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Flüchtlingskrise hat eine nationalistische Gegenbewegung ausgelöst © APA (dpa)
Flüchtlingskrise hat eine nationalistische Gegenbewegung ausgelöst © APA (dpa)

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Linguistin Wodak: Soziale Ungleichheit in Europa "zentrales Problem"

11.11.2019

Die soziale Ungleichheit in Europa sei ein "zentrales Problem". Das sagte die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak bei einer Diskussion in Wien. Bei der Veranstaltung "Europa im Diskurs" diskutierten außerdem der Politologe und Historiker Jacques Rupnik, die Museumsdirektorin Constanze Itzel und der Politologe Ivan Krastev über das Wiedererstarken des Nationalismus in Europa.

"Die Angst davor, etwas zu verlieren, ist ein Grund für den aufsteigenden Rechtspopulismus", sagte Wodak und plädierte für eine "neue soziale Bewegung in Europa", um die soziale Ungleichheit zu bekämpfen. Andernfalls würden Nationalisten weiter erstarken.

Wodak markiert das Jahr 2015 als Zeitpunkt, an dem der Nationalismus befördert wurde. Die Flüchtlingskrise habe eine nationalistische Gegenbewegung ausgelöst. "Die Grenzen wurden geschlossen, Mauern wurden gebaut, Schengen wurde aufgehoben. Alles, woran wir (Europäer) glaubten, wurde zurückgenommen", sagte Wodak. Vor allem in osteuropäischen Ländern existiere eine große Angst, den homogenen Nationalstaat zu verlieren. Im Westen gebe es hingegen multikulturelle Gesellschaften. Derzeit gebe es zwei verschiedene Visionen in Europa - einerseits eine inklusive, multilinguale, und andererseits eine exklusive, die eine einheitliche Sprache und Nation wolle. Diese beiden Ideen würden Europa auseinanderdividieren, und die EU müsse diesen Gegensatz überwinden. "Das ist neben der Klimakrise eine der größten Herausforderungen heutzutage", sagte Wodak.

Neuer konservativer Zyklus

Der französische Politikwissenschafter Rupnik argumentierte das Wiedererstarken der nationalen Souveränitäten mit dem Ende einer Periode. "Nach 1989 gab es einen Zyklus der offenen Grenzen, einer globalen Gesellschaft, eines globalen Marktes und so weiter", sagte Rupnik. Dieser Zyklus sei nun zu Ende, und jetzt gebe es einen neuen konservativen Zyklus. In vielen Ländern Europas würden Populisten die EU als Bedrohung für die nationale Identität darstellen. Populisten argumentierten, dass es notwendig sei, die nationale Souveränität zu stärken, um diese Identität zu schützen.

"Man muss zeigen, dass der Nationalstaat nicht fähig ist, aktuellen Herausforderungen zu begegnen." Der Politologe sagte, dass nur die Europäische Union mit Akteuren wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, seinem US-Amtskollegen Donald Trump oder der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) umgehen könne. Außerdem könnten Herausforderungen wie die Globalisierung, Wirtschaftskrisen und Migration nur gemeinsam gemeistert werden.

Angst vor der Zukunft

Ivan Krastev, Politologe am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien, ist der Meinung, dass sich der heutige Nationalismus grundlegend von früheren nationalistischen Ideen unterscheidet. "Im 19. Jahrhundert ging es um die nationale Ökonomie, um das Staatsgebiet und so weiter", sagte Krastev. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich hingegen ein exklusiver, autoritärer und kultureller Nationalismus entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Europäer hoffnungsvoll in die Zukunft geblickt und darauf die Europäische Union aufgebaut. Heute habe die Bevölkerung Angst vor der Zukunft. "Ich sehe das als zentrales Problem der europäischen Politik", sagte Krastev.

Constanze Itzel, Museumsdirektorin im Haus der europäischen Geschichte in Brüssel, sagte, dass sich Europa dadurch geformt habe, dass Nationalstaaten miteinander kooperiert und Handel getrieben haben. "Wir sollten nicht die Nation gegenüber Europa aufwiegen. Wir hatten immer regionale Regierungen, die neben den Landesregierungen existierten. Das schließt sich nicht aus, und dasselbe gilt für unsere Identität." Europa müsse sich mehr auf die Vernetzung zwischen den Staaten konzentrieren, sagte Itzel.

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