Natur & Technik

Wenig Kenntnis über Hangrutschungen, Niedrigwasser, Gletscherschwankungen © APA (EXPA/JÜREGEN FEICHTER)
Wenig Kenntnis über Hangrutschungen, Niedrigwasser, Gletscherschwankungen © APA (EXPA/JÜREGEN FEICHTER)

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Österreich nicht für alle neuen Extremereignisse gut aufgestellt

14.11.2019

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 41/2019 und nicht zwingend tagesaktuell

Der Klimawandel bringt auch in Österreich vermehrt Natur-Extremereignisse, und die Menschen sind durch ihre perfektionierte Infrastruktur verletzlich wie nie zuvor. Weil Wissen vor unliebsamen Überraschungen schützt, fassten Experten den aktuellen Kenntnisstand zu alpinen Naturgefahren zusammen und präsentierten diesen in Wien. Sie fanden Wissenslücken und Vorbeuge-Mängel.

Ein Team um Thomas Glade vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien ermittelte den Wissensstand etwa zu Starkniederschlägen, Trockenheit und Dürre, Hitze, Überschwemmungen und Niedrigwasser, Gletscherrückzug, Gletscherabbrüchen, Felsstürzen, Muren, Rutschungen, Erdbeben und Waldbränden, berichtete er im Gespräch mit der APA am Rande des Abschluss-Symposiums zum "ExtremA" Projekt, das vom Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde.

Die Veränderungen durch die globale Erwärmung seien gut dokumentiert und bezüglich des Klimas, der Temperaturen und Niederschläge könne man auf weit in die Vergangenheit reichende Aufzeichnungen zurückgreifen. Dies gelte auch zum Beispiel für die Wasserstände der Flüsse, wo Hochwasser auf Häusern und Brücken oft schon seit dem 15. Jahrhundert markiert wurden.

Wissenslücken bei Gletschern und Waldbränden

Weniger Kenntnis habe man etwa über vergangene Gletscherschwankungen, wo es nur vereinzelt Aufzeichnungen gibt, die mehr als hundert Jahre zurückreichen, sowie Bodenerosion, Hangrutschungen, Niedrigwasser und Muren, sagte Glade: "Auch beim Waldbrand gibt es höchstens Berichte, dass es da und dort schon einmal gebrannt hat, aber nur rudimentäre Informationen, in welcher Größenordnung das war."

Freilich sei man umso mehr gegen eine Gefahr gewappnet, je mehr Erfahrungswissen man über sie hat, meint er. Bei Hochwasser wäre man etwa durch die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte recht gut aufgestellt, bei Niedrigwasser, Erdbeben, Gletscherabbrüchen und dem Abtauen der Dauerfrostböden weniger. Letzteres würde zum Beispiel dazu führen, dass die Fundamente von Seilbahnen an Halt verlieren und Tunnelbauten gefährdet werden.

Das Undenkbare bedenken

Man solle sich auch Gedanken über das bisher Undenkbare machen, zum Beispiel, was Waldbrände in der Größenordnung, wie sie aktuell in Kalifornien wüten, in Österreich anrichten könnten, oder ein schweres Erdbeben im Raum von Wien. "Damit soll keine Panik produziert werden, aber man sollte einmal rational und ohne Zeitdruck nachdenken, was alles passieren könnte und wie man damit umgeht", rät Glade. Für solche großen Katastrophen habe man zwar in Österreich keine Erfahrungswerte, könne aber von anderen Regionen lernen.

Dies sei notwendig, weil durch den Klimawandel auch im alpinen Raum mehr Extremereignisse auftreten werden und die Menschen ihre Umwelt in jüngster Zeit so massiv verändert haben wie nie zuvor. "Wir modifizieren ganze Hänge, entwalden sie oder forsten sie auf, fügen Drainagen ein und verändern über die Landnutzung die Vegetation", so Glade. Dadurch könnten Naturkatastrophen ganz andere Auswirkungen als etwa vor hundert Jahren haben.

"Häufig fehlt uns der Plan B"

Außerdem sind die Menschen durch die hohe Bevölkerungsdichte und die teuren Infrastrukturen so verletzlich (vulnerabel) wie nie zuvor. Dies führe zu einem "Vulnerabilitäts-Paradoxon", erklärte er: "Je besser wir die Systeme optimieren, umso empfindlicher werden wir für kurze Störungen." Dies gelte sogar für den Katastrophenschutz, wo App-Anwendungen und Warnsysteme zusammenbrechen, wenn der Strom ausfällt. "Wir verlassen uns auf diese tollen Möglichkeiten und das hervorragende Management, aber häufig fehlt uns der Plan B", sagte der Experte.

Auf viele Sachen sei man nicht vorbereitet. "Wenn zum Beispiel in Wien der Strom ausfällt, ist das am ersten Tag vielleicht noch witzig, am zweiten kommt es schon zu Versorgungsengpässen, die am dritten Tag akut werden, weil keine Kasse ohne Elektrizität funktioniert, die Supermarkttüren nicht mehr aufgehen und die Tiefkühltruhen auftauen." Auch die "bis zur Perfektion ausgebaute Infrastruktur" werde immer vulnerabler, so würde ein kleiner Stein, der eine Bahn-Oberleitung beschädigt, dazu führen, dass die ganze Strecke für einige Tage gesperrt ist. Selbst solch ein kleines Ereignisse brächte schon Millionen Euro Folgekosten.

Therapie statt Vorsorge

In Österreich sei der Katastrophenschutz gut, aber sehr auf Therapie und wenig auf Vorsorge ausgelegt, so der Experte. Es ist eines von "ganz wenigen Ländern", wo ein Katastrophenfonds die Betroffenen ökonomisch unterstützt, und bei Großereignissen würden Einsatzteams der Feuerwehr und anderer Blaulichtorganisationen schnell helfen. "Eine große Herausforderung wird es aber in Zukunft sein, sich viel stärker mit der Prävention auseinanderzusetzen", sagte Glade.

Die am "ExtremA"-Projekt beteiligten Experten aus der Meteorologie, Hydrologie, Geografie, Glaziologie, Forstwirtschaft, Ökonomie, Risikoforschung und Geologie präsentierten am 14. November ihre Forschungsergebnisse zum aktuellen Wissensstand zu Extremereignissen alpiner Naturgefahren. Ein zusammenfassendes Buch ist im Druck. Mit Vertretern der Landeswarnzentralen, der Länder und Gemeinden, etc. erörterten sie außerdem, welche organisatorischen Konsequenzen man aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen sollte.

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