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Chance für mehr Gestaltungswillen in der Zukunft © APA (AFP/Paranjpe)
Chance für mehr Gestaltungswillen in der Zukunft © APA (AFP/Paranjpe)

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Coronavirus - Experte: Keine sozial-ökologische Wende in Sicht

20.04.2020

Für den Nachhaltigkeitsexperten Ingolfur Blühdorn ist nach der Coronakrise keine sozial-ökologische Wende in Sicht. Der Leiter des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien erinnert an die Sparpolitik nach der Finanz- und Bankenkrise 2008/09 und befürchtet in einer Aussendung des FWF eine ähnliche Entwicklung nach der aktuellen Krise.

Blühdorn untersucht auf sozialwissenschaftlicher Ebene, warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Denn trotz brennender Wälder, schmelzender Gletscher und des rasanten Verlusts an Artenvielfalt steigen der globale Verbrauch natürlicher Ressourcen und die CO2-Emissionen bis zuletzt weiter an, die Biodiversität nimmt ab, während sich sozialen Ungleichheiten und Kämpfe um verbleibende Ressourcen verschärfen. Über diese "nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit" hat Blühdorn soeben ein Buch veröffentlicht, teilte der Wissenschaftsfonds FWF mit, der die Arbeiten des Wissenschafters fördert.

In den staatlichen Interventionen angesichts der Corona-Krise sieht Blühdorn grundsätzlich eine Chance für mehr Gestaltungswillen in der Zukunft, nicht nur zum Schutz der Wirtschaft, sondern auch zum Schutz der sozialen Sicherheit und ökologischen Nachhaltigkeit. Doch er ruft in Erinnerung, "welchen Preis moderne Gesellschaften insbesondere seit Mitte der 1990er-Jahre bezahlt haben, um das Wachstum und die Profitabilität des ökonomischen Systems zu sichern". So sei auch nach der Finanz- und Bankenkrise 2008/2009 das System durch staatliche Interventionen gestützt worden, um die Wirtschaft zu retten. Das erforderte eine verschärfte Sparpolitik, die unter anderem die Übernutzung natürlicher Ressourcen massiv vorangetrieben hat", so der Wissenschafter.

Angesichts des extrem begrenzten finanziellen Handlungsspielraums auf Jahre hinaus, dürfte sich daher dieses Szenario wiederholen, "indem sich staatliche Interventionen einmal mehr auf möglichst günstige Bedingungen für die Wirtschaft richten werden und nicht auf die Behebung der sozialen, wohlfahrtsstaatlichen und ökologischen Fehler der marktliberalen Jahrzehnte", befürchtet Blühdorn. Er sieht Regulierungsmaßnahmen durchaus als Kernaufgabe der Politik, "politische Regulierung kann aber nicht eine Frage der wissenschaftlichen oder autokratischen Setzung sein, sondern muss immer demokratisch ausgehandelt werden".

Service: Link zum Buch: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4516-3/nachhaltige-nicht-nachhaltigkeit/

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