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Fachpersonal kann sich per Remote-Verbindung zuschalten © Siemens Healthineers
Fachpersonal kann sich per Remote-Verbindung zuschalten © Siemens Healthineers

APA

Coronakrise - Patienten im Container und Radiologen im Home Office

16.07.2020

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 27/2020 und nicht zwingend tagesaktuell

Spezielle Container, in denen Covid-19-Verdachtsfälle getrennt von anderen Patienten unter die Lupe genommen werden, radiologische Untersuchungen vom Home Office aus und eine App als "Corona-Tagebuch": Die Pandemie ist auch für die Medizintechnik "eine Art Kreativitäts- und Digitalisierungsbeschleuniger", erklärte André Hartung, Leiter der Diagnostischen Bildgebung beim Medizintechnikunternehmen Siemens Healthineers, im Gespräch mit APA-Science.

Der digitale Wandel sei im Gesundheitssystem bisher nicht so schnell vonstatten gegangen wie in vielen anderen Bereichen. "Jetzt werden innovative Kommunikationslösungen, Telehealth oder die Verknüpfung von Patientendaten sicher einen größeren Schub erfahren", so Hartung im Vorfeld des Europäischen Radiologiekongresses (ECR), der ursprünglich von 11. bis 15. März in Wien hätte stattfinden sollen, aufgrund der Coronakrise jetzt aber von 15. bis 19. Juli als Online-Veranstaltung abgehalten wird.

Digitalisierung sei in der Bildgebung schon seit Jahren ein Kernthema. Intelligente Scanner - egal ob Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) oder konventionelles Röntgen - würden die besten Protokolle vorschlagen, die Arbeitsabläufe automatisieren und mittels 3D-Kameras erkennen, ob Patienten ideal gelagert sind. Zur Unterstützung von Radiologen würde zudem schon seit längerem Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt, um eventuell krankheitsrelevante Veränderungen zu erkennen und die Diagnostik bis zu einem gewissen Grad zu automatisieren. Schließlich nehme die Zahl der Befunde, das zeige sich besonders in der Coronakrise, bei gleich bleibendem Zeitbudget stetig zu.

Untersuchung im Container...

Rasch reagiert worden sei in der aktuellen Situation beispielsweise bei der physischen Trennung von Covid-19-Verdachtsfällen und Patienten, die aus anderen Gründen ins Krankenhaus kommen. So habe man zusammen mit Containerherstellern innerhalb von wenigen Wochen mobile Trailer gebaut, in denen CT-Untersuchungen durchgeführt werden können. "Mehr als 50 Container sind schon - unter anderem an das Salzburger Uniklinikum - geliefert worden, um die Patientenströme zu separieren", so Hartung.

Aufgrund der starken Nachfrage wurden außerdem innerhalb von zwei Monaten die verfügbaren Kapazitäten von mobilen Röntgensystemen, mit denen Patienten direkt im Krankenbett untersucht werden können, verdreifacht. Denn auch wenn die Untersuchungen wichtig seien, um den Verlauf der Erkrankung und der damit assoziierten Veränderungen des Lungengewebes zu diagnostizieren, wollte man vor allen intensivmedizinisch betreute Patienten nicht jedes Mal in die Radiologie überführen.

...oder vom Home Office aus

Auf großes Interesse seien auch Lösungen gestoßen, die es ermöglichen, dass die Mitarbeiter von medizinischen Einrichtungen an einem sicheren Ort sind und von da aus CT- oder MRT-Geräte steuern. So könnten technische Assistenten vor Ort scannen, während die Experten von zu Hause aus kontrollieren beziehungsweise mittels Head-Set, Konferenzlautsprecher, Chat und Video Anleitungen geben - etwa um die Positionierung des Patienten oder Protokollparameter anzupassen. Damit schütze man einerseits die Fachkräfte und unterstütze andererseits weniger erfahrenes Personal am Scanner.

"Die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Mitarbeitern an mehreren Standorten ist oft schwierig. Für komplexere Untersuchungen, die man nicht regelmäßig macht, müssten die Patienten daher in andere Einrichtungen transportiert werden", sagte der Manager. Das sei besonders in der aktuellen Situation nicht unbedingt ratsam. Kontakt vermieden werde auch durch Heimarbeitsplätze für Radiologen: "Wir haben beispielsweise für die niederösterreichischen Landeskliniken und Wiener Klinken Heimarbeitsplätze eingeführt, damit von zuhause aus befundet werden kann, um die Versorgung aufrecht zu erhalten", sagte Hartung.

Nutzen von "Fernbedienung" wird erkannt

Die Vorteile von fernbedienbaren Anwendungen würden im Rückblick jedenfalls noch klarer herausstechen. "Oft ist man mit dem Krisenmanagement so beschäftigt, dass man das noch nicht so im Blick hat. In der Akutsituation geht es erst einmal darum, Stabilität herzustellen", so Hartung: "Letztendlich wird aber alles, was sich um Telehealth dreht, etwa Digitallösungen, mit denen man versucht sicherzustellen, dass nur die ins Krankenhaus kommen, die auch wirklich kommen sollten, eine breite Nachfrage erfahren."

Unter anderem kooperiere man hier mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) und seinem Spin-off Telbiomed, das eine Telehealth-Plattform entwickelt hat, mit der beispielsweise die Betreuung von Patienten mit chronischen Krankheiten verbessert werden soll. In Tirol und der Steiermark sei das System bereits unter dem Namen "HerzMobil" im Einsatz. Mittels telemedizinischer Überwachung der Patienten will man unter anderem die Wiederaufnahmerate ins Krankenhaus deutlich senken.

Gesundheitsdaten per App protokollieren

Vor kurzem sei die Plattform adaptiert worden, um Gesundheitsbehörden und medizinischem Fachpersonal die Betreuung von Personen mit unklarem COVID-19-Status zu erleichtern. Die potenziell Betroffenen erfassen per App täglich Körpertemperatur, Sauerstoffsättigung und spezifische Symptome, wodurch die Betreuer aus der Ferne eine Verlaufskontrolle durchführen und im Fall der Fälle rasch Maßnahmen ergreifen können. "So wird sichergestellt, dass man in der Quarantäne-Situation in Kontakt bleiben kann", erklärte Hartung.

In Tirol, wo man eng mit dem Tochterunternehmen ITH icoserve zusammenarbeite, würden Vorbereitungen für die Nutzung laufen. Am Universitätsklinikum Mannheim wird das COVID-19 Telemonitoring-System bereits eingesetzt, allerdings auf ganz andere Art: Dort betreut man das medizinische Fachpersonal mit dem System, um möglichst rasch auf Infektionen oder Verdachtsfälle reagieren zu können - es dient sozusagen als "Corona-Tagebuch".

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