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Derzeit 1.600 Lehramtsstudenten mit Schwerpunkt auf "Inklusive Pädagogik" © APA (dpa)
Derzeit 1.600 Lehramtsstudenten mit Schwerpunkt auf "Inklusive Pädagogik" © APA (dpa)

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Personallücke an Sonderschulen "temporäres Problem"

07.11.2019

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 40/2019 und nicht zwingend tagesaktuell

Seit 2015 ist die Ausbildung von Sonderschullehrern Geschichte, stattdessen können angehende Pädagogen sich auf "Inklusive Pädagogik" spezialisieren. Die Gewerkschaft fürchtet als Folge einen Expertenmangel. "Das ist ein temporäres Problem", beruhigt Bildungswissenschafter Gottfried Biewer (Uni Wien). Tatsächlich wählen mehr Studenten den Schwerpunkt Inklusion als früher das Sonderschullehramt.

Insgesamt haben sich derzeit knapp 1.600 angehende Lehrer auf "Inklusive Pädagogik" spezialisiert. 749 sind es laut Bildungsministerium im Volksschulbereich, davon 569 im Bachelor. Dazu kommen 834 Pädagogen für die Sekundarstufe (Zehn- bis 19-Jährige), wie ein APA-Rundruf bei den für diese Ausbildung verantwortlichen Verbünden aus Unis und Pädagogischen Hochschulen zeigt. Zum Vergleich: Vor Beginn der neuen Ausbildung vor fünf Jahren waren knapp 1.300 Personen für das Lehramt Sonderschulen inskribiert, vor zehn Jahren waren es rund 1.000.

Mit der Umstellung der Lehrerausbildung wurde im Bereich Sonderpädagogik das System 2015/16 auf den Kopf gestellt: Lehrer werden nun nicht mehr für bestimmte Schulformen ausgebildet, sondern für die Altersgruppen sechs bis zehn (Primarstufe) bzw. zehn bis 18 Jahre (Sekundarstufe). Die Ausbildung eigener Sonderschullehrer wurde abgeschafft. Immerhin werden auch immer mehr Schüler, denen wegen einer Behinderung Sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wird, in normalen Regelklassen unterrichtet.

Ausbildung dauert deutlich länger als früher

Ein Teil der neuen Ausbildung der Pädagogen aller Schulformen und Fächer ist nun dem professionellen Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer (Behinderungen, Sprache, Kultur etc.) gewidmet. Es werden aber auch weiter Experten ausgebildet: Angehende Volksschullehrer können sich seit der Umstellung 2015/16 auf "Inklusive Pädagogik" spezialisieren, Lehrer der Sekundarstufe seit 2016/17 anstelle eines zweiten Unterrichtsfachs eine Vertiefung in "Inklusiver Pädagogik" wählen - in beiden Fällen meist mit dem Schwerpunkt auf Behinderungen. Die Ausbildung dauert außerdem mit fünfeinhalb bzw. sechs Jahren deutlich länger als früher.

Für die Schulen stehen durch die Umstellung vorübergehend weniger Lehrer mit einer Spezialisierung auf Behinderungen zur Verfügung. "Es ist eine Lücke entstanden, indem die Ausbildungszeit sich verdoppelt hat und indem die alte Lehrerausbildung geendet und die neue (für die Sekundarstufe, Anm.) nicht gleich begonnen hat", so Biewer, Vizeprogrammleiter für die Lehrerausbildung an der Uni Wien, die im Verbund mit vier Pädagogischen Hochschulen (PH) Sekundarstufenlehrer in Wien und Niederösterreich ausbildet. In Wien gebe es schon seit mehreren Jahren Probleme, Stellen mit Sonderpädagogen zu besetzen. Auch in Niederösterreich werde es neuerdings eng. "Das wird noch so lange andauern, bis wir eine relevante Zahl von Absolventen der neuen Studiengänge haben", so Biewer. In drei bis vier Jahren sollte der Engpass seiner Einschätzung nach dann vorbei sein.

Viele Verbesserungen gegenüber altem System

Langfristig bringt die Umstellung allerdings aus Biewers Sicht viele Verbesserungen: Die neuen Lehrer mit einer Spezialisierung auf Inklusion würden durch die längere Ausbildungsdauer und den größeren Stundenumfang "ganz viel mehr mitbringen als die alten Sonderschullehrer": "Das ist überhaupt kein Vergleich zum früheren Schmalspurstudium." Dementsprechend ärgerlich findet Biewer auch Darstellungen, wonach mit der Umstellung auf die neue Lehrerausbildung Wissen im Umgang mit behinderten Schülern verloren gegangen sei.

Inhaltlich sei das volle Spektrum der bisherigen Sonderschullehrer abgedeckt, vom Einsatz in Sonderschulen und Integrationsklassen bis zur Koordinierung. Dazu komme aber eine Orientierung auf Inklusion, also den gemeinsame Unterricht behinderter und nicht-behinderter Schüler. Durch den größeren Umfang der Ausbildung konnten etwa auch erstmals neue Inhalte in die grundständige Ausbildung hineingenommen werden. Im Verbund Nord-Ost (Wien, Niederösterreich) gebe es nun etwa eine Vertiefung in Gebärdensprachpädagogik.

Die Gewerkschaft bleibt unterdessen bei ihrer Kritik. "Ich halte das für eine Fehlkonstruktion in der neuen Lehrerausbildung, dass es den Lehrertyp Sonderpädagoge nicht mehr gibt", betont der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) gegenüber der APA. Aus den Ausbildungsinstitutionen höre er, dass es sowohl inhaltliche als auch quantitative Probleme gebe. "Das macht mir Sorge, weil wir immer mehr Sonderpädagogen brauchen werden", und zwar seinem Verständnis nach sowohl für behinderte als auch hochbegabte Schüler.

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