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Mongolische Revolution des Mittelalters

18.09.2019

Welche Rolle spielten die mongolischen Eroberer für den Kulturwandel im Iran vor über 700 Jahren? Dieser Frage geht Bruno De Nicola anhand von Manuskripten des Mittelalters nach. Für seine Forschungen hat der ÖAW-Iranist kürzlich einen START-Preis des FWF erhalten.

"Es ist fantastisch", sagt Bruno de Nicola. "Ein großartiges Gefühl und sehr stimulierend." Der Historiker vom Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erhielt heuer einen START-Preis. Das hochdotierte Programm des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF ermöglicht exzellenten Jungwissenschaftler/innen die Umsetzung eines geplanten Forschungsprojekts.De Nicola wird anhand von Manuskripten den kulturellen Wandel im mittelalterlichen Iran und Zentralasien ergründen. Er möchte herausfinden, welche Rolle die mongolischen Eroberer dabei spielten. "Dass eine solche kulturelle Revolution stattfand, wissen wir. Was wir noch nicht verstehen, ist, wie das passierte", erklärt der Iranforscher im Interview.

Herr De Nicola, Sie haben heuer einen START-Preis erhalten. Was möchten Sie in Ihrem Forschungsprojekt untersuchen?

De Nicola: Im 13. und 14. Jahrhundert fand im Iran und in Zentralasien ein entscheidender kultureller Wandel statt. Ich werde die Beziehung zwischen den mongolisch-nomadischen Eroberern und der autochthonen, sesshaften Bevölkerung während dieser Zeit untersuchen. Seit Jahrzehnten wird über das Verhältnis dieser beiden sozialen Gruppen diskutiert, umfassende Studien dazu gibt es bisher aber nicht.

Indem ich die Rolle der nomadischen Eroberer in diesem Kulturwandel genauer definiere, möchte ich außerdem das Vorurteil ausräumen, die Nomaden wären ausschließlich illiterate und gewissermaßen kulturlose Eroberer gewesen. Diese Vorstellung ist auch in den Geschichtswissenschaften nach wie vor verbreitet. Es ist natürlich richtig, dass die Mongolen in manchen Fällen durchaus blutige Eroberer waren. Aber zugleich spielten die Nomaden eine extrem wichtige Rolle in der Kulturproduktion und dem kulturellen Wandel dieser Epoche. Das möchte ich in diesem Projekt zeigen.

Sie analysieren Manuskripte, welche Informationen verbergen sich in diesen Handschriften?

De Nicola: Jedes handschriftliche Manuskript ist ein einzigartiges Artefakt. Es wurde individuell produziert und erzählt eine ganz eigene Geschichte. Mich interessieren daher vor allem die sogenannten Paratexte dieser meist persisch- oder arabischsprachigen Handschriften. Dazu zählen beispielsweise Eigentumsmarken, Vorworte oder Annotationen. Das wurde in der Forschung bisher ziemlich vernachlässigt. Ich verfolge hier einen völlig neuen Ansatz: Mein Team und ich werden diese Paratexte in Verbindung mit den eigentlichen Texten untersuchen, um dadurch ein umfassenderes Verständnis dieser Periode zu erlangen.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Anwendung der Digital Humanities in der Iranforschung, welche Rolle spielen derartige Methoden in diesem Projekt?

De Nicola: Die aus den Tausenden von Texten und Paratexten gewonnenen Informationen werden in einer Online-Datenbank gesammelt und digital ausgewertet. Dadurch bekommen wir zum Beispiel einen Einblick in die geografische Verteilung von Produktionszentren, Fundorten oder von Verbindungen zwischen ihnen. Ich hoffe außerdem, dass unsere Datenbank auch für andere ein wertvolles Werkzeug sein kann, um in Zukunft noch weitere Forschungen anhand dieser Manuskripte durchzuführen.

Was macht die Periode der mongolischen Herrschaft im Iran und Zentralasien für Sie so faszinierend?

De Nicola: Diese Epoche und im Speziellen die Konsequenzen der mongolischen Expansion sind ungemein wichtig, nicht nur für das Verständnis des Irans und Zentralasiens, sondern auch für die Entwicklungen in Europa nach dem 13. und 14. Jahrhundert. Wir können weder die islamische Welt noch Europa verstehen, ohne den Einfluss der Mongolen zu betrachten. Das macht diese Zeit für mich so faszinierend. Diese Epoche veränderte alles und sie hatte erhebliche Auswirkungen auf die weitere Geschichte in vielen Weltregionen.

Auf einen Blick

Bruno De Nicola studierte mittelalterliche Geschichte an der Universität Barcelona und Geschichte des Mittleren Ostens an der School of Oriental and African Studies London sowie an der University of Cambridge. Während seiner Promotion war er Projektkurator für persische Manuskripte an der British Library, kurz darauf wurde er Affiliated Researcher an der University of Cambridge. 2017 erhielt De Nicola einen Lehrstuhl für die Geschichte des Mittleren Ostens am Goldsmith College, London - eine Position, die er parallel zu seiner Stelle als Forscher am Institut für Iranistik der ÖAW inne hat. 2019 wurde De Nicola mit einem START-Preis des FWF für herausragende Nachwuchsforscher/innen ausgezeichnet.

Forschungsförderung - Start-Preise für ÖAW Forscher: https://www.oeaw.ac.at/detail/news/start-preise-fuer-oeaw-forscher/

Quelle: ÖAW

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