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Alfred Schütz und die Lust am Widerspruch

17.01.2020

In der Zwischenkriegszeit bildeten sich in Wien zahlreiche Diskussionszirkel außerhalb der Universität. Wie dieser Wissensaustausch funktionierte und warum er für die Sozialwissenschaft so wichtig war, untersuchten die Soziolog*innen Tilo Grenz und Michaela Pfadenhauer und ihr Team.

Im Wien des frühen 20. Jahrhunderts ist die soziohistorische Situation besonders. Die lokale Dichte an Wissenschafter*innen nimmt nach dem Zusammenbruch der Habsburg-Monarchie zu, die Spannung zwischen konservativen und liberalen Lagern wächst. Jüdische Intellektuelle, Andersdenkende und Wissenschafterinnen werden zunehmend an den Rand gedrängt. Sie haben das Bedürfnis nach intellektuellem Austausch, doch in universitären Strukturen fehlt der Raum dafür: Diskussionszirkel außerhalb der Uni erleben eine Blütezeit.

Die Lust am Widerspruch ist es meist, die ihre Teilnehmer*innen verbindet. Themen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und diskutieren steht auf der Tagesordnung, weiß Tilo Grenz. Er hat diese "kommunikativen Wissenskulturen" - die speziellen Formen des Austauschs in den Kreisen - gemeinsam mit Michaela Pfadenhauer und einem Team des Instituts für Soziologie der Uni Wien untersucht. "Diskussionszirkel waren für viele die einzige Möglichkeit, sich intellektuell zu betätigen", erklärt Grenz - da bedeutete auch eine gewisse Vorsicht in der Kommunikation.

Man hat sich "rausgewagt"

Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Frage, wie die Kreise das Werk von Alfred Schütz, dem Begründer der phänomenologisch orientierten Soziologie, prägten. Schütz war ein "typischer Kreisgänger": Der Philosoph besuchte das Ludwig von Mises Privatseminar, den "Geistkreis" und den Zirkel um Hans Kelsen und präsentierte dort seine Thesen und Vorstellungen einem wechselnden Publikum.

"Das Bespielen dieser unterschiedlicher Bühnen war wichtig, um eine Geschmeidigkeit im Auftreten herzustellen, kommunikative Schlagfertigkeit zu proben und letztlich die Sozialwissenschaften voranzutreiben", erklärt Grenz. Nicht länger monokulturell, monothematisch oder monodisziplinär zu denken, so lautete die Devise - man habe sich tatsächlich "rausgewagt".

Kontroversen überbrücken

Zeugnis seiner Besuche ist Schütz' 1932 erschienenes Werk "Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt", in dem der Autor Positionen miteinander verbindet, die bis dato nicht zusammen gedacht wurden. Zum Beispiel vertrat Mises die Ansicht, dass menschliches Handeln durch universalgeschichtliche Prinzipien bestimmt ist: "Menschen kalkulieren demnach Kosten und Nutzen und handeln immer ähnlich", erklärt Grenz. Dem entgegen steht Max Weber, der meint, der Mensch folgt einer sinnhaften Deutung seines Alltags. "Schütz nimmt sich in seinem Werk der Überbrückung dieser Kontroverse zwischen der sogenannten apriorischen Maxime und der historisch veränderbaren Maxime des Handelns an", erklärt der Soziologe.

Sprengkraft durch Marginalisierung

Die Kreise pendeln laut Grenz zwischen zwei Extremen kommunikativer Wissenskulturen. Das eine lässt sich als pluralistisch-symmetrisch bezeichnen: Man hat gemeinsame Begriffe erarbeitet und versucht, Erkenntnisse durch Diskussionen zu gewinnen. Wissenschaft und Politik wurden klar getrennt. Trotzdem hatte, wie bereits erwähnt, nicht jede*r Zugang zu den Kreisen: die Rekrutierungsmaßnahmen waren teils komplex. Das andere Extrem waren autoritäre Zirkel, wie der Kreis um Othmar Spann: Der Verfechter des "Ständestaates" wurde später zu den geistigen Wegbereitern des Austrofaschismus gerechnet. Er selbst war die zentrale Figur, der die "Heilslehre" verkündete.

Die von Grenz und Kolleg*innen vorangetriebene Erforschung der Wiener Kreise hilft zu verstehen, unter welchen sozialen, räumlichen und materiellen Bedingungen Wissen diskursiv hergestellt und legitimiert wurde. Die Zirkel hatten einen erheblichen Anteil an der Entwicklung von Alfred Schütz' Soziologie, denn hier formte sich sein dialogisch orientiertes Denken. Er lernte, eine Vielzahl von Perspektiven zuzulassen und so auf Prozesse von Wahrheitsfindung zu setzen, die sich stetig weiterentwickeln - eine demokratische Form der Soziologie.

Info:

Im Rahmen des von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Projekts "Alfred Schütz: Die kommunikative Vereinbarung des Unvereinbaren" haben Michaela Pfadenhauer, Tilo Grenz, Christopher Schlembach, Ingeborg Helling und Niklaus Reichle (alle Uni Wien) und Raphaela Casata (Uni Passau) von April 2017 bis Ende August 2019 Wissenskulturen der Wiener Kreise der Zwischenkriegszeit untersucht.

Quelle: Forschungsnewsletter der Universität Wien

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