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Kolonialdebatte erreicht niederländische Museen im Rembrandt-Jahr

18.11.2019

Zum 350. Todestag von Rembrandt in diesem Jahr hatte das Niederländische Büro für Tourismus es wieder mal ganz groß beworben - das "Goldene Zeitalter". Gemeint ist die Glanzzeit der Niederlande im 17. Jahrhundert, als das Land die größte Handelsmacht der Welt war und bedeutende Künstler und Wissenschafter hervorbrachte. Doch am Ende des Jubiläums steht dieses positive Selbstbild zur Debatte.

Das Amsterdam Museum - das historische Museum der Stadt Amsterdam – hat angekündigt, den Begriff "Goldenes Zeitalter" künftig nicht mehr zu verwenden – schließlich sei die Zeit für die von Niederländern versklavten Afrikaner alles andere als golden gewesen. Gleichzeitig wird über die Umbenennung von Straßen, Museen und Schulen und über den Abbau von Standbildern diskutiert.

Einige warnen schon vor einem "Bildersturm" gegen Kulturdenkmäler. "Was ist das für ein Unsinn", schimpfte etwa der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte über die Streichung des Begriffs "Goldenes Zeitalter". Der Rechtspopulist Geert Wilders twitterte: "Stolz sein auf die Niederlande ist tabu, wenn es nach diesen gestörten linken Selbsthassern geht. Sie machen die Niederlande kaputt mit ihrer falschen politischen Korrektheit."

Schule gab sich neuen Namen

Die Gegenseite vertritt ihren Standpunkt teilweise ebenso kompromisslos. Eine Aktionsgruppe mit dem Namen "Das Graue Zeitalter" ging 2016 soweit, den Sockel des Denkmals von Jan Pieterszoon Coen in Hoorn am Ijsselmeer mit dem Wort "Genozid" zu beschmieren. Als Generalgouverneur der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) hatte Coen 1621 die Bevölkerung einer ganzen Inselgruppe getötet oder versklavt, um das Gewürzmonopol der Handelsgesellschaft zu sichern. Das "VOC Cafe" in Amsterdam änderte dieses Jahr seinen Namen, nachdem der Inhaber Drohmails bekommen hatte. Auch eine Schule, die nach Coen benannt war, hat sich lieber einen neuen Namen gegeben.

Müssen auch Straßen umgetauft werden? Nein, meinen die einen, denn dann werde Geschichte aus der Erinnerung getilgt. Außerdem dürfe man frühere Epochen nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen. Ja, sagen dagegen andere, denn wer aus heutiger Sicht ein Kriegsverbrecher sei, könne kein Vorbild sein und verdiene keine Ehrung.

Das Witte de With Contemporary Art Center in Rotterdam will seinen Namen ändern, weil Witte de With (1599-1658) ebenfalls eine umstrittene Gestalt der Kolonial- und Militärgeschichte ist. Keine Namensänderung erwägt das Mauritshuis in Den Haag, eines der bedeutendsten Museen der Niederlande mit Meisterwerken von Rembrandt und Vermeer. Doch auch sein Namensgeber und Erbauer steht in der Kritik: Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679) - auf Niederländisch Johan Maurits - war als Generalgouverneur der kurzlebigen Kolonie Niederländisch-Brasilien am Sklavenhandel beteiligt.

Besucher sollen sich eigenes Urteil bilden

Das Mauritshuis reagierte, indem es dieses Jahr eine Sonderausstellung zu dem umtriebigen Adligen organisierte. Darin wurden unterschiedliche Sichtweisen der historischen Persönlichkeit einander gegenübergestellt. Der Besucher war aufgerufen, sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Dass die Debatte nächstes Jahr weitergeht, steht schon fest: Im September startet das Rijksmuseum in Amsterdam eine große Ausstellung über den niederländischen Anteil am Sklavenhandel. Der Name "Goldenes Zeitalter" soll dort trotz aller Schattenseiten erst einmal beibehalten werden. Direktor Taco Dibbits glaubt, dass viele den Begriff in erster Linie auf die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts beziehen: "Und auf dem Gebiet war es wirklich ein Goldenes Zeitalter."

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