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Kocher lobt konkreten Forschungsansätze © APA (Pfarrhofer)
Kocher lobt konkreten Forschungsansätze © APA (Pfarrhofer)

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Wirtschaftsnobelpreis- IHS-Kocher: Entwicklungsökonomik weitergedacht

14.10.2019

In ersten Reaktionen auf die drei heute gekürten Wirtschaftsnobelpreisträger haben österreichische Wirtschaftswissenschafter sich sehr positiv geäußert. Der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, hält die Auswahl für "absolut gerechtfertigt": Die drei Preisträger hätten substanziell an der methodischen und inhaltlichen Weiterentwicklung der Entwicklungsökonomik gearbeitet.

Sie haben dabei vor allem sogenannte Feldexperimente, also randomisiert-kontrollierte Studien, eingesetzt, um evidenzbasierte Grundlagen für die Bekämpfung von Armut und Diskriminierung zu schaffen. Ihre Arbeiten seien weithin anerkannt in der Wirtschaftswissenschaft und darüber hinaus. "Schön ist auch aus meiner Sicht, dass es mit Esther Duflo eine zweite Wirtschaftsnobelpreisträgerin gibt", sagte Kocher gegenüber der APA. Er kenne Duflo persönlich, weil er bereits eine Laudatio auf sie gehalten habe. Sie sei eine "faszinierende Forschungspersönlichkeit" und seine Favoritin für den Nobelpreis gewesen. Mit 46 Jahren sei sie auch die jüngste aller Preisträger, die den Wirtschaftsnobelpreisträger je erhalten haben. Die diesjährige Verleihung sei altersmäßig daher "überraschend", aber "absolut verdient".

"Angewandte Forschung großer Probleme"

Heuer sei wieder ein Preis für eine sehr angewandte Erforschung großer Probleme verliehen worden. "Wirtschaftswissenschaft ist ja oft sehr theoretisch, die drei Preisträger haben versucht, die großen Probleme anzugehen und auf diese konkreten Probleme Antworten zu geben", erläutert Kocher. Durch Studien, die großteils in Entwicklungsländern wie Indien, Ghana oder Kenia durchgeführt wurden, habe man Erkenntnisse für die Bekämpfung von Armut in konkreten Fragen gewonnen. Aber auch in den USA sei über Armut und Diskriminierung geforscht worden. Zusammen mit Entwicklungshilfeagenturen wurde die Verteilungsagenda evaluiert, sprich es wurde großflächig untersucht welche Maßnahmen im Kampf gegen Armut wirken. Das sei auch eine große Managementleistung, wenn Forschung in großem Maßstab durchgeführt werde, würdigt Kocher die Leistungen der drei Preisträger.

Rupert Sausgruber, Vorstand des Departments Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität (WU) in Wien, erläutert im Gespräch mit der APA die Hintergründe: "Das ist eine hochaktuelle Forschung, die auch viel Wirkungskreis hat". Zur effektiven Bekämpfung der Armut werden sogenannte Feldexperimente (Randomized Control Trial) durchgeführt: Dabei werden, ähnlich wie bei Medikamententests, Versuche gemacht, um die Wirkung von Maßnahmen zu testen. So werde etwa eine Gruppe armer Kinder mit Schulbüchern oder finanziellen Beihilfen ausgestattet und eine andere Kontrollgruppe bleibe unbeeinflusst, dann werde der Bildungserfolg der verschiedenen Gruppen gemessen. So könne man evidenzbasiert sagen, ob eine Hilfsmaßnahme auch wirklich wirke.

Armut oft in lokalen Problemen verhaftet

Die Haupteinsicht in der Entwicklungsökonomie sei, dass Armut oft in lokalen Problemen verhaftet sei. So gebe es innerhalb eines Landes oft große Heterogenität, in armen Ländern also nicht nur sehr arme, sondern auch sehr reiche Leute. Die Ursache könne nicht nur makroökonomisch global sein, sondern habe oft auch sehr viel mit den lokalen Verhältnissen zu tun. Mit dieser evidenzbasierten Methode könne man Einsicht in die Wirkung von Interventionen bekommen. Das Prinzip könne man in sehr vielen Bereichen anwenden, um etwa im Kampf gegen Analphabetismus die besten Maßnahmen herauszufinden, oder im Gesundheitsbereich. "Entwicklungsökonomie ist ein sehr altes Feld, aber die neue Methodik hat das Feld revolutioniert", so Sausgruber. "Man konnte viele kleinstrukturierte Maßnahmen finden, wo man wirklich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern konnte."

Auch aus Sicht von Klaus Friesenbichler, Entwicklungsökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), ist der Nobelpreis "absolut verdient" verliehen worden. Erforscht wurden von den Preisträgern die Lebensumstände der Armen: Wie leben die Armen, wie viel Geld geben sie für Nahrung aus, wie viel für Bildung, etc. Im Zentrum der Entwicklungsökonomie stehe die Frage, wie man die Lage der Armen verbessern könne. Da gebe es eine große Bandbreite an einzelnen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, von direkter Nahrungsmittelhilfe über Investitionen in Bildung bis hin zur Landreform, erläutert Friesenbichler: Die drei Forscher haben im Experiment getestet, wie bestimmte Maßnahmen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Maßnahmen wirken. So wurden etwa Mikro-Kredite für Kleinbauern abgetestet, oder ob finanzielle Hilfe in Form von Schul-Schecks wirkt, damit Arme ihre Kinder tatsächlich in die Schule schicken. In Kooperation mit Entwicklungsbanken und Entwicklungshilfsorganisationen sowie auch mit Regierungen seien die Studien durchgeführt und die Erkenntnisse gleich großflächig angewandt worden.

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