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Coronavirus - Offener Streit in EU-Forschungsrat inmitten der Krise

08.04.2020

Rund um die Personalie des am Dienstag zurückgetretenen Chefs des Europäischen Forschungsrates ERC, Mauro Ferrari, ist ein veritabler Streit ausgebrochen. Nachdem Ferrari seinen Schritt mit Versäumnissen der EU bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie begründete, teilte der ERC am Mittwoch mit, dass das "Scientific Council" bereits vorher einstimmig den Rücktritt des Italieners gefordert hat.

Die "Financial Times" hatte zunächst Ferraris Rücktrittserklärung veröffentlicht, in der dieser dem ERC vorwarf, es als wichtigster Geldgeber für europäische Forschungsprojekte versäumt zu haben, Wissenschaft zur Bewältigung der Corona-Pandemie zu finanzieren. Sein Vorschlag für ein spezielles Programm zur Bekämpfung des neuartigen Coronavirus sei abgelehnt worden, beklagte Ferrari, der sein Amt erst Anfang des Jahres angetreten hatte.

Er habe argumentiert, es sei nicht der Zeitpunkt, sich "übermäßig Sorgen um Feinheiten" verschiedener Ansätze der Wissenschaftsförderung zu machen. Stattdessen müsse schnell "mit den besten Waffen" gegen "diesen gewaltigen Feind" angegangen werden. Auch kritisierte er die Krisenreaktion der EU grundsätzlich und führte etwa "das völlige Fehlen von Koordinierung der Gesundheitspolitik der Mitgliedstaaten" und "die allgegenwärtigen einseitigen Grenzschließungen" an.

Scharfe Replik des ERC

Der in Brüssel ansässige ERC reagierte wiederum mit einer scharfen Replik: Ferrari habe während seiner dreimonatigen Amtszeit "ein völliges Unverständnis für die Daseinsberechtigung" der EU-Agentur gezeigt. Er habe an wichtigen Sitzungen nicht teilgenommen, viel Zeit in den USA verbracht und persönliche wissenschaftliche und geschäftliche Projekte verfolgt, anstatt die Interessen des ERC zu vertreten.

Aus diesen Gründen hätten alle 19 Mitglieder des Wissenschaftlichen Rates bereits am 27. März einstimmig seinen Rücktritt gefordert. Ferrari gehe in seiner Darstellung der Geschehnisse "bestenfalls sparsam mit der Wahrheit um", fügten die Wissenschafter hinzu.

Nowotny: "Tragisches Ende"

Die einstige ERC-Präsidentin Helga Nowotny hatte zuvor schon gegenüber der APA von einem "tragischen Ende" der nunmehr kurzen Amtszeit des italienischen Nanomedizin-Experten gesprochen. Das nun im Zuge der Corona-Krise eskalierte Zerwürfnis habe sich schon länger angekündigt.

Laut der Wissenschaftsforscherin hätten Ferraris Pläne vorgesehen, den ERC "als große Koordinationsagentur für die ganze Union" aufzustellen, was sich so nicht umsetzen ließe. "Es tut mir leid für ihn, es war aber auch eine Fehleinschätzung der Möglichkeiten seinerseits", sagte Nowotny.

Dem Vorwurf der Untätigkeit der EU im Angesicht der Coronakrise hält der ERC den Verweis auf "über 50 laufende oder abgeschlossene ERC-Projekte, die mit einem Gesamtwert von etwa 100 Millionen Euro unterstützt werden" entgegen, die in verschiedenen Bereichen wichtige Erkenntnisse zur Reaktion auf die Pandemie lieferten. Allerdings mache der ERC keine Aufrufe zu bestimmten Themen, sondern überlasse die Formulierung von Forschungszielen den Forschern - das sei die Leitlinie der Behörde.

Ferraris Vorschlag für ein spezielles Anti-Corona-Programm habe der rechtlichen Grundlage des ERC widersprochen, erklärte auch der deutsche EU-Abgeordnete Christian Ehler (CDU). Ferarri habe vom "forschungsgetriebenen Ansatz des ERC" abweichen wollen, um stattdessen "Augenwischerei in der Öffentlichkeitsarbeit zur Corona-Krise" zu betreiben.

Der 2007 gegründete ERC ist die wichtigste europaweite Förderagentur für Spitzenforschung. 2019 hatte sie ein Budget von über zwei Milliarden Euro.

Service: Das Statement des ERC Scientific Councils: http://go.apa.at/CqoZARez; Mauro Ferraris Erklärung: http://go.apa.at/tFQmbs5c)

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