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Nationalpark in drei Bundesländern: Salzburg, Kärnten, Osttirol © NP Hohe Tauern/Brunner-Images
Nationalpark in drei Bundesländern: Salzburg, Kärnten, Osttirol © NP Hohe Tauern/Brunner-Images

APA

Wasser im Nationalpark Hohe Tauern: "Es war ein schwerer Kampf"

27.06.2019

Diese Meldung ist Teil einer wöchentlichen Zusammenfassung für den APA-Science-Newsletter Nr. 25/2019 und nicht zwingend tagesaktuell

Im Nationalpark Hohe Tauern dreht sich alles ums Wasser. APA-Science hat sich auf eine historische und geografische Reise durch den größten Nationalpark Mitteleuropas begeben und festgestellt: Manchmal ist Wasser doch dicker als Blut.

"Es war ein schwerer Kampf, aber ein gut geführter und ein fairer", erinnert sich Zeitzeugin Theresia Hartig an die langwierige Entstehungsgeschichte des Schutzgebietes, das sich auf mehr als 185.600 Hektar über Salzburg, Kärnten und Osttirol erstreckt. Der Nationalpark Hohe Tauern ist der älteste der sechs österreichischen Nationalparks, die unter dem Dachverband Nationalparks Austria zusammengefasst sind.

Kraftwerk vs. Nationalpark

Erste Bestrebungen zur Gründung eines Schutzgebietes gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Idee dafür kommt aus den Vereinigten Staaten, wo bereits 1872 der Yellowstone-Nationalpark, der älteste seiner Art weltweit, gegründet wurde. Bis zur Gründung des Nationalparks Hohe Tauern sollte es bis 1981 dauern, im Osttiroler Teil sogar bis 1991, denn: Was für den Umweltschützer ein Naturphänomen ist, das es zu erhalten gilt, ist für den Energiewirtschafter vergeudetes Potenzial. So war es auch in Osttirol, wo zur gleichen Zeit, als über die Errichtung eines Schutzgebietes nachgedacht wurde, auch die Planung eines Wasserkraftwerkes gigantischen Ausmaßes im Raum stand, um die Gletscherbäche der Region zur Energiegewinnung im Osttiroler Dorfertal zusammenzufassen.

Das Tal wäre hinter einer mehr als 200 Meter hohen Staumauer verschwunden und geflutet worden. "Es wäre alles zerstört worden", betonte Florian Jurgeit, der für Öffentlichkeitsarbeit und Forschung des Nationalparks Hohe Tauern zuständig ist. "Speicherseen, die saisonal verwendet werden, werden über den Winter mehr oder weniger geleert, weil kein Wasser nachrinnt (Anm.: Gletscherflüsse führen das meiste Wasser im Sommer, wenn die Sonne den Gletscher schmilzt). Im Frühling wäre dann hinter der Staumauer ein großes Loch mit Schlamm und Schutt gewesen. Was normalerweise unter Wasser ist, ist im Winter einfach nur Geröll." Die zusammengefassten Bäche wären außerdem ab der Wasserfassung sehr wasserarm gewesen, was sich negativ auf die Vegetation am Ufer sowie die Fischbestände ausgewirkt hätte.

Retter in der Not

Dass es nicht so weit kam, ist der harten Arbeit einiger Beteiligter geschuldet. So zum Beispiel Wolfgang Retter, der 1963 als gebürtiger Nordtiroler und Gymnasiallehrer nach Osttirol kam. Die Pläne zum Kraftwerk Dorfertal-Matrei (eine tiefergelegene Gemeinde, in der der Pumpspeicher gelegen wäre) wurden Anfang der Siebzigerjahre bekannt. Geplant war, alle Osttiroler Gletscherbäche in einer Höhe von 1.900 Metern einzufassen und in einen Stausee im Dorfertal zu führen. "In viele damals noch unberührte Hochtäler hätte man Baustraßen raufgelegt und riesige Stollensysteme mit drei, vier Metern Durchmesser gegraben, so dass das Wasser von selbst ins Tal geflossen wäre", erklärt Retter: "Ein Traum für die Technik." Aber die Landschaft, der naturnahe Tourismus und der Nationalpark wären Geschichte gewesen: "Das wäre ein Nationalpark der Flechten und Gletscherflöhe geblieben."

Es schien ein Kampf gegen Windmühlen zu sein, den die Umweltschützer ausfochten: Weder Leserbriefe und Gegendarstellungen in Zeitungen noch Vorträge, Flugblätter, die Gründung des Vereins 'Erholungslandschaft Osttirol' oder ein Wasserschaupfad, der den Leuten den Wert von Wasser in der Landwirtschaft vor Augen halten sollte, führten zum Einstellen der Pläne.

Frauenpower in Kals

"Man hat uns jahrelang vorgeworfen, warum wir so einen Wirbel um nichts machen", so Retter. "'Die Kalser sind die Betroffenen, mit ihrem Dorfertal, und die sagen nix, die sind ja wohl einverstanden'", zitiert der Aktivist Kraftwerksbefürworter. Einen ersten Wendepunkt gab es, als sich die Frauen der Gemeinde Kals am Großglockner (unter ihnen Theresia Hartig) in die Diskussion einschalteten.

Während die Männer in der Landwirtschaft tätig waren, verdienten die Kalser Frauen damals Geld durch Privatzimmervermietung an Touristen. Diese Einnahmequelle wäre durch das Kraftwerk versiegt, zuerst die lärmenden Baustellen und danach die Staumauer hätten für den Tourismus im beliebten Wandertal das Aus bedeutet. "Also haben die Frauen das Heft in die Hand genommen", und eine Volksbefragung erwirkt, bei der rund zwei Drittel der Kalser gegen die Errichtung des Kraftwerks gestimmt und somit den Befürwortern den Wind aus den Segeln genommen haben.

1989, nach einem Kampf, der über eineinhalb Jahrzehnte gedauert hatte, wurden die Pläne für das Großspeicherkraftwerk endgültig zu den Akten gelegt. 1991 beschloss der Tiroler Landtag das Tiroler Nationalparkgesetz Hohe Tauern, das Gebiet wurde in die bereits bestehenden Nationalparksteile integriert (Kärnten hatte bereits 1981 den Anfang gemacht, Salzburg folgte 1984).

Heute weiden an der Stelle des geplanten Stausees in aller Ruhe Kühe, an den Ufern wachsen Tamarisken. Der Lebensraum der immergrünen Sträucher, die charakteristisch für Wildflüsse und -bäche sind, wurde durch die Verbauung von Flusssystemen in den vergangenen Jahrzehnten großräumig zerstört. Mittlerweile sind sie eine absolute Seltenheit - allerdings nicht im Dorfertal.

Wildnis in den Sulzbachtälern

Der Kampf gegen Kraftwerke ist dreißig Jahre später im Nationalpark mittlerweile passé, erklärt Ferdinand Lainer, stellvertretender Nationalparksdirektor Salzburg. Heute seien die Aufgaben stattdessen vom Klimawandel beeinflusst: Immer häufiger komme es zu Erdrutschen und Hochwassern. "Wir wurden in den letzten Jahren immer mehr vor die Herausforderung des Umganges mit den Gewässern nach einem Hochwasser gestellt. Wo wir vorher gekämpft haben, dass die Bäche frei fließen können, ohne dass sie in ein Kraftwerk laufen, ist es jetzt der Rückbau nach Katastrophen, dem wir uns stellen."

So auch im Wildnisgebiet Sulzbachtäler im Salzburger Teil des Parks, wo ein Erdrutsch infolge eines nächtlichen Gewitters aus der Fahrbahn entlang des Obersulzbaches einen Geröllhaufen und die Weiterfahrt unmöglich gemacht hat.

"Ein Nationalpark ist immer ein Spannungsfeld", so Lainer. Einerseits gelte es, "die Natur zu schützen und zu bewahren, andererseits zu Erholung und Erbauung zu nützen." Der Nationalpark Hohe Tauern gliedert sich deshalb in drei Teile: eine Außenzone, in der traditionelle Alm- und Landwirtschaft betrieben wird und die der Erhaltung heimischer Nutztierrassen dient, eine Kernzone und letztendlich ein Wildnisgebiet, das frei von menschlichen Einflüssen ist.

Into the Wild

Der Untersulzbach zieht sich durch alle drei Zonen. Je weiter man ins Tal vordringt, umso weiter bleibt die Zivilisation zurück. Schritt für Schritt wird aus der Straße ein Schotterweg, aus dem Schotterweg ein Wanderpfad, bis man nur noch ab und zu Spuren eines Weges findet.

Das Bewässerungskonzept der beiden Sulzbäche sieht vor, den Flüssen Raum zu geben und somit einerseits Hochwasserschutz durch Vorbeugung zu leisten, andererseits ein natürliches Ökosystem zu erhalten. Der Talboden im Untersulzbachtal gehört hier ganz dem Fluss, von den Felswänden und Berghängen plätschert immer wieder Wasser hinunter.

Doch auch im Untersulzbachtal geht es nicht immer so friedlich zu, wie man beim Eintritt in die Wildniszone in 1.600 Meter Höhe merkt. Hier sucht man vergeblich nach Trampelpfaden, zu wenige Wanderer dringen bis hierher vor. Monatelang wird dieser Teil des Nationalparks von keinem Menschen betreten, das sei über die Wintermonate "lebensgefährlich", betont Lainer. An einem Ufer des Untersulzbaches liegt noch Schnee - vor wenigen Tagen ist hier eine Lawine heruntergekommen, hat meterhohe Felsblöcke mitgerissen und unter anderem das Schild, das den Beginn der Wildniszone kennzeichnet, unter Eis begraben. "Alles ist im Fluss", zitiert Lainer die alten Römer: Das Wasser lässt sich seinen Weg nicht vorgeben.

Kärnten setzt auf zukünftige Generationen

Weiter geht es nach Kärnten, last but not least im Bundesländer-Trio. Wasser spielt auch in diesem Teil des Nationalparks eine große Rolle. Im Besucherzentrum in Mallnitz setzt man vor allen Dingen darauf, die nachkommenden Generationen für die Themen Wasser, Klima- und Umweltschutz zu sensibilisieren. Dazu bietet das Bildungszentrum des Nationalparks Hohe Tauern in Kärnten Projekttage für Schulklassen an, bei denen zunächst Exkursionen zu umliegenden Gewässern, Naturlehrpfaden, etc. gemacht und anschließend die Ergebnisse in den sogenannten "Rangerlabs" unter die Lupe genommen werden können.

Wer mehr zu Klimawandel wissen möchte, geht so zum Beispiel ins Rangerlab "Klima konkret", wo man anhand verschiedener Experimente Klimaphänomene erforschen kann. Hier mischt man in einer leeren Filmdose Backpulver mit Wasser, tut den Deckel drauf, und geht auf Abstand. Durch die Kombination von Wasser und Backpulver wird Kohlendioxid freigesetzt, das Gemisch dehnt sich stark aus. Bald darauf schießt der Deckel in die Höhe wie ein Korken aus einer Sektflasche, Schaum ergießt sich über die Tischplatte.

In einem anderen der vier Labore liegt der Fokus auf "wertvollem Wasser"- Schüler können hier unter Anleitung der Mitarbeiter ihre mitgebrachten Funde untersuchen, an dem Bachlauf, der direkt durch den Raum verläuft, Strömungen und Wasserwirbel miterleben, aber auch Wasserflöhe mit der Pipette "fangen" und per Mikroskop beobachten. Was im Wasser nur nach kleinen Flankerln oder Schmutzpartikeln aussieht, entpuppt sich unter der Vergrößerungslinse als durchsichtiges Tierchen mit feinen Antennen. Deutlich zu erkennen ist das pulsierende Herz. Im Hintergrund plätschert friedlich das Wasser.

Hinweis: Die Pressereise erfolgte auf Einladung von Nationalparks Austria

Service: Diese Meldung ist Teil der Reportage-Reihe "APA-Science zu Besuch ...": http://science.apa.at/zubesuch

Von Anna Riedler / APA-Science

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