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Walter Arlen während eines Interviews 2011 © APA (Hochmuth)
Walter Arlen während eines Interviews 2011 © APA (Hochmuth)

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100 Jahre Walter Arlen: Komponist und Musikkritiker feiert Geburtstag

27.07.2020

Erst 2011 wurde der von den Nationalsozialisten vertriebene Komponist und Musikkritiker Walter Arlen in seiner Heimatstadt Wien gewürdigt - dann aber richtig: Mit einem Gesprächskonzert und der Überreichung des Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien. Am Freitag feiert der in Los Angeles lebende Musikwissenschafter sage und schreibe 100. Geburtstag - was auch in Wien gefeiert wird.

Schließlich ist Walter Arlen mit seiner bald zehn Dekaden umfassenden Lebensspanne eines der letzten Rudimente einer Epoche, die so klingende Namen wie Billy Wilder oder Hedy Lamarr, Erich Wolfgang Korngold oder Arnold Schönberg umfasst. So zeigt ORF 2 am heutigen Montag ab 23.35 Uhr Stephanus Domanigs im Vorjahr veröffentlichtes Filmporträt "Das erste Jahrhundert des Walter Arlen". Ein besonderes Gustostück ist dann am eigentlichen Geburtstag, am Freitag (31. Juli), zu erleben, wenn das Filmarchiv Austria im Augarten den Klassiker "Stadt ohne Juden" aus 1924 mit einer neuen, von Walter Arlen gemeinsam mit Michael-Alexander Brandstetter geschaffenen Filmmusik präsentiert - dem ersten Soundtrack des Tonschöpfers. Am 1. August wird das Ganze im Metro Kinokulturhaus wiederholt.

Dabei war das musikalische Erweckungserlebnis des am 31. Juli 1920 als Walter Aptowitzer in Ottakring Geborenen eher ungewöhnlich: Im großelterlichen Kaufhaus am Brunnenmarkt, dem "Warenhaus Dichter", hatte ein Verwandter, der später in den USA als Psychologe zum "Vater der Motivforschung" gewordene Ernest Dichter, eine Grammofonanlage zur Musikbeschallung installiert - eine unerhörte Innovation in der damaligen Zeit. "Mir hat das so gefallen, dass ich die Lieder mitgesungen habe." Damals darunter: das populäre Wienerlied "Wenn die letzte Blaue geht", das Arlen im Jahr 2000 als eine seiner letzten Kompositionen paraphrasierte.

Gesangstalent schon als Fünfjähriger

Das Gesangstalent des Buben war jedenfalls damals so auffällig, dass er als Fünfjähriger dem später als Verfasser des Schubert-Werksverzeichnisses berühmt gewordenen Musikwissenschafter Otto Erich Deutsch vorgestellt wurde. Dieser konstatierte absolutes Gehör und empfahl Klavierstunden und Musikausbildung. Doch weder diese Expertise noch Konzert- und Opernerlebnisse an der Seite seiner Eltern begründeten - von Klavierstunden abgesehen - eine solide musikalische Ausbildung. "Ich war für die Übernahme der Leitung im Warenhaus vorgesehen. Als ich mit 15 endlich den Mut hatte, meine Eltern nach Stunden in Harmonielehre und Komposition zu fragen, war die Antwort: Mach' zuerst deine Matura", erzählte Arlen 2011 im APA-Interview.

Doch mit dem "Anschluss" wurde alles anders. Schon in der Nacht auf den 13. März 1938 drangen SA-Männer plündernd in die elterliche Wohnung ein, misshandelten den Buben und verhafteten den Vater. Für die Familie begann ein Martyrium aus Demütigungen, Verfolgung, Enteignung und Repressalien. Dank amerikanischer Verwandter gelang dem 18-Jährigen schließlich am 14. März 1939 die Ausreise in die USA.

Dort begann er unter neuem Namen, sich eine Existenz aufzubauen, "aber mit der Musik war zunächst einmal Schluss". Die Unterstützung der Familie Pritzker sicherte das ökonomische Überleben: "Fanny Pritzker hat ihrem Pelzhändler gesagt: Give him a job. Und er hat geantwortet: Yes, Mrs. Pritzker."

Musikabteilung an Loyola Marymount University gegründet

Dennoch wurde aus Walter Arlen letztlich kein Kürschner, und er landete am Ende doch bei der Musik: 1947 wurde er Assistent des Komponisten Roy Harris, 1952 begann seine Arbeit als Musikkritiker bei der "Los Angeles Times", 1969 gründete er die Musikabteilung an der Loyola Marymount University in Los Angeles, deren Vorstand er bis 1998 war. "Ich habe nie viel verdient, aber immer viel gearbeitet", lautet seine Lebensbilanz.

Selbst zu komponieren, das hat Walter Arlen erst in der Pension wieder aufgenommen. "Das war ein Blödsinn, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Aber ich habe immer befürchtet, dass dann jemand sagen könnte: 'Der schreibt so an Dreck - und mich kritisiert er'", resümierte der Jubilar jüngst im "Kurier"-Interview. Dennoch umfasst sein Oeuvre heute Kammermusik, Lieder, Songs und Stücke für Klavier.

Mit seiner Geburtsstadt Wien, die wiederzusehen bei der ersten Rückkehr 1965 auch aufgrund des nicht versiegten Antisemitismus und der geringen Restitutionsanstrengungen schmerzhaft war, hat Walter Arlen erst in den vergangenen Jahren seinen Frieden gemacht. Sichtbares Zeichen: Arlen hat seinen Vorlass der Musiksammlung der Wienbibliothek übergeben.

Service: www.filmarchiv.at/en/program/film/die-stadt-ohne-juden-7/

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