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Das Rote Wien als Epoche

21.09.2020

Ein internationales Forschungsteam legt einen monumentalen Band zur Zweiten Wiener Moderne in zwei Sprachfassungen vor.

Eine neue Gesellschaft auf demokratischer Grundlage, geprägt von Verteilungsgerechtigkeit und wissenschaftlicher Evidenz: Für diese Vision steht das Rote Wien als Chiffre. Wie baut man eine Stadt ohne Slums und Ghettos, wie gewährleistet man Gesundheitsversorgung für alle, wie schafft man ein sozial durchlässiges Bildungssystem? Das sind heutige Fragen als ferne Echos aus einer Zeit, in der politischer Gestaltungswille und Aufklärung eine fragile Allianz eingingen.

Spricht man von der Wiener Moderne, ist damit normalerweise Wien um 1900 gemeint – das sogenannte Fin-de-Siècle. Mit dem Begriff des Roten Wien als Epoche der Zweiten Wiener Moderne soll sich das ändern. "Das Rote Wien ist weit mehr als ein Synonym für die sozialdemokratische Stadtverwaltung, es ist eine Epoche, in der sich nach dem Ersten Weltkrieg ein gesamtes intellektuelles Koordinatensystem verschoben hat", sagt Ingo Zechner: "Vom Individuum zur Gesellschaft, von der individuellen Psyche zu jener der Massen, vom Körper des Einzelnen zum sozialen Körper, vom Begehren zum Bedürfnis, von einer vertikalen zu einer horizontalen Ordnung".

Zechner ist gemeinsam mit Georg Spitaler und Rob McFarland Herausgeber des Red Vienna Sourcebook, das auf Deutsch unter dem Titel "Das Rote Wien. Schlüsseltexte der Zweiten Wiener Moderne 1919–1934" heute erschienen ist. Erarbeitet wurde diese historische Textedition von einem 22-köpfigen interdisziplinären Team im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts, das vom Ludwig Boltzmann Institute for Digital History und vom Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung gemeinsam mit dem internationalen Forschungsnetzwerk BTWH (Berkeley/Tübingen/Wien/Harvard) durchgeführt und von der MA 7 Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien unterstützt wurde.

Das Ludwig Boltzmann Institute for Digital History, das 2019 aus dem Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft hervorgegangen ist, führt dessen langjährigen Forschungsschwerpunkt zu Urban History fort. Der Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist zugleich Archiv, Bibliothek und Forschungsinstitut – ein international führendes Zentrum der Dokumentation und Erforschung des Roten Wien.

In zwölf Teile und 36 Kapitel gegliedert, umfasst der Band rund 280 mit Einleitungen und Kommentaren versehene Originaltexte, in denen prominente, unbekannte und wiederzuentdeckende Stimmen der Zweiten Wiener Moderne zu Wort kommen. Sie erinnern daran, was möglich war und weiterhin möglich bleibt. Viele der Texte waren auf Deutsch vergriffen, die meisten wurden erstmals ins Englische übersetzt und werden so hoffentlich den Anstoß zu weiteren Forschungsarbeiten geben.

Mit Texten von Alfred Adler, Max Adler, Theodor W. Adorno, August Aichhorn, Friedrich Austerlitz, David Josef Bach, Béla Balázs, Otto Bauer, Siegfried Bernfeld, Hugo Bettauer, Anton Brenner, Hermann Broch, Adele Bruckner, Fritz Brügel, Rudolf Brunngraber, Karl Bühler, Rudolf Carnap, Robert Danneberg, Julius Deutsch, Marie Deutsch-Kramer, Else Feldmann, Ernst Fischer, Josef Frank, Bruno Frei, Sigmund Freud, Otto Glöckel, Jacques Hannak, Margarete Hilferding, Ödön von Horváth, Marie Jahoda, Adele Jellinek, Otto Felix Kanitz, Lajos Kassák, Gina Kaus, Hans Kelsen, Karl Kraus, Anton Kuh, Paul F. Lazarsfeld, Sofie Lazarsfeld, Käthe Leichter, Adolf Loos, Georg Lukács, Otto Neurath, Anna Nußbaum, Otto Pächt, Alfred Polgar, Marianne Pollak, Oscar Pollak, Adelheid Popp, Wilhelm Reich, Karl Renner, Fritz Rosenfeld, Joseph Roth, Lili Roubiczek, Alice Rühle-Gerstel, Felix Salten, Helene Scheu-Riesz, Therese Schlesinger, Arthur Schnitzler, Margarete Schütte-Lihotzky, Eugenie Schwarzwald, Jura Soyfer, Josef Luitpold Stern, Julius Tandler, Hans Tietze, Anton Webern, Franz Werfel, Max Winter, Ludwig Wittgenstein, Liesl Zerner, Edgar Zilsel, Stefan Zweig u. a.

Das Rote Wien Schlüsseltexte der Zweiten Wiener Moderne 1919–1934 Herausgegeben von Rob McFarland, Georg Spitaler und Ingo Zechner Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg 2020 976 Seiten ISBN 978-3-11-064003-8 e-ISBN (PDF) 978-3-11-064162-2 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-064208-7 https://www.degruyter.com/view/title/565369 Erschienen am 21. September 2020

The Red Vienna Sourcebook Edited by Rob McFarland, Georg Spitaler und Ingo Zechner Rochester, NY: Camden House 2020 804 Seiten Hardcover ISBN-13: 978-1-57113-355-7 Paperback ISBN-13: 978-1-64014-067-7 https://boydellandbrewer.com/the-red-vienna-sourcebook.html Erscheint Ende Oktober 2020

Rückfragehinweis:
   Inhaltlicher Kontakt: 
   Dr. Ingo Zechner 
   Director
   Ludwig Boltzmann Institute for Digital History 
   Hofburg, Batthyanystiege, Mezzanin, 1010 Wien 
   Tel. +43-1-890 96 89 
   ingo.zechner@history.lbg.ac.at
   www.lbidh.org
   
   Dr. Georg Spitaler
   Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung
   Rechte Wienzeile 97
   1050 Wien
   Tel. +43-1-545 78 70
   georg.spitaler@vga.at 
   www.vga.at
   
   Pressekontakt:
   Barbara Konturek, MA
   PR & Communications
   Ludwig Boltzmann Gesellschaft 
   Nußdorfer Straße 64, 1090 Wien 
   Tel. +43-1-513 27 50-35
   barbara.konturek@lbg.ac.at
   www.lbg.ac.at

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