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IST Austria-Präsident hält bis 2036 150 Forschergruppen für notwendig © APA (Techt)
IST Austria-Präsident hält bis 2036 150 Forschergruppen für notwendig © APA (Techt)

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10 Jahre IST Austria - Henzinger: "Wir sind noch lange nicht fertig"

23.05.2019

"Noch lange nicht fertig" sieht der Präsident des Institute of Science and Technology (IST) Austria, Thomas Henzinger, den Aufbau des Forschungsinstituts in Klosterneuburg (NÖ), das am 4. Juni sein zehnjähriges Bestehen feiert. Um das IST Austria permanent und weltweit sichtbar zu etablieren, strebt er eine Verdreifachung der derzeitigen Größe bis 2036 an, sagte Henzinger im Gespräch mit der APA.

APA: Am Tag Ihrer Bestellung zum Präsidenten des IST Austria sagten Sie, das Institut solle "etwas werden, worum uns die Welt beneidet". Beneidet irgendjemand Österreich um das IST Austria?

Henzinger: Ich würde sagen ja. Wir haben schon einige Delegationen hier gehabt, vor allem aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten, die sich das IST Austria mit dem Ziel angeschaut haben, wie man ein neues Institut gründet, in zehn Jahren von null auf hundert bringt und an die 40 ERC-Grants (Förderpreis des Europäischen Forschungsrats ERC; Anm.) einwirbt. Weil das täten alle gerne.

APA: Was werden Sie dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler zeigen, wenn diese am 4. Juni zur Zehn-Jahres-Feier kommen?

Henzinger: Vor zehn Jahren war ich mir nicht sicher, wie sich das Institut genau entwickeln würde. Heute wissen wir, dass das Modell funktioniert. Wir sind noch nicht fertig und noch mitten im Aufbau. Aber wir sind weit genug, selbstbewusst und stolz sagen zu können: Das funktioniert, wahrscheinlich besser als es irgendjemand erwarten konnte.

APA: Woran messen Sie das?

Henzinger: Wir haben in zehn Jahren an die 40 ERC-Grants eingeworben. Mit einer Erfolgsrate beim ERC von 50 Prozent sind wir Nummer eins in Europa, weit vor großen Namen wie ETH, Oxford oder Cambridge, die jeden dritten Antrag durchbringen. Und europaweit liegt die Erfolgsquote bei zwölf Prozent. Und das Fachjournal "Nature" listet uns unter den zehn "Rising Stars", wobei die anderen neun in Asien liegen - ich hätte mich nie getraut, so etwas zu versprechen. Insofern kann ich schon sagen, dass hier wirklich sehr vieles stimmt - und das kann man herzeigen.

APA: Was ist das Erfolgsrezept?

Henzinger: Das fängt mit den Strukturen an, die hier gesetzt wurden. Wir sind eine vollkommen unabhängige Einrichtung im österreichischen Wissenschaftssystem, der es erlaubt ist, das Karrieremodell von der Graduate-School bis zum Tenure Track nach internationalen Maßstäben zu orientieren, anstatt das österreichische Universitätengesetz zu übernehmen. Wir sind vollkommen frei, Forscher und Forschungsfelder auszusuchen und orientieren uns dabei ausschließlich an den stärksten und besten Köpfen. Alle diese Elemente sind Grundvoraussetzungen für den Erfolg. Es zeigt letztendlich, dass zielgerichtete, langfristige, mutige Wissenschaftspolitik wirklich funktionieren kann.

APA: Sie wollten von Beginn an den Erfolg des IST Austria auch an der Qualität der berufenen Professoren messen. Waren Sie hier erfolgreich?

Henzinger: Absolut. Wir haben jetzt 53 berufene Professoren, die wir über diese zehn Jahre aus insgesamt 11.500 Bewerbern ausgewählt haben. Alleine in diesem Jahr wählen wir in einem neunmonatigen Prozess aus 1.200 Bewerbern zehn aus, die wir versuchen herzuholen - in der Hoffnung, dass fünf davon zusagen. Denn wir wissen, dass alle zehn auch andere Berufungsmöglichkeiten haben. Unser Berufungsmodell, keine themenabhängigen Stellen auszuschreiben, funktioniert, weil es auf dem Level der Jungforscher weltweit viel mehr tolle Wissenschafter als tolle Stellen gibt.

APA: Ist der Wettbewerb um die besten Köpfe also doch nicht so hart?

Henzinger: Man muss sich nur trauen, diesen weltweiten Pool anzuzapfen. Und natürlich muss man die Strukturen bereitstellen, die es diesen Leuten ermöglicht, hier zuzusagen. Da gehört wissenschaftliche Ausstattung ebenso dazu wie ein attraktives Karrieremodell, das kulturelle Umfeld, der Spirit, die Atmosphäre: unbürokratisch, unhierarchisch, interdisziplinär. Kleine Forschungsgruppen, die viel miteinander interagieren, Professoren, die direkt mit den Studierenden interagieren, weil die Gruppen klein sind, weil es keinen Mittelbau gibt.

APA: Was ist Ihnen rückblickend nicht gelungen?

Henzinger: Das Einzige, das ich am Design dieses Instituts rückblickend ändern würde, ist ein kombiniertes Master-PhD-Programm. Denn außerhalb Europas beginnen jene, die eine Forschungskarriere anstreben, direkt nach dem Bachelor ein PhD-Studium. Daher müssen auch wir Bachelorstudenten rekrutieren, so wie inzwischen viele andere Institutionen in Europa, etwa die Max-Plack-Gesellschaft in Deutschland oder die ETHs in der Schweiz. Diese offerieren aber ein kombiniertes Master-PhD-Programm, in dem Studenten am Weg zum PhD nach 1,5 bis zwei Jahren einen Master bekommen. Das Fehlen eines solchen Programms macht es zunehmend schwierig für uns zu konkurrieren.

APA: Allerseiten wurde bei der Eröffnung des IST Austria Geduld eingemahnt...

Henzinger: ... das mahne ich immer noch ein. Wir sind noch nicht fertig. Wir sind noch lange nicht fertig. Wir sind am richtigen Weg.

APA: ... aber bemerken Sie seitens der Geldgeber, der Politik nach zehn Jahren zunehmende Ungeduld?

Henzinger: Ab und zu gibt es Andeutungen, aber im Großen und Ganzen versteht uns die Politik sehr gut.

APA: Das IST Austria hat bisher zwei Mal ein langfristiges Budget erhalten, zuletzt 2012 rund 1,4 Mrd. Euro für die Jahre 2017 bis 2026. Brauchen Sie so langfristige Budgetzusagen auch weiterhin?

Henzinger: Wir werden auch weiterhin eine langfristige Perspektive benötigen. Nur weil wir diese in der Vergangenheit hatten, konnten wir hier etwas Einzigartiges entwickeln. Und deswegen braucht das dieses Institut auch in Zukunft. Nur dann können wir uns dauerhaft mit den Besten der Welt messen.

APA: Wann bräuchten Sie Auskunft darüber, wie es nach 2026 weitergehen soll?

Henzinger: Das ist nicht mehr allzu lange. Wir müssen ein Gebäude, das 2027 beziehbar ist, in ein, zwei Jahren anfangen zu planen. Um etablierte Wissenschafter anzuziehen, müssen wir fünfjährige Zusagen für Geräte machen, und da sind wir auch rasch über das Jahr 2026 hinaus.

APA: Den Plänen zufolge werden Sie 2026 rund 90 Forschergruppen und 1.000 Mitarbeiter haben. Wie soll es dann weitergehen?

Henzinger: Um dieses Institut permanent und wirklich weltweit sichtbar in einer vernünftigen Zahl wissenschaftlicher Felder zu etablieren, braucht es eine gewisse Größe - ich würde einmal veranschlagen rund drei Mal so groß wie wir jetzt sind. Das zeigen alle Vergleiche mit ähnlichen Instituten, auch wenn wir nicht so groß werden müssen wie etwa das Weizmann-Institut (derzeit rund 250 Professoren; Anm.). Mit dem selben Wachstumspfad wie derzeit könnten wir 2036 rund 150 Gruppen erreichen - diese Art der Perspektive wäre wichtig, und zwar relativ bald.

(Das Gespräch führte Christian Müller/APA)

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