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Poschner: KI-Version gelungen, trug aber nichts Neues zur Komposition bei © APA (AFP)
Poschner: KI-Version gelungen, trug aber nichts Neues zur Komposition bei © APA (AFP)

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Ars Electronica - KI bringt "neues Instrument" auf die Bühne

09.09.2019

Als "erschütternd und in jeder Beziehung neu" bezeichnete der Chefdirigenten des Bruckner Orchesters Linz, Markus Poschner, seine Erfahrung mit der von einem Künstliche Intelligenz(KI)-System vollendeten 10. Sinfonie Mahlers. Das Ergebnis, das in der "Großen Konzertnacht" der Ars Electronica zu hören war, sei aber erstaunlich gewesen, sagte er im Rahmen des AIxMusic Festivals.

Mit KI-Systemen betrete gewissermaßen "ein neues Instrument die Bühne", sagte Poschner im trotz trüb-kühlem Wetters gut besuchten Augustiner Chorherrenstift St. Florian (OÖ), in dem das als Plattform zur Verbindungen zwischen Musik und Kunst mit KI gedachte mehrtägige Festival am Samstag seinen Hauptschauplatz hatte. Im Rahmen des "Mahler-Unfinished Project" ging es darum, die fragmentarische Sinfonie Gustav Mahlers durch KI fertigstellen zu lassen.

Perfekt, aber nicht neu

Schon bei der ersten Probe seien er und sein Orchester "verblüfft von der technischen Perfektion" der neu generierten Komposition gewesen. Zuvor war das System mit allerlei musikalischer Information aus Mahlers umfangreichen Schaffen gefüttert worden. Im Ergebnis, das vom österreichischen Komponisten Ali Nikrang unverändert belassen und lediglich orchestriert wurde, und gestern in der Linzer PostCity aufgeführt wurde, hätten sich tatsächlich ähnliche Spannungsverläufe wie in anderen Mahler-Werken ergeben.

Am Ende stand die Erkenntnis, dass die KI-Version durchaus gelungen war, aber auch nichts wirklich Neues zur Komposition beitragen konnte, so Poschner. Es bleibe allerdings die Frage, ob man ohne dem Wissen, dass das Gros der Komposition von einer KI kommt, überhaupt merken würde, dass die Noten nicht von Mahler stammen. Der Prozess habe bei ihm jedenfalls Irritationen ausgelöst, die bis zum Gedanken führten, "ob man das als Musiker überhaupt gut finden darf".

Glenn Gould-Erweckung durch KI

Mit einer Art Wiederkehr des kanadischen Ausnahmepianisten Glenn Gould endete der Hauptteil des "AIxMusic Festivals". In der Basilika des Augustinerstifts St. Florian konzertierte ein KI-System, das Goulds einprägsames Spiel imitiert, zusammen mit menschlichen Musikern. Hinter der Entwicklung steht ein aufwendiges Forschungsprojekt.

Mit dem "Dear Glenn" betitelten System stellt der japanische Yamaha-Konzern laut eigenen Angaben das erste auf maschinellem Lernen basierende KI-System für Klavier vor, wie es seitens der Initiatoren vor der ersten größeren Livepremiere im oberösterreichischen Stift hieß. Unter Federführung des KI-Entwicklers Akira Maezawa von Yamaha wurde das Programm mit dem Werk des 1982 verstorbenen Musikers gefüttert. Die mannigfaltigen Feinheiten im so prägnanten Spiel des Ausnahmetalents könne die KI alleine trotz großer Fortschritte in den vergangenen Jahren jedoch noch nicht ganz herausarbeiten, sagte Maezawa bei dem der Verbindung von Musik, Kunst und KI gewidmeten "AIxMusic Festival".

Erstaunliche Fortschritte

Aus diesem Grund suchte man den Kontakt zu Musikern, die Goulds Wirken nahe stehen. Gefunden hat man u.a. den luxemburgischen Pianisten und Komponisten Francesco Tristano, der sich daraufhin in das Projekt einbrachte. Es sei erstaunlich gewesen, welche Fortschritte das selbstlernende System mit der Zeit machte. Nach etwa einem Jahr ließen die Projektpartner, zu denen auch die Glenn Gould Foundation, das Bruckner Orchestra Linz sowie die Firmen Dentsu und IBM Japan zählen, die KI vor Wegbegleitern Goulds vorspielen. Das Ergebnis habe überzeugt, sagte Brian M. Levine von der Gould Foundation.

Für ihn liege der Mehrwert des Vorhabens darin, dass man damit mehr über das so schwer zu fassende Phänomen des musikalischen Stils erfahre, an dem es vielen nahezu perfekt spielenden Musikern heutzutage mitunter fehle. Zukünftig könne man virtuell mit Gould zusammenspielen und von seiner KI-Variante lernen, so Levine. Ein weiterer interessanter Aspekt sei, dass man das System auch Stücke spielen lassen könne, die der Pianist nie selbst gespielt hat.

Gould selbst hätte sich diesem Ansatz, der natürlich auch Zweifel und Befürchtungen auslöse, vermutlich nicht entzogen, gab sich der Direktor der Gould-Stiftung überzeugt. Immerhin habe der Innovator die durchaus verknöcherte klassische Musik federführend ins 20. Jahrhundert mitbefördert.

"Werkzeug" für Musiker

Darüber, dass solche Systeme künftig vermutlich verbreitet eingesetzt werden, waren sich Experten im Rahmen der Diskussion einig. Diese müssten allerdings als "Werkzeuge" für Musiker betrachtet werden, die die künstlerische Arbeit von Komponisten und Songwritern nicht komplett übernehmen werden, gab sich der Computerwissenschafter, -musikpionier und Forschungschef der Musik-Streamingplattform Spotify, Francois Pachet, überzeugt. Füttert ein begabter Künstler ein System mit seinen Ideen, Erfolgen und Fehlschlägen und die KI spuckt dann auf Basis dessen später etwas Interessantes aus, werde er es vermutlich verwenden. Klar sei aber auch: "Es werden unglaublich viele Leute unglaublich viel herausbringen. Das Meiste davon wird aber vermutlich auch Mist sein."

Auch für den "Google AI"-Experten Douglas Eck gibt es "einen Platz für die Maschine im musikalischen Schaffensprozess". Die Systeme würden aber bei weitem nicht alle Bereiche durchdringen und seien "keine ersetzende Technologie". Nach seinem Geschmack müsse man sich mit KI vielleicht auch nicht unbedingt auf Klassik oder Bluegrass-Musik stürzen, sagte Eck. In vielen Gebieten könnte sie aber dabei helfen, mehr musikalische Einzelteile zu produzieren, aus denen ein Künstler dann auswählen und ganze Stücke zusammenbauen kann. Das erinnere sehr an die Arbeitsweise im Electronic- oder Hip-Hop-Bereich.

Hilfestellung oder Bedrohung?

Denkt man in herkömmlichen Bahnen werde jedoch auch bei all den Gedanken an den moderaten und behutsamen Einsatz von KI in der Musik "irgendetwas auf den Kopf gestellt", konstatierte Poschner. Musik übersetze immerhin sehr diffuse menschliche Gefühle und Gedanken. Tut das nun eine Maschine, löse das ein gewisses Gefühl der Bedrohung aus. Für den Musiker kann eine Maschine demnach vor allem Hilfestellungen geben, man sei aber insgesamt schlecht beraten, eine "intelligente" Maschine zu stark vermenschlichen.

Davor warnte auch die Literaturwissenschafterin und Autorin Sophie Wennerscheid in einer weiteren Diskussion. Das Vorantreiben von KI werde die Gesellschaft zukünftig mit "neuen Wesen" konfrontieren. Der Umgang damit müsse erst gelernt werden. Eine Ausstattung der Systeme mit einer möglichst menschlichen Gefühlswelt, die dann in eine "menschenähnliche Interaktion" damit mündet, sollte jedoch nicht das Ziel sein, sagte Wennerscheid.

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