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Aktivisten wandten sich gegen Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen © APA (Neubauer)
Aktivisten wandten sich gegen Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen © APA (Neubauer)

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Flächenbrand, Sparflamme, Brand aus: Zehn Jahre Audimax-Besetzung

21.10.2019

Mit einer Demo gegen Änderungen der Studienstruktur begann am 22. Oktober 2009 jene Aktion, die für die einen zum Inbegriff zivilgesellschaftlichen Engagements und für andere schlicht zum Vandalismus mutierte: Die Besetzung des Audimax der Uni Wien. Bei dessen Räumung 60 Tage später lief "unibrennt" aber nur noch auf Sparflamme, mittlerweile ist der Brand komplett aus.

Begonnen hatte die Besetzung 2009 als spontane Aktion nach Protesten an der Akademie der Bildenden Künste gegen die Umstellung der Studien auf die Bologna-Struktur mit Bachelor, Master und PhD. Über damals noch relativ neue Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter wurden Unterstützer in den Hörsaal beordert und nach einer durchtanzten ersten Nacht wurde mit der Einrichtung von Infrastruktur begonnen: Ein basisdemokratisch organisiertes "Plenum" entschied über alle wichtigen Angelegenheiten, daneben konstituierten sich "Arbeitsgruppen", die u.a. Forderungskataloge erarbeiteten, Putztrupps und "Volxküche". Unterstützung gab es dabei auch von der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH). Inhaltlich wandten sich die Aktivisten gegen Studiengebühren bzw. Zugangsbeschränkungen und forderten "Bildung statt Ausbildung".

Überfüllte Hörsäle, zu wenig Geld

Warum gerade damals der Funken übersprang und Proteste entstanden, darüber wurde später viel diskutiert: Kurz davor waren die Studiengebühren quasi abgeschafft worden - als Folge stieg die Zahl der Studienanfänger, auch aufgrund vieler Deutscher, um mehr als 20 Prozent an. Weder für die zusätzlichen Studenten noch die damals schlagend werdende Umstellung der Studienarchitektur gab es zusätzliches Geld - Folge waren überfüllte Hörsäle.

Mit der Besetzung lösten die Studenten eine breite Debatte aus: An der größten Demonstration nahmen zwischen 10.000 und 50.000 Menschen teil - deutlich mehr als die ÖH als offizielle Studenten-Vertretung in den Jahren davor auf die Straße gebracht hatte. Das heißt aber nicht, dass sich diese ganz aus dem Spiel nahm. "Wir haben uns bewusst nicht draufgesetzt, weil es sonst den Charakter der Bewegung zerstört hätte", so die damalige ÖH-Vorsitzende und heutige Grüne Nationalratsabgeordnete Sigrid Maurer zur APA. Gleichzeitig gab es institutionelle wie persönliche Unterstützung, viele ÖHler inklusive Maurer legten vor Ort Hand an.

Mittels sozialer Netzwerke, Homepage und spontaner Aktionen schafften es die Aktivisten der "unibrennt"-Bewegung immer wieder, auch in der Öffentlichkeit Gehör zu finden: So wurden etwa eine Burgtheater-Vorstellung unterbrochen, Flashmobs organisiert und eine Nationalratssitzung gestört.

Politiker versuchten zu beschwichtigen

Die Politik reagierte mit Beschwichtigungsversuchen: Der damalige Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) zapfte seine "Notfallreserve" von 34 Mio. Euro an und initiierte einen rund ein Jahr dauernden "Hochschuldialog", der kein Ergebnis brachte. Er selbst verabschiedete sich - ohne einen Besuch im Audimax - bald als EU-Kommissar nach Brüssel. Erst seine Nachfolgerin Beatrix Karl (ÖVP) stellte sich wenige Tage nach ihrer Angelobung dem direkten Gespräch mit den Studenten.

Für die Politik zahlte sich das Aussitzen aus: "unibrennt" rieb sich immer mehr an internen Fragen wie dem Umgang mit Sexismus und Rassismus im Audimax auf und verlor an Zulauf, der "besetzte" Hörsaal war immer öfter leer oder nur spärlich gefüllt. Schafften es die Besetzer mit Konzerten oder Vorträgen zunächst immer wieder, die Stimmung zum Kochen zu bringen, war der Hörsaal im Laufe der Zeit meist nur mehr Anlaufstelle für eine kleine Zahl von Aktivisten und - zunehmend - Obdachlose. Wirklich voll wurde das Audimax nur mehr Anfang Dezember, als Rektor Georg Winckler sich dem Plenum stellte.

Die Uni-Leitung hatte die Besetzung anfangs toleriert, drängte aber auch angesichts hoher Kosten für Ersatzräumlichkeiten zunehmend auf einen Abzug. Am 21. Dezember war es dann soweit: In den frühen Morgenstunden wurde der Hörsaal geräumt: Verblieben waren zu diesem Zeitpunkt noch rund zehn bis 15 Studenten und 80 Obdachlose.

Nach dem Verlust ihres Flaggschiffs blieb die Protestbewegung nur mehr auf Sparflamme aktiv. Vereinzelt wurde demonstriert, kurzfristig gab es zwei Mal spontane mehrstündige Audimaxbesetzungen. Geblieben sind ein Kinofilm und eine Doku, aber auch kleine hochschulpolitische Erfolge. In den folgenden Monaten wurden doch einige Curricula geändert und etwa mehr Wahlfächer eingeführt.

Maurer: Jederzeit wieder möglich

Eine Protestbewegung wie "unibrennt" könnte auch heute wieder entstehen, ist die neu gewählte Grüne Nationalratsabgeordnete und ehemalige Vorsitzende der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH), Sigrid Maurer, überzeugt. "Das wäre jederzeit möglich. Ob das dann in der gleichen Form abläuft, ist eine andere Frage", so Maurer zur APA.

Maurer hatte 2009 gerade ihre Amtszeit als ÖH-Chefin angetreten, als die Besetzung losging. "Das Novum damals war sicher, dass es die erste Social-Media-begleitete Besetzung in Österreich war." Mit der aktuellen "Fridays for Future"-Bewegung will sie die damalige Aktion nicht vergleichen. "Natürlich gibt es viele Parallelen. Fridays for Future hat aber ein globales Anliegen und ist weniger fokussiert auf die eigenen Studienumstände."

Als neue ÖH-Führung sei man von den Protesten damals überrascht worden. "Wir wurden sowohl überrollt, haben uns aber auch bewusst zurückgenommen", betonte Maurer. "Wir haben uns bewusst nicht draufgesetzt, weil es sonst den Charakter der Bewegung zerstört hätte. Es war eine gute Zusammenarbeit zwischen der institutionellen Ebene und der Bewegung, historisch gesehen Demokratie im besten Sinne."

Positive Folgen

Über das Ende der Bewegung meinte Maurer: "Die Rektorate haben es ausgesessen. Es war auch auf die Dauer anstrengend, daneben seinen eigenen Tätigkeiten - ob Studium oder Arbeit - nachzugehen."

Die Folgen der Protestbewegung bewertet Maurer positiv: "Ich würde nicht sagen, dass es nicht erfolgreich war. Auch wenn wir die Hauptforderungen nicht durchgesetzt haben, hat es deutliche Bewegung in der Hochschullandschaft ausgelöst. Es hat teils eine Revision der Curricula gegeben, man hat wieder mehr freie Wahlfächer eingeführt." Die Rektorate seien angesichts der Besetzungen durchaus in ernsthafte Diskussionen eingetreten: "Das hat sicher zu keiner Hochschulrevolution geführt, aber doch zu Verbesserungen."

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