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Wirtschaftsbeziehungen Österreich-Israel: Tradition trifft Hightech

17.11.2017

Eine "Win-Win-Situation" nannte der österreichische Wirtschaftsdelegierte Günther Schabhüttl in Tel Aviv die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der "Start-up Nation"-Israel und dem Traditionsland Österreich gegenüber der APA. Vom Technologietransfer profitieren Unternehmen beider Länder, zudem sei heimische Infrastruktur-Expertise in Israel und den palästinensischen Gebieten gefragt.

"Start-up Nation" lautet der Titel des 2009 erschienenen Buchs von Dan Senor und Saul Singer über die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte Israels. Das Land hat international den Ruf erworben, eine "Kultur der Innovation" zu pflegen. Als Faktoren für die hohe Innovationsrate werden die Verankerung von Forschung im Militärdienst, die Außenorientierung angesichts des kleinen Binnenmarktes, die den Unternehmergeist fördernden Universitäten, das Fehlen von natürlichen Ressourcen und die konfliktträchtige Geschichte des Landes genannt. Über die schwierigen Anfangsjahre hilft den Jungunternehmern heute das staatliche Förderprogramm der "Innovation Authority", das auf eine Initiative zurückgeht, mit der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Israel eingewanderte Wissenschafter und Techniker in den Arbeitsmarkt integriert werden sollten.

Trotz der Kleinheit des Landes habe man so geschafft, ein sich selbst stützendes System hervorzubringen, erklärte der Wirtschaftsdelegierte: "Innovationen werden verwertet, das heißt, verkauft oder durch große Konzerne übernommen. Das bei der Entwicklung entstandene Know-how und neue Ressourcen werden wieder in das System investiert, damit der nächste Zyklus durchgeführt werden kann." Jerusalem ist zwar die Hauptstadt von Israel, jedoch gilt Tel Aviv als "Capital of the Start-up Nation" und liegt im "Global Startup Ecosystem Report 2017" für die besten Entwicklungsumfelder an sechster Stelle. Mit 2.200 bis 2.700 Technologie-Start-ups hat Tel Aviv die höchste Start-up-Dichte der Welt.

Internationale Investitionen

60 Prozent der Venture-Capital-Investitionen in Hightech-Unternehmen stammen aus dem Ausland, so Schabhüttl. "Dies zeigt, wie interessant der Dealflow für internationale Unternehmen und Investoren ist." Auch die zwischen 300 und 350 F&E-Zentren (Forschung&Entwicklung) in Israel würden meist von internationalen Unternehmen wie Google, Facebook, Siemens und Ebay betrieben, berichtete der Experte. "Sie entstanden, indem die Unternehmen ein lokales Start-up kauften, die Mitarbeiter übernahmen und infolgedessen auch das F&E-Center des Gesamtunternehmens für diesen Bereich hier platzierten."

Dies funktioniere sehr gut, Israel stehe dadurch aber im globalen Wettbewerb und jedes Jahr werde "beinhart abgerechnet": "Wenn keine neuen Entwicklungen gemacht werden, oder solche, die die Firmen, die investieren, nicht interessieren, dann hat das Ganze ein Ablaufdatum", so der Vertreter der Wirtschaftskammer. Der ständiger Druck, Ideen zu kommerzialisieren, wäre ein Faktor für die hohe Produktivität im Hightechbereich, in dem jedoch nur acht bis zehn Prozent der Arbeitskräfte beschäftigt seien, so Schabhüttl.

"Die traditionelle Industrie fährt zum Teil eine niedrigere Geschwindigkeit als die Hightech-Branche", berichtete der Wirtschaftsdelegierte. Es gälte daher, den Unternehmergeist, der im Hightechbereich herrscht, auf die traditionelle Industrie umzulegen. Sonst würden Unternehmen auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Sehr viel Know-how stamme in diesem Bereich aus dem Ausland, auch für österreichische Firmen böten sich hier Chancen: "Auf dem Gebiet der Industrie oder Infrastrukturerneuerung ist Österreich sehr stark und kann Produkte auf dem Markt platzieren." So komme in Israel zum Beispiel österreichisches Equipment zum Einsatz, um die Einhaltung von Umweltstandards in Raffinerien zu überprüfen, so Schabhüttl.

Marktzugang und neue Technologien

Österreichische Firmen würden im Austausch mit Israel auch von der Möglichkeit profitieren, neue Technologien ins Unternehmen hereinzuholen, erklärte der Experte. So könnten neue Produkte entwickelt, Wertschöpfungsmöglichkeiten erschlossen oder die Innovationskraft im Unternehmen erhöht werden. Es handle sich um eine "Win-Win-Situation", da vielen israelischen Start-ups und Technologielieferanten der Marktzugang fehle. Dieser sei interessanter als ein Investment, denn: "Geld gibt es genug", sagte Schabhüttl.

"Wenn ein Produkt lizensiert oder gemeinsam entwickelt wird, bekommt das Start-up Sichtbarkeit und kann im Idealfall mit einem großen Partner einen globalen Roll-Up machen", erklärte der Wirtschaftsdelegierte. So könnten auch österreichische Firmen in Israel positioniert werden, was von Vorteil wäre, da dort viele internationale Konzerne angesiedelt seien. "Voraussetzung dafür ist, eine Marke aufzubauen, die nicht nur in Österreich bekannt ist", so Schabhüttl.

Das Außenwirtschaftscenter Tel Aviv entwickle daher eine Plattform für Firmen und Start-ups beider Länder, die Anfang 2018 online gehen soll. "Ziel ist es, österreichische Innovationsprogramme zu promoten, dadurch in Community Building zu intensivieren und mehr Innovationsaustausch anzuregen", sagte der Experte. Man wolle Israel als "verlängerte Innovationswerkbank" für österreichische Unternehmen positionieren.

Innovation Hub Israel/Austria

"Über die Plattform 'Innovation Hub Israel/Austria' sollen auch private Firmen wie die Raiffeisen Ware Austria, Kapsch oder die AVL, die virtuelle Accelerator-Programme organisieren, präsentiert werden, oder Unternehmen, die ganz gezielt nach Technologie suchen", ergänzte Schabhüttl. Für Start-ups gäbe es Initiativen in beide Richtungen: das Accelerator-Programm für österreichische "Early stage"-Start-ups "Go Tel Aviv", das internationale Inkubatoren-Programm "Go Austria" oder das "Vienna Start-up Package" der Wiener Wirtschaftsagentur.

Als Wirtschaftsdelegierter ist Schabhüttl auch für die palästinensischen Gebiete zuständig. Diese seien wirtschaftlich stark von internationalen Geberländern und deren Bereitschaft, zu investieren, abhängig. Österreich sei an Entwicklungsprojekten zur Wasseraufbereitung und Energieversorgung beteiligt, für Wirtschaftsunternehmen seien die Lebensmittelbranche, Bauinfrastruktur und Medizintechnik interessante Bereiche. "Wir versuchen vereinzelt auch, palästinensischen Firmen den Marktzugang in Österreich oder Europa ermöglichen," sagte Schabhüttl. Biolebensmittel wie Gewürze seien ein Beispiel dafür.

Israel werde sich in den nächsten Jahren auf die Verbesserung der Integration konzentrieren müssen, da eine ausreichende Anzahl an gut ausgebildeten Fachkräften Voraussetzung dafür wäre, den Status als Innovations-Land aufrechterhalten zu können, meinte der Experte. "Aus der Perspektive der Industrie besteht mittelfristig die Lösung darin, die arabischen und orthodoxen Bevölkerung näher an den Hightechbereich heranzuführen", so Schabhüttl.

(Diese Meldung entstand im Rahmen einer Reise auf Einladung der Wiener Unternehmensberatung Wonderwerk Consulting GmbH.)

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