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Vorbereitete "Mock-Up"-Vakzine zur schnellen Reaktion wären hilfreich © APA (dpa)
Vorbereitete "Mock-Up"-Vakzine zur schnellen Reaktion wären hilfreich © APA (dpa)

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Coronavirus - Österreichischer Experte: 18 Monate bis Impfstoff

13.02.2020

Auch wenn das neue Coronavirus für Schlagzeilen sorgt, Panik ist nicht angebracht. Für einen Impfstoff mit "klassischem" Entwicklungsverfahren braucht man um die 18 Monate. RNA-Vakzine könnten eine Alternative bieten. Dies sagte der Wiener Virologe Otfried Kistner, ehemals beim Pharmakonzern Baxter in Wien maßgeblich an der Entwicklung für neuartige Impfstoffe gegen virale Erreger beteiligt.

Zu große Sorgen sollte man sich nach den derzeit vorliegenden Informationen bezüglich 2019-nCoV nicht machen, sagte Kistner, auch Lehrender an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien: "Bei SARS gab es zwischen 1. November 2002 und 31. Juli 2003 weltweit 8.096 Erkrankungen. Tödlich endeten 774, was einer Mortalität von 9,6 Prozent entsprach. MERS hatte zwischen September 2012 bis 15. Jänner 2020 in 27 Staaten 2.506 Erkrankungen als Folge. Davon endeten 862 oder 34,4 Prozent fatal. Von 31. Dezember 2019 bis 11. Februar wurden in China 42.708 von der WHO bestätigte Erkrankungen mit dem neuen Coronavirus registriert - bei 1.017 Todesfällen. Das entspricht einer Mortalität von 2,4 Prozent. In 24 anderen Staaten gab es bis dahin 395 Fälle, ein Erkrankter starb. Das bedeutet eine Mortalität von 0,3 Prozent."

Im Vergleich seien von der jährlich auftauchenden echten viralen Grippe dagegen ca. eine Milliarde Menschen betroffen, wobei drei bis fünf Millionen Menschen so schwerwiegend erkranken, dass ein Spitalaufenthalt nötig ist. Kistner hat rund 30 Jahre bei der Immuno AG bzw. dann bei Baxter in Wien gearbeitet. In leitender Position war er unter anderem für die Entwicklung von Influenza-Vakzine, so auch für den Pandemie-Impfstoff (A/H1N1) 209/2010 verantwortlich, ebenso für die Entwicklung einer SARS-Vakzine für die USA.

Neue Zellkulturtechnik

Für die Produktion von neuen Influenza-Vakzinen (z.B. gegen A/H5N1 "Vogelgrippe") wurde dabei auch eine neue Zellkulturtechnik zur schnellen Herstellung der Impfstoffkomponenten im großtechnischen Maßstab etabliert. Der Experte arbeitet nunmehr als Berater von Unternehmen in diesem Bereich und gehört auch unabhängigen Expertenkomitees internationaler Organisationen in Sachen sich neu entwickelnder infektiöser Krankheiten (Emerging Diseases) an.

Arzneimittel zur ursächlichen Behandlung von 2019-nCoV-Erkrankungen und natürlich Impfstoffe zur Verhinderung einer weiteren Ausbreitung wären dringend notwendig. Doch eine Vakzin-Entwicklung dauert ihre Zeit. Der Wiener Experte: "Für den klassischen Weg der Entwicklung muss zunächst das Agens (Virus oder Bakterium als Ursache; Anm.) identifiziert sein. Dann muss man es isolieren und die genetische Information entschlüsseln. Schließlich braucht man eine Plattform, mit der man das Virus vermehrt, reinigt und aufarbeitet."

Wird der gesamte Krankheitserreger als Antigen für einen Impfstoff verwendet, wird für die Produktion in Zellkulturen das Agens in Zellen eingeschleust, welche dann zum Beispiel Viruspartikel produzieren. Man muss sie aber, je nach Art des Impfstoffs, vorher inaktivieren (Tot-Impfstoffe) oder auch so abschwächen (Lebend-attenuierte Impfstoffe), dass die Vakzine keine Krankheit mehr verursachen kann, wohl aber zu einer schützenden Immunantwort führt. Erst dann kann die Kandidat-Vakzine zunächst in Tieren und dann im Menschen erprobt werden.

Klassisches Entwicklungsprogramm dauert drei bis fünf Jahre

Kistner hat lange Erfahrung. "Baxter wurde ehemals von der US-Regierung für die Entwicklung eines SARS-Impfstoffes unterstützt. Wir haben von der Basisarbeit bis zur Präklinik, also bis zur möglichen Erprobung in Klinischen Studien in Menschen, 18 Monate gebraucht." Das SARS-Virus ist verwandt mit 2019-nCoV. Der Experte: "Das war schon extrem schnell. Die Entwicklung der Impfstoffe gegen HPV (Human Papilloma Virus; Gebärmutterhalskrebs etc.) dauerte 14 bis 16 Jahre." An Vakzinen gegen HIV oder Hepatitis C wird bereits erfolglos mehr als 30 Jahre gearbeitet. Derzeit würde ein klassisches Entwicklungsprogramm für einen gänzlich neuen Impfstoff bei einer neu aufgetretenen Erkrankung insgesamt - bis zur Zulassung - wohl drei bis fünf Jahre dauern.

Optimal wäre es, wenn sich die Welt bereits vor dem Auftreten von "Emerging Diseases" vorbereiten könnte. "Für eine Vakzine gegen die A(H5N1)-Influenza ("Vogelgrippe; Anm.) haben wir bei Baxter nur zwölf Monate benötigt", sagte Kistner. Entscheidend wäre das Vorliegen einer sogenannten Mock-Up-Vakzine samt toxikologischer Untersuchungen und eventuell sogar einer Musterzulassung durch die Arzneimittelbehörden. Dann könnte im Falle des Auftauchens einer neuen Erregervariante das vorhandene Produktionssystem sehr schnell auf den neuen Impfstoff umgestellt werden.

Für Influenza-Pandemien wäre das möglich. Doch bei SARS- und MERS kam man nie soweit. "SARS ist wieder verschwunden", sagte Kistner. MERS wiederum scheint derzeit mit seiner Verbreitung vor allem im Nahen Osten keine globale Bedrohung darzustellen, sodass eine weitgreifende Vakzin-Entwicklung leider keine hohe Priorität hat.

Revolution durch neuen technischen Weg

Ein neuer technischer Weg könnte allerdings eine Revolution, eventuell mit 2019-nCoV als Anlassfall, darstellen. Kistner: "Das könnte eine RNA-Vakzine sein. Dazu wandelt man die genetische Information des Erregers in für einen solchen Impfstoff geeignetes RNA-Konstrukts um. Die RNA wird injiziert und bietet die Vorlage für die 'Produktion' der gewünschten Virusbestandteile durch die Zellen. Das Immunsystem reagiert dann mit dem gewünschten Aufbau einer entsprechenden schützenden Immunantwort. Der Körper des Geimpften stellt damit erst die Vakzine her", sagte Kistner.

Der Vorteil: Dazu benötigt man keine "externe" Antigen/Virus-Produktion, keine Inaktiverung, aufwendige Aufreinigung etc. Freilich, wie Kistner betonte: "Bisher gibt es weltweit noch keinen einzigen derartigen zugelassenen Impfstoff. Doch für 2019-nCoV gibt es bereits entsprechende Projekte von innovativen Unternehmen, die zum Teil selbst finanziert und zum Teil gefördert werden. Der Experte: "Das deutsche Start-Up-Unternehmen CureVac (Tübingen; Anm.) hat eine Kooperation mit dem Coalition für Epidemic Preparedness Innovations (CEPI)-Programm. CEPI unterstützt das Unternehmen mit 8,3 Millionen US-Dollar, damit es eine RNA-Vakzine gegen das neue Coronavirus entwickelt." CureVac will dafür auch "Printer" für die schnelle Herstellung der Impfstoff-RNA am Ort des Einsatzes entwickeln.

Unumgänglich ist die Finanzierung solcher Projekte auf neuem Weg, weil die klassische Pharma-Finanzierung bei solchen neuartigen Technologien, meistens von kleinen Unternehmen oder Start-Ups entwickelt, nicht bzw. nicht schnell genug funktioniert. Kistner: "Dazu braucht man Public-Private-Partnerships (PPPs; Anm.)." Damit kann das Risiko geteilt getragen werden.

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