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Tara Andrews © Barbara Mair
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"Digital Humanities - Vom Schattencurriculum zum Schwerpunkt in der Lehre"

30.01.2020

Tara L. Andrews, Universität Wien

Das Digitale scheint sich heute unvermittelt in jedem Aspekt des Lebens bemerkbar zu machen; die Geisteswissenschaften machen dabei keine Ausnahme. Das Feld der "Digital Humanities" - einst bekannt als "Humanities Computing" - existiert etwa so lange wie Computer selbst. Der Begriff wurde dabei meistens mit Forschung in Verbindung gebracht: Wie können Computer dabei helfen, historische, linguistische, philologische, musikologische usw. Forschung leichter, genauer und gründlicher zu machen?

Heute ist freilich mit "dem Digitalen" das Kommunikationsmedium selbst ebenso (oder vielleicht sogar noch mehr) gemeint wie computergestützte Berechnung und Analyse. So hat sich die Aufmerksamkeit auf die Frage verschoben, welchen Nutzen digitale Technologien nicht nur in der Forschung haben können, sondern auch in Bildung und öffentlichem Diskurs. Viele unter uns haben bereits von online-Lern-Angeboten oder frei zugänglicher Kurs-Software gehört; manche möglicherweise auch vom "flipped classroom" [Umgedrehter Unterricht]: Hier erhalten Studierende über das Internet neues Lernmaterial, bereiten es zu Hause vor und diskutieren es vertiefend im Seminar. All diese Techniken stehen in der österreichischen Hochschullehre in hohem Kurs. Sie können auch als Form von Digital Humanities betrachtet werden, insbesondere dann, wenn Erziehungswissenschaften zu den Geisteswissenschaften hinzugezählt werden.

Digital Humanities geht aber über die bloße Anwendung digitaler Bildungskonzepte hinaus - oder unterscheidet sich zumindest davon. Diese Definition steht auch in einem Verhältnis zu anderen Fragen, die um die gesellschaftliche Verbreitung digitaler Paradigmen kreisen: Bringen digitale Medien andere Aufmerksamkeitsmuster und Denkformen hervor? Führt das Internet zu einer Informationsüberfrachtung, während wir gegen eine Flut von Falschinformation und Propaganda ankämpfen? Wenn auch nur eine dieser Mutmaßungen berechtigt ist, erscheint es als Gebot der Vernunft, dass universitäre Lehre in der digitalen Epoche einigen Wandlungen zu unterwerfen ist.

Hier genau liegt die Herausforderung, der sich jeder universitäre Lehrplan in den Geisteswissenschaften zu stellen hat - und Digital Humanities spielen dabei eine zunehmend wichtige Rolle. Viele Aspekte und Dimensionen des Digitalen haben Auswirkungen auf die Arbeitsmethoden und die Alltagserfahrungen akademischer Arbeit: was wir ein- oder ausschließen, wenn wir eine museale Sammlung digitalisieren; wie die Publikation von Inhalten in Form einer interaktiven Website statt eines Buches die Substanz dessen verändern kann, was wir zu lehren versuchen; oder aber wie leicht es ist, sich von der Magie an großen Datensammlungen beeindrucken zu lassen, auf Kosten des Kulturerbes, das noch nicht einmal digitalisiert wurde. Es sind diese unbequemen Fragen, die den Eintritt der Digital Humanities in nahezu alle Felder geistes- und kulturwissenschaftlicher Universitätslehre begleiten, während eben diese Felder einen datenbedingten technischen, sozialen und epistemologischen Wandel durchlaufen.

Unter diesen Aspekten ist es auch nicht verwunderlich, dass die Lehre digitaler geisteswissenschaftlicher Inhalte an der Universität Wien eine informelle Vorgeschichte hat, die weit vor meinen Antritt einer neu eingerichteten facheinschlägigen Professur im Jahr 2016 zurückreicht. Während dieser Jahre - und parallel zur Diffusion digitaler Methoden in der akademischen Arbeit - hat sich ein reiches "Schattencurriculum" auf der Basis jener Techniken herausgebildet, die an der Universität zunehmende Verbreitung fanden. Das schließt Kurse über Datenbankdesign für Archäolog*innen ebenso ein wie digitales Erlebnisdesign für Museen und Theater, die digitale Codierung und Edition literarischer Texte sowie die Verwendung computergestützter Methoden in Linguistik und Kunstgeschichte. Zugleich spiegelt dies genau die Art und Weise wieder, wie Digital Humanities selbst als Feld gewachsen ist: Aus einer Anzahl von Methoden in unterschiedlichen Wissensbereichen entwickelte sich eine distinkte Hilfswissenschaft und schließlich ein eigenständiges Feld (auch wenn zu bezweifeln ist, dass dieser Prozess bereits abgeschlossen ist).

Die Errichtung der Professur in Digital Humanities - am Institut für Geschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät - steht in genau diesem Zusammenhang. Das Masterstudium Geschichte war der erste Lehrgang, der Digital Humanities in seinem Studienplan festschrieb, nämlich als Schwerpunkt, den Studierende als Einleitung zu ihren Karrieren als Historiker*innen wählen konnten. Die Notwendigkeit, Lehre für diesen Schwerpunkt anzubieten, brachte am Beginn meiner Berufung eine interessante Herausforderung: Die meisten Menschen verbinden mit Digital Humanities an erster Stelle vermittelbare Fähigkeiten, erst später Fragen kritischer Reflexion. Hier jedoch musste aufgrund der curricularen Vorgaben die Theorie (in Form von Vorlesungen und schriftlichen Prüfungen) vorgezogen werden, gefolgt von der tieferen Auseinandersetzung mit Pflichtlektüre. Studierende, die in der Vorlesung zum ersten Mal etwas über Digital Humanities erfahren, kommen so mit einem kritischen und reflexiven Vorwissen über geisteswissenschaftliche Daten und ihre Analyse in jene Kurse, in denen es dann tatsächlich um angewandtes Wissen geht. So können sie einigen Irrwegen ausweichen, die ein naiver Zugang zu Digitalisierung mit sich bringen kann.

Unser nächster Schritt ist demnach klar: mehr (und strukturiertere) Anwendung digitaler Werkzeuge und Methoden in die Lehrpläne bringen; und damit den Theorien und kritischen Zugängen einen präziseren Fokus verleihen. Sogar heute mangelt es den meisten Studierenden geistes- und kulturwissenschaftlicher Fächer an vielen grundlegenden digitalen Fertigkeiten, die sie benötigen werden, um adäquat mit dem stets anwachsenden Strom von Daten in ihre Disziplin umzugehen. Diese Fertigkeiten können - obwohl wir es uns anders wünschen mögen - nur durch intensive und regelmäßig wiederholte Übung erlernt werden. Wir entwickeln an der Universität Wien gegenwärtig einen Masterlehrgang Digital Humanities, der ab dem kommenden akademischen Jahr studierbar sein soll. Seine besondere Stärke wird in einem programmierintensiven Lehrplan liegen, der zugleich besonderes Augenmerk auf verantwortungsbewusstes Herangehen an Datensammlung, -analyse und -management richtet. Dabei kommt uns auch die enge Kooperation mit der Forschungsplattform Data Science an der Universität Wien zugute. All diese Fähigkeiten werden Studierenden also nicht nur als solide Grundlage für weitere geistes- und kulturwissenschaftliche Studien dienen, sondern auch - was fast noch wichtiger ist - als digital mündige und humanistisch engagierte Mitglieder unserer Gesellschaft.

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