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Fundort Sterkfontein Höhlen © Dominic Stratford
Fundort Sterkfontein Höhlen © Dominic Stratford

APA

Menschen kletterten länger als gedacht

30.03.2020

Die frühen Menschen hatten wohl weniger Bodenkontakt, als man bisher glaubte: Sie gingen zwar auf zwei Beinen, waren aber wie heutige Menschenaffen immer wieder in den Bäumen zu finden, berichtet ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachjournal "Pnas". Das zeige die Knochenstruktur der Hüftgelenke, die ihre Belastungsart zu Lebenszeiten widerspiegelt.

Ein Team um Matthew Skinner von der Universität Kent (Großbritannien) untersuchte bei zwei Frühmenschenfunden aus Südafrika die Innenstruktur der oberen Enden der Oberschenkelknochen, die Teil des Hüftgelenks sind. Einer davon ist älter als zwei Millionen Jahre (2 bis 2,8 Mio. Jahre), der andere vermutlich 1,5 Millionen Jahre alt, erklärte Dieter Pahr, der am Department für Anatomie und Biomechanik der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems und am Institut für Leichtbau und Struktur-Biomechanik der Technischen Universität Wien forscht der APA.

Die Überreste der beiden Frühmenschen wurden vor mehr als 60 Jahren in den Sterkfontein Höhlen nordwestlich von Johannesburg (Südafrika) gefunden, die von der UNESCO zum Weltkultur erklärt wurde und als "Wiege der Menschheit" gilt.

Das Individuum "STW522", das vor über zwei Millionen Jahren dort lebte, gehörte zu den "Australopithecus africanus" Frühmenschen. Bei dem jüngeren Fund "STW311" ist die Zuordnung unklar. Entweder war es ein "Paranthropus robustus" Frühmensch, der sich durch sehr große Mahlzähne, einem großen Kiefer und kräftigen Backenknochen auszeichnete, weil er oft fasrige Pflanzenteile und Wurzeln aß, oder ein früher "echter" Menschen wie "Homo habilis" oder "Homo erectus", so die Forscher.

Fortbewegung aus Knochen ablesbar

Bei beiden zeigt die äußere Form des Hüftgelenks-Teils des Oberschenkels eindeutig, dass sie gut auf zwei Beinen gehen konnten, berichten sie. Wie sie sich zu Lebzeiten aber wirklich fortbewegten, könne man besser aus der Innenstruktur der Knochen ablesen. Dort sind kleine Balken aus Knochengewebe (Trabekel), die sich während des ganzen Lebens je nach der Belastung umbauen. Die Forscher verglichen ihre Anordnung bei den beiden Fossilien mit jener bei Schimpansen, Bonobos und Gorillas, die sowohl auf allen vieren laufen als auch Klettern, sowie Orang-Utans, die ihr Leben größtenteils kletternd, klammernd und hängend in den Bäumen verbringen, und modernen Menschen. "Die menschlichen Vergleichsproben sind ein paar Hundert Jahre alte Knochen, wo die Menschen körperlich sehr aktiv waren", so Pahr.

STW522, also der ältere Australopithecus Fund, zeigt eine innere Struktur wie bei einem modernen Menschen, und ist demnach wenig wie ein Affe geklettert, erklärte der Forscher. Der Knochen des Frühmenschen STW311, der wahrscheinlich eine halbe Million Jahre nach STW522 gelebt hat, zeige hingegen eine innere Dichteanordnung, die eine Kombination von Klettern und Gehen vermuten lässt, wie bei einem Menschenaffen.

Demnach sind die Vorfahren der Menschen nicht irgendwann einmal von den Bäumen heruntergestiegen, und bei einem bodenständigem Leben geblieben, sondern es zog sie entweder immer wieder in die Bäume, oder die Zweifüßigkeit (Bipedie) entstand mehrmals.

Service: http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1914481117

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