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Historiker: Unternehmen haben noch Aufholbedarf bei NS-Aufarbeitung

11.09.2020

Der Historiker Oliver Rathkolb sieht noch erheblichen Aufholbedarf bei der Aufarbeitung der NS-Zeit in österreichischen Unternehmen. Zwar hätten sich viele große Player mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt. Ein großes Fragezeichen gebe es aber zum Beispiel noch bei österreichischen Firmen in besetzten Gebieten.

Trotzdem sei die Wirtschaft ein wichtiger Partner, um junge Menschen über Antisemitismus und Rassismus aufzuklären, sagte Rathkolb bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Geschichte in Wien.

Laut Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), haben sicher 90 Prozent der "Top 50 Unternehmen" in Österreich ihre Hausaufgaben schon gemacht - auch wenn die Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs in Österreich generell erst spät begonnen hat.

ÖBB arbeitet dunkles Kapitel auf

Die ÖBB beschäftigen sich seit einigen Jahren mit diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte, denn die Bahn spielte während des Nationalsozialismus eine zentrale Rolle. Drei Millionen Menschen aus fast ganz Europa wurden im Zweiten Weltkrieg mit Zügen in die Vernichtungs- und Tötungslager des NS-Regimes transportiert. "Ohne Bahn hätte die Kriegsführung und Massenvernichtung nicht funktioniert", so ÖBB-Chef Andreas Matthä.

Eine von den ÖBB finanzierte Dissertation, die von Magdalena Neumüller verfasst wurde und gerade fertiggestellt wird, bringe neue Erkenntnisse: So wurde die Bahnschutzpolizei auch dazu angehalten, die gesamte Bevölkerung auf ihre politische Einstellung hin zu kontrollieren. Das Bahnpersonal fungierte zudem als Teil der deutschen Besatzungspolitik und war verlängerter Arm des Staates in den besetzten Teiles Europas. So waren etwa Ende 1940 tausende deutsche und österreichische Eisenbahner im ehemaligen Polen im Einsatz.

Spätestens ab 1940 waren auf jeder Baustelle der Bahn Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter tätig - wie in vielen anderen Unternehmen sowie der Land- und Forstwirtschaft. Laut Neumayer haben ihre Leistungen auch den Grundstein für den Aufbau Österreichs gelegt. Ohne sie wäre der "Restart" nicht möglich gewesen, sagte er bei der Diskussion. Der Wohlstand Österreichs beruhe aber auch auf internationaler Zusammenarbeit und Toleranz. Antisemitismus und Rassismus könne sich Österreich daher nicht leisten.

Werte in der Ausbildung vermitteln

Seitens der Unternehmen versuche man daher, etwa in der Lehrlingsausbildung, auch Werte zu vermitteln. Man wolle den Jugendlichen "Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit" beibringen, sagte Matthä. Monika Sommer, Direktorin im Haus der Geschichte, betonte den hohen Stellenwert von Partnerschaften mit der Wirtschaft, denn anders komme man an viele junge Menschen nicht ran.

Es sei schockierend, wie wenig Schüler über den Nationalsozialismus wüssten, meinte Rathkolb. Um das zu ändern, muss am Bildungssystem geschraubt werden. Dass es in Österreich kein Pflichtfach für politische Bildung gebe, sei ein Skandal. Zudem fokussiere man sich zu sehr auf elitäre Ausbildung. "Wir müssen mehr ins Zentrum der Gesellschaft hinein", meinte Rathkolb. Es brauche neue Formen der Vermittlung, bei den ÖBB zum Beispiel konnten Jugendliche bei der Aufarbeitung der NS-Zeit mithelfen.

"Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, Aufklärung zu leisten", sagte die Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Claudia Prutscher. Sie befürchtet, dass Antisemitismus zunehmend salonfähig wird. Der jüngste Angriff auf eine Synagoge in Graz sei nur die Spitze des Eisbergs, so Rathkolb. Wer antisemitisch oder rassistisch eingestellt ist, ist auch deutlich autoritätshöriger - man habe 1938 gesehen, wie schnell ein Schalter umgelegt werden kann, so der Historiker. Eine Auseinandersetzung mit diesen Themen sei daher essenziell für eine "lebendige, funktionierende, liberale Demokratie".

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