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Martin Sprenger gibt eine Rückschau auf die Ereignisse der letzten Monate © Seifert Verlag
Martin Sprenger gibt eine Rückschau auf die Ereignisse der letzten Monate © Seifert Verlag

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Neue Bücher: Reflexionen zur Coronakrise in Tagebuch und Sammelband

26.06.2020

Martin Sprenger legt persönliches "Corona-Rätsel" vor

"Schneller als das Virus infizierte die Angst Gesellschaften und Individuen und führte zu Verschiebungen von Wahrnehmung, Moral und Ethik, demokratischen Werten und Normen und von vielem mehr", schreibt der Grazer Public Health-Experte Martin Sprenger im Vorwort seines am Dienstag (30. Juni) erscheinenden Buches "Das Corona-Rätsel". Der Mediziner - bis Anfang April Mitglied der Corona-Taskforce im Gesundheitsministerium - gibt darin eine sehr persönliche Rückschau auf die sich überschlagenden Ereignisse der vergangenen Monate. In Form eines Tagebuches vermengt Sprenger Korrespondenzen, Artikel, Interviews und viele eigenen Betrachtungen zu einer teils selbstreflektierten, teils saloppen bis wütenden Chronologie einer sehr außergewöhnlichen Zeit.

Dass er sich damit angreifbar mache, "nehme ich gerne in Kauf. Bewusst habe ich darauf verzichtet, die oft brisanten Zeilen der anderen Seite des Dialogs wortwörtlich zu veröffentlichen", schreibt Sprenger, der aber kaum verhehlt, wer mit welchen Intentionen an ihn herangetreten ist und wem die eine oder andere Äußerung seinerseits missfallen hat. So thematisiert er etwa für den Leser nachvollziehbar, wie Institutionen und Akteure streckenweise um Distanz zwischen Sprengers teils kontrovers rezipierten Privatmeinungen und seinen mit ihnen verbundenen Tätigkeiten bemüht waren.

Sprenger liefert etwa Schlaglichter auf die Abläufe in der Taskforce, aus der er letztendlich nach der für ihn unverständlichen Verschärfung der Maßnahmen Anfang April ausstieg. "Ich bin schockiert und stocksauer", schreibt Sprenger an einer Stelle. Warum es für ihn "einfach nicht mehr gepasst hat", führt er in der Folge mehrfach aus. Neben vielen Fragezeichen, die er auch trotz steiler "Lernkurve" in der Rückschau noch nicht ganz dingfest machen kann, präsentiert sich Sprenger auch als harscher Kritiker von politischen Abläufen, der Performance von so manchem Funktionär oder Manager, aber auch der Wissenschaft, der er auch ein gewisses Schlingern durch das Geschehen attestiert. So wird das "Corona-Rätsel" zum recht direkten und vor allem zeitlich unmittelbaren Vehikel für das erneute Durchleben vieler Aspekte dieser so einprägsamen "verrückten Wochen" bis Mitte Mai.

Service: Martin Sprenger: "Das Corona-Rätsel", Seifert Verlag, 309 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-904123-34-1

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Was man aus der Corona-Krise lernen kann

Reflexionen über die Corona-Krise aus verschiedenen Perspektiven versammelt der im Delta X Verlag erschienene Band "Die Corona Krise - Was wir daraus lernen". Zentrale Frage der Experten und Betroffenen ist, was aus der Krise mitgenommen wurde, was man besser bzw. anders machen könnte. So plädiert etwa der praktische Arzt Roland Brandner, der sich bei einem Ärztekongress am Arlberg mit Covid-19 infiziert hat, für ein besseres Seuchenmanagement. Mit einem solchen wäre seiner Meinung nach die Radikalität des Shutdowns nicht notwendig gewesen. Auch der Krankenversicherungsmathematiker Anselm Fleischmann meint, dass man bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt abschätzen hätte können, dass "kein 'Seuchenzug mit hunderttausend Toten'" über Österreich hereinbrechen würde, und man anhand empirischer Daten mit in der Mathematik bekannten Methoden ziemlich robuste Prognosemodelle schaffen hätte können. Kein gutes Haar lässt Fleischmann an jenem Expertenpapier, das Ende März von der Regierung als Basis für weitgehende Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie genannt wurde, dieses gelte "heute in Fachkreisen als Musterbeispiel, wie man ein Gutachten nicht erstellen sollte".

Die Pflegewissenschafterin Christine Moik sieht durch Covid-19 "auf traurige und dramatische Weise die Fehler im Gesundheitssystems deutlich zu Tage gefördert", etwa eines Systems in der 24-Stunden-Betreuung, "welches aus ethischen Gründen ... kaum einem menschenwürdigen Arbeits- und Dienstverhältnis entspricht". Sie sieht nun die Chance, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und "ein Gesundheitssystem zu entwickeln, welches auch in Krisen zu 100 Prozent funktioniert, ohne dabei ein ganzes Land stilllegen zu müssen". Und für Andreas Sönnichsen, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Medizinischen Universität Wien "offenbart eine rationale Analyse der vollständigen Lockdown-Maßnahmen zusehends, dass die Verhältnismäßigkeit zwischen den ergriffenen Maßnahmen und dem möglichen Nutzen auf vielfältige Weise nicht gewahrt wurde.

Service: Norbert Regitnig-Tillian (Hg.) "Die Corona Krise - Was wir daraus lernen", Delta X Verlag, 164 S., 17,60 Euro, ISBN: 978-3-903229-21-1

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