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Schule: Aktivisten sehen Ethik bei Religion in schlechten Händen

16.09.2019

Der Plan der Vorgängerregierung, ein Ersatzpflichtfach Ethik für Schüler einzuführen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, führe zu einer Stärkung von letzterem. Bei den Glaubensgemeinschaften seien Themen wie Frauenrechte oder Bioethik aber in denkbar schlechten Händen, so der Sprecher der Initiative Religion ist Privatsache, Eytan Reif, vor Journalisten.

Wenn der Religionsunterricht noch stärker zur "primären Wertevermittlungsquelle" in der Schule werde, müsse man sich darüber im Klaren sein, dass hier vor allem "vorgefertigte Antworten und nur Scheindiskussion" aus dem Fundus der "in der Regel wenig demokratisch geführten" Religionsgemeinschaften angeboten würden, so Reif bei einer Pressekonferenz in Wien. Es gebe zwar da und dort geringfügige Anpassungen von Standpunkten an die Lebensrealitäten des 21. Jahrhunderts. Letztendlich wäre es aber ein "Treppenwitz der Geschichte", etwa bioethische Fragestellungen wie Standpunkte zur aktiven Sterbehilfe Vertretern der katholischen Kirche zu überlassen oder das Thema Frauenrechte mehr oder weniger exklusiv im islamischen Religionsunterricht behandeln zu lassen, so Reif.

Der von Ex-Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) vorgelegte Plan zum Ersatzpflichtfach Ethik ziele eindeutig auf die Attraktivierung des Religionsunterrichts ab. Es brauche aber vielmehr einen von den Glaubensgemeinschaften entkoppelten, verpflichtenden Ethikunterricht für alle, forderte Reif. Dem stimmte auch die frühere AHS-Direktorin Heidi Schrodt zu: "Ethik- und Religionsunterricht sind völlig verschiedene Dinge." Dass Religionslehrer Ethikunterricht halten, gehe nach ihrem Dafürhalten "gar nicht". Daher sollte die "schlechte Lösung der Vorgängerregierung" nicht umgesetzt werden, so Schrodt.

Verbindung mit wissenschaftlichen Fächern nötig

Fragen der Bioethik - also zum Umgang mit dem Leben an sich - stellten sich als "enorm komplexe Materie" heraus, die sich zudem im Lauf der Zeit verändere, sagte die Wiener Mikrobiologin Renee Schroeder. "Das hat mit Religion gar nichts zu tun, sondern mit Wissenschaft", so das frühere Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Im Ethikunterricht brauche es vor allem Wissen und Verbindungen zu anderen Fächern wie eben der Biologie, in der rasant neue Technologien entwickelt werden, die beträchtliche neue Herausforderungen und neue Fragen zum Menschsein selbst mit sich bringen.

Ein Fortschreiten des "Backlash" im Bezug auf tatsächlich gelebte Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von Männern und Frauen befürchtete die Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens, Lena Jäger. In den Glaubensgemeinschaften dominierten patriarchale Sichtweisen noch immer stark. Ein verpflichtender Ethikunterricht für alle sei kein Allheilmittel gegen gesellschaftliche Rückschritte, aber immerhin ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wichtig wäre, dass in dessen Rahmen "nicht offen religiös lebende Lehrer unterrichten", so Jäger.

Dieser "notwendige" Ethikunterricht sollte wichtige Themen ansprechen, die bisher an Schulen kaum Platz fänden, so die Bundesvorsitzende der SPÖ-nahen Aktion kritischer SchülerInnen (AKS), Noomi Anyanwu. An vielen Schulen sei etwa "Sexismus etwas ganz Normales". Dies seien dann "keine Orte, an dem man Leben und Lernen kann". Vielfach hätten vor allem Mädchen und junge Frauen niemanden, der ihnen zuhört. Die Religionsgemeinschaften seien hier eher nicht der richtige Ansprechpartner, zeigte sich Anyanwu überzeugt.

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