen. Er zeigt auch Lösungsansätze und mögliche Ausgleichsmaßnahmen auf.

Bewertung von Bioenergie als zentraler Punkt

Vertreter der 195 IPCC-Mitgliedstaaten waren den Bericht vergangener Woche Zeile für Zeile durchgegangen, um die Endfassung zu verabschieden. Ein zentraler Punkt bei den Verhandlungen war die Bewertung von Bioenergie, also aus der Verbrennung von pflanzlichem Material gewonnene Energie.

Um das im Pariser Klimaabkommen von 2015 beschlossene Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu beschränken, mithilfe von Bioenergie umzusetzen, wären riesige Landflächen nötig. Angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Menschen bis Mitte dieses Jahrhunderts auf zehn Milliarden anwachsen dürfte, wird befürchtet, dass es einfach nicht genug Land gibt, um alle Menschen satt zu machen und zugleich den Klimawandel wirksam zu bekämpfen.

Aus Verhandlungskreisen in Genf verlautete, dass besonders waldreiche Länder wie Kanada, Brasilien, Schweden und Norwegen auf eine größere Rolle der Bioenergie in der Klimapolitik gedrungen hätten. Länder, die bereits verstärkt unter Dürren und der Verwandlung von Gebieten in Wüsten leiden, wiesen dieses Ansinnen den Angaben zufolge zurück.

Erdboden als wertvolles Vermögen

Begonnen hatte die politische Debatte des Weltklimarats mit einer Mahnung zum Schutz der Landflächen. Inger Andersen, Geschäftsführerin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), betonte bei der Eröffnung in einer Videobotschaft, dass "die Erde unter unseren Füßen eines der wertvollsten Vermögen der Menschheit" sei.

"Zu einer Zeit, in der wir es uns am wenigsten erlauben können, verlieren wir fruchtbaren Boden und biologische Vielfalt in einem alarmierenden Tempo", erklärte Andersen. "Wir müssen die Nutzung unserer Landflächen an den Klimawandel anpassen, damit wir die Nahrungsmittelproduktion für die heutige und für zukünftige Generationen sicherstellen können."

Der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC, Hoesung Lee, betonte vor allem die symbolische Wirkung auf die Öffentlichkeit, die der Report aussenden könnte. "Ich hoffe, dass wir die Aufmerksamkeit der Menschen für die Gefahren und Herausforderungen erhöhen können, die der Klimawandel für das Land bereithält, auf dem wir leben und das uns ernährt", sagte Lee.

In den sieben Kapiteln des Reports werden unter anderem die Versteppung, die Einflüsse von Treibhausgasen und ein nachhaltiges Landmanagement thematisiert. "In der Sache dürfte das Ergebnis der Genfer IPCC-Konferenz in jedem Fall betonen, dass Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen oder die Versalzung von Böden infolge des Klimawandels für das Welternährungssystem eine erhebliche Bedrohung darstellen", glaubt Jan Kowalzig von der Hilfsorganisation Oxfam. In den Fokus werde wohl auch die Landwirtschaft rücken, die für einen großen Teil der Treibhausgasemissionen verantwortlich zeichnet. Offen sei aber, wie deutlich die Kritik an industrieller Landwirtschaft ausfallen werde, sagte Kowalzig.

WWF: Hoher Fleischkonsum befeuert Klimawandel

Der WWF hatte betont, dass vor allem ein hoher Fleischkonsum den Klimawandel weiter befeuern werde. "Fleisch zählt zu den größten Klimakillern, dennoch lehnt sich die Politik hier zurück und wälzt das Problem auf die Konsumentinnen und Konsumenten ab", sagte Helene Glatter-Götz von WWF Österreich in einer Mitteilung. "Daher fordern wir einen konkreten Aktionsplan für die Emissionsreduktion im Ernährungsbereich." Der WWF plädierte unter anderem für ein Ende von Dauerrabatten auf Fleischprodukte. Auch sollten Agrarsubventionen stärker eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft unterstützen.

Am IPCC-Bericht beteiligt sind Wissenschafter aus mehr als 30 Ländern weltweit. Sie hatten zuvor eine sehr umfangreiche Analyse über den derzeitigen weltweiten Wissensstand zu diesem Thema erstellt. Eine Zusammenfassung davon wird nun in Genf vor allem von politischen Delegierten debattiert, damit der so entstehende Bericht anschließend auch entsprechend durch die Mitgliedsländer legitimiert ist. "Das bedeutet, die in Genf zur Verhandlung stehende Zusammenfassung kann bei einzelnen Themen dann auch so etwas sein wie der kleinste gemeinsame Nenner", meinte Oxfam-Vertreter Kowalzig.

Umgang mit Nahrung zu wenig nachhaltig

Der Rat (IPCC) befasst sich auch mit der Frage, wie sich die Ernährung einer rapide wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen lässt, ohne die Natur und damit die Existenzgrundlage zu zerstören. Neben der Massen-Fleischproduktion sei die Lebensmittelverschwendung ein großes Problem, kritisierten Umweltschutzorganisationen.

Experten zufolge wurde die Frage, wie sich Land effizient nutzen lässt, lange Zeit ignoriert. Klimawandel und Landsysteme sind nach Angaben der Vize-Chefin der US-Naturschutzorganisation The Nature Conservancy, Lynn Scarlett, eng miteinander verflochten: "Wenn wir uns anschauen, was der Klimawandel bewirkt und was zur Klimaerwärmung beiträgt, spielen die Landsysteme bei beidem eine unglaublich wichtige Rolle", sagte Scarlett.

Nach ihren Angaben sei die Landnutzung etwa durch Landwirtschaft und die Abholzung der Wälder für rund ein Viertel der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. "Die Auswirkungen sind beträchtlich, und sie zeigen sich jetzt schon und nicht erst in ferner Zukunft", warnte die Expertin.

Systeme werden bald an ihre Grenzen stoßen

Rund ein Drittel der Landfläche weltweit und Dreiviertel des gesamten Frischwassers werden inzwischen für Landwirtschaft verwendet. Angesichts des erwarteten Anstiegs der Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts wächst die Sorge, dass die derzeitigen Systeme schon bald an ihre Grenzen stoßen.

Ein Problem ist neben der Massen-Fleischproduktion die Lebensmittelverschwendung: Schätzungen zufolge landen rund 30 Prozent aller Nahrungsmittel im Müll - und tragen weiter zur schlechten CO2-Bilanz bei. "Obwohl der Boden mehr als genügend Nahrungsmittel für alle hergibt, müssen immer noch 820 Millionen Menschen jeden Abend hungrig ins Bett gehen", sagte Stephan Singer, Energieberater des Dachverbands Climate Action Network. "Der Umgang mit Nahrung ist wenig nachhaltig", kritisierte er.

Hinzu komme die zunehmende Nutzung von Monokulturen wie etwa Soja, die maßgeblich zur Zerstörung der Wälder beitragen. Jedes Jahr verschwinden Tropenwälder von der Größe Sri Lankas - und mit ihnen die Möglichkeit, große Mengen CO2 zu absorbieren. Gleichzeitig bilden sich mehr und mehr Wüsten, werden die Lebensräume für Menschen und Tiere zerstört. Auch darauf wird der Sonderbericht eingehen.

"Dieser Bericht erscheint zu einem entscheidenden Zeitpunkt, denn die Landwirtschaft ist gleichzeitig Opfer und Treiber des Klimawandels", meinte Teresa Anderson von der internationalen Nichtregierungsorganisation ActionAid. "Wir müssen weg von der schädlichen Agrarindustrie, die auf Chemie setzt, die Abholzung antreibt und Treibhausgase ausstößt".

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