Natur & Technik

Pflege ist viel "herausfordernder geworden in den letzen zehn Jahren" © APA (dpa)
Pflege ist viel "herausfordernder geworden in den letzen zehn Jahren" © APA (dpa)

APA

Pflege: AK, GÖD und Pflegeverbände warnen vor Pflegelehre

13.11.2019

AK, Gewerkschaft, der Krankenpflegeverband sowie die Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger haben sich am Mittwoch klar gegen die Einführung einer Pflegelehre ausgesprochen. Anlass ist ein entsprechender "kursierender" Entwurf der WKÖ, wie AK-Expertin Silvia Rosoli ausführte. Der "richtige Weg" sei vielmehr die Schaffung einer Ausbildungsvariante über eine Berufsbildende Höhere Schule.

Man lehne die Idee einer Pflegelehre "strikt ab", betonten Arbeiterkammer, die Gewerkschaft für Gesundheitsberufe in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD), der Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) wie auch die Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger bei einem gemeinsamen Hintergrundgespräch. Dabei wurde der bisher unveröffentlichte Verordnungs-Entwurf der Wirtschaftskammer zur Einführung eines Lehrberufes "Pflegeassistenz" auch vorgelegt, das Papier stammt aus dem vergangenen September. Man befürchte, dass diese Idee in einer neuen Koalition "relativ schnell umgesetzt wird", so Rosoli, Leiterin der Abteilung Gesundheitsberuferecht und Pflegepolitik in der AK Wien. "Wir sprechen uns dezitiert dagegen aus." Sollte es zu einer Beteiligung der Grünen an einer ÖVP-geführten Regierung kommen, so hoffe man auf etwas mehr Gehör als noch unter Türkis-Blau, sagte Rosoli auf Nachfrage.

Die Einführung einer Pflegelehre wäre jedenfalls der Weg in eine "Sackgasse", waren sich die Vertreter aller Organisationen einig. Haupt-Kritikpunkt ist das jugendliche Alter von Lehrlingen, die dann schon mit 15 Jahren mit dem äußerst herausfordernden Feld der Pflege konfrontiert wären. "Wir befürchten, dass es auf beiden Seiten zu massiven Überforderungen kommen würde" - sowohl bei den Lehrlingen als auch bei den Pflegebedürftigen. Es sei "unverantwortlich", derart junge Menschen regulär mit demenzkranken, schwer kranken und sterbenden Menschen arbeiten zu lassen. Auch sei die Pflege "viel herausfordernder geworden in den letzen zehn, zwanzig Jahren", so Rosoli. Denn die Betroffenen werden nicht nur älter, sondern auch kränker.

Hohe Anforderungen

Auch ÖGKV-Präsidentin Ursula Frohner verwies auf die hohen Anforderungen, die derart jungen Menschen nicht zumutbar seien: So würden etwa viele Pflegebedürftige eine Vielzahl an Routinemedikamente einnehmen. "Diese haben Wechsel- und Folgewirkungen, dazu braucht es eine gute Ausbildung, um eine gute Versorgung zu gewährleisten." Auch verwies sie auf "herausfordernde Situationen", etwa bei einem Zusammenbruch einer zu pflegenden Person oder bei sexuellen Übergriffen. Die erst 2016 reformierte dreistufige Ausbildung "kann mit gutem Grund erst mit 17 Jahren begonnen werden", betonte sie.

Der "richtige Weg" sei vielmehr eine Ausbildung über eine berufsbildenden höhere Schule (BHS) mit dem Schwerpunkt Gesundheits- und Sozialberufe, führte der Vorsitzende der Gesundheitsgewerkschaft in der GÖD, Reinhard Waldhör, aus. Damit wäre nicht nur der direkte Anschluss an die Pflichtschulzeit gewährleistet, sondern auch die Möglichkeit einer stufenweisen Ausbildung gegeben. Das Konzept sei modular aufgebaut: So könnte man etwa die Pflegeassistenz bzw. Pflegefachassistenz abschließen und schon früher aus der Ausbildung - oder den Weg bis zur Matura und damit zur Zulassung zum Universitätsstudium wählen. Das Motto laute: "Kein Schulausstieg ohne Abschluss."

Auch verwies Waldhör darauf, dass es bereits jetzt (aufgrund des Personalmangels) in den Pflegeeinrichtungen Probleme gibt, Auszubildenden anzuleiten. Dieser Aspekt würde sich bei der Einführung einer Lehre noch verstärken. "Im WKÖ-Papier geht es aus meiner Sicht um ökonomische Aspekte und weniger um Qualität", kritisierte er. Das von Befürwortern der Lehre immer wieder herangezogene Schweizer Modell überzeuge nicht, betonte Frohner: So sei dort die Drop-Out-Quote sehr hoch, nach zwei bis drei Jahren würde nur mehr ein Drittel der Ausgebildeten in diesem Sektor arbeiten.

Grundsätzlich drängte AK-Expertin Rosoli auf mehr Tempo: "Uns rennt wie in der Frage des Klimas die Zeit davon. Wir steuern einem Personalmangel entgegen." Waldhör verwies auf Berechnungen, dass es aufgrund der Zunahme an Pflegebedürftigen einen Mehrbedarf von 3,5 Pflegekräften pro Tag brauche. Vorgeschlagen wurden seitens der Interessensvertreter u.a. auch bessere finanzielle Anreize für die Ausbildung zu Pflegeassistenzberufen und die Abschaffung der Studiengebühr für die Fachhochschulen für Gesundheitsberufe. Die Präsidentin der Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger, Birgit Meinhard-Schiebel, warnte davor, junge Menschen "in eine Ausbildung hineinzudrängen, die letztlich nicht ihren Bedürfnissen entspricht".

WKÖ kann Warnung vor Pflegelehre nicht nachvollziehen

Die Wirtschaftskammer kann die Warnung von AK, Gewerkschaft und Pflegeverbänden vor einer Pflegelehre nicht nachvollziehen. Diese sei "eine Chance, Pflegedienstleistungen auch in Zukunft zu sichern", sagte der stv. Obmann des WKÖ-Fachverbandes der Gesundheitsbetriebe, Martin Hoff. Befürchtungen, 15-Jährige könnten damit unzumutbaren Belastungen ausgesetzt werden, wies er zurück.

Eine Pflegelehre trage den Bestimmungen des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes Rechnung, dass Schüler erst nach Vollendung des 17. Lebensjahres am Krankenbett praktisch unterwiesen werden dürfen, betonte Hoff. "Auch wir wollen nicht, dass Jugendliche in Situationen kommen, die sie überfordern", sagte der WKÖ-Vertreter.

"Händeringend" werden Pflegekräfte gesucht und der Bedarf könne auch nicht mit ausländischen Kräften gedeckt werden. "Deshalb ist die Ausbildung im Pflegebereich ein wichtiger Schritt, um den Menschen eine gute Betreuung im Alter zu ermöglichen", so Hoff. Er verwies darauf, dass in der Schweiz bereits seit mehr als zehn Jahren eine duale Ausbildung im Pflegebereich angeboten wird. "Dieses Ausbildungsmodell hat sich bewährt und ist zu einem der beliebtesten Lehrberufe geworden", versuchte er die Bedenken zu zerstreuen.

STICHWÖRTER
Pflege  | Wien  | Österreich  | Österreichweit  | Gesellschaft  | Wohlfahrt  |
Weitere Meldungen aus Natur & Technik
APA
Partnermeldung