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Goldgelbe Vergilbung (Flavescence dorée) © AGES/Helga Reisenzein
Goldgelbe Vergilbung (Flavescence dorée) © AGES/Helga Reisenzein

APA

Expertin: Pflanzengesundheit ist keine Selbstverständlichkeit

13.12.2019

Mit dem Internationalen Jahr der Pflanzengesundheit wollen die Vereinten Nationen das Bewusstsein für die hohen Verluste bei Kulturpflanzen durch Krankheiten und Schädlinge schärfen. Denn "Pflanzengesundheit ist keine Selbstverständlichkeit", betonte auch Siegrid Steinkellner, Leiterin des Instituts für Pflanzenschutz der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien, im Gespräch mit der APA.

Frage: Die UNO hat 2020 zum Internationalen Jahr der Pflanzengesundheit erklärt. Wie ist es um die Pflanzengesundheit in Österreich bestellt?

Siegrid Steinkellner: Ein Blick in unsere Supermarktregale ließe vermuten, dass das kein österreichisches Problem sei. Die Regale sind voll mit gesunden, qualitativ hochwertigen, regionalen pflanzlichen Produkten. Das ist aber keine Selbstverständlichkeit. Dahinter steckt einerseits ein komplexes Zusammenspiel von Maßnahmen der Pflanzenzüchtung, des Pflanzenbaus und des Pflanzenschutzes zur Gesunderhaltung der Kulturpflanzen und andererseits die Tatsache, dass krankes bzw. von Schädlingen befallenes Erntegut erst gar nicht in den Handel kommt.

Frage: Heißt das, dass man bei uns Pflanzenkrankheiten und Schädlinge im Griff hat?

Steinkellner: Der Druck in der Landwirtschaft ist enorm. Es gibt so gut wie keine Kulturpflanze, die nicht von Krankheiten und Schädlingen befallen werden kann. Ohne Pflanzenschutzmaßnahmen, gleich ob mechanisch, biologisch, biotechnisch oder chemisch, ist eine Gesunderhaltung von Pflanzenbeständen weder in der konventionellen, noch in der biologischen Landwirtschaft möglich. Je nach Kulturpflanze und Pflanzenkrankheit bzw. Schädling gibt es große Unterschiede in der Problemlösung.

Frage: Worin sehen Sie die derzeit größten Herausforderungen für die Pflanzengesundheit?

Steinkellner: Seit Ackerbau betrieben wird, gibt es große Herausforderungen für die Pflanzengesundheit und Bestrebungen, bestehende und neue Probleme zu lösen. Das Auftreten von bei uns heimischen und etablierten Krankheiten bzw. Schädlingen ist von vielen verschiedenen Einflussfaktoren abhängig, allen voran der Witterung. Dagegen wurden viele Managementmethoden entwickelt, ihr Erfolg ist durch Umweltfaktoren aber stark mitgeprägt. Die Auswirkungen des Klimawandels sind - was Pflanzengesundheit betrifft - sowohl positiv als auch negativ zu bewerten. Während etwa feuchteliebende Pilze zurückgedrängt werden, fördert die Erwärmung zahlreiche andere Schädlinge.

Frage: Wie steht es um die immer geringere gesellschaftliche Akzeptanz von Pflanzenschutzmitteln?

Steinkellner: Das ist eine der größten Herausforderungen für die Praxis. Pflanzenschutzmittel werden zumeist nur der konventionellen Landwirtschaft zugeordnet. Ein Traktor mit Spritze sagt aber noch nichts über die Wirtschaftsweise. Pflanzenschutzmittel werden sowohl in der konventionellen als auch in der biologischen Landwirtschaft eingesetzt, wobei sich die Wirkstoffe zumeist, aber nicht immer unterscheiden. Man muss sich auch bewusst sein, dass hinter der Zulassung bzw. dem Verbot von Pflanzenschutzmitteln ein komplexes ExpertInnensystem steht, das eine hohe Sicherheit für die Gesellschaft gewährleistet.

Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die gefährlichsten Pflanzenkrankheiten bzw. -schädlinge?

Steinkellner: Das ist für mich so nicht beantwortbar. Das richtet sich nach Kultur und Anbaugebiet. Als Beispiele lassen sich bei Mais der Maiswurzelbohrer, der Maiszünsler oder Fusariosen nennen. Letztere sind Pilze, die Mykotoxine bilden, hochproblematische Substanzen für Mensch und Tier. Sie treten auch bei Weizen auf, ebenso wie Rostpilze und Getreideviren. Die Zuckerrübe hat mit der Cercospora-Blattfleckenkrankheit, dem Erdfloh und neuerdings dem Rübenderbrüssler zu kämpfen, die Kartoffel mit Drahtwurm, Kartoffelkäfer sowie Kraut- und Knollenfäule. Beim Raps sind Rapserdfloh, Rapsglanzkäfer und Rapsstängelrüssler die wichtigsten Schädlinge, wobei man hier sagen muss, dass Biorapsanbau so gut wie unmöglich ist. Weinreben sind je nach Witterung durch Echten oder Falschen Mehltau, Botrytis und neuerdings durch Phytoplasmen genannte Bakterien bedroht, Äpfel durch Schorf und Echten Mehltau, diverse Wicklerarten und Feuerbrand. Bei Tomaten wäre beispielsweise die Samtfleckenkrankheit, Schadmilben und Virosen zu nennen.

Frage: Was kann aus Ihrer Sicht jeder Einzelne für die Pflanzengesundheit tun?

Steinkellner: Aus anderen Ländern sollten keine Pflanzen eingeschmuggelt und in privaten Gärten auf Problempflanzen wie Buchsbaum verzichtet werden. Sowohl private Gärtner als auch die Landwirtschaft können Nützlinge verstärkt fördern. Das wird auch schon sehr lange im Zusammenhang mit dem Integrierten Pflanzenschutz versucht, etwa indem in Ackerkulturen Begrünungsstreifen miteingeplant werden, um Lebensraum für Nützlinge zu erhalten.

Frage: Was verstehen Sie unter Integriertem Pflanzenschutz?

Steinkellner: So wird die Kombination aller verfügbarer Maßnahmen bezeichnet, wobei vorrangig biologische, biotechnische, pflanzenzüchterische sowie anbau- und kulturtechnische Maßnahmen eingesetzt und die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß beschränkt werden. Das heißt, dass man vorbeugend arbeitet, Fruchtfolgen einhält, die richtigen Sorten einsetzt, wo es möglich ist Nützlinge verwendet, auf Witterungsfaktoren aufbauende Warnsysteme für bestimmte Krankheiten verwendet oder z.B. Pheromonfallen einsetzt. Die Maßnahmen sind für jede Kultur unterschiedlich. Die Idee ist alt, wird von vielen Landwirten auch umgesetzt, der Begriff ist aber in der Bevölkerung viel zu wenig bekannt.

Frage: Sind nicht auch unsere Ansprüche an landwirtschaftliche Produkte zu hoch?

Steinkellner: Der Handel, KonsumentInnen und ProduzentInnen könnten die Ansprüche an die rein optische Qualität etwas zurückschrauben. Das würde die Umsetzung umweltfreundlicherer Maßnahmen etwas leichter machen. Damit der Konsument etwa einen perfekten Apfel bekommt, müssen 20 und mehr Pflanzenschutzmittelbehandlungen durchgeführt werden, auch in der Bioproduktion. Wenn wir uns damit arrangieren könnten, dass ein Apfel beispielsweise ein wenig von Pilzen verursachten Schorf oder eine Kartoffel ein, zwei Bohrlöcher vom Drahtwurm hat, könnte man leicht auf die eine oder andere Maßnahme verzichten.

(Das Gespräch führte Christian Müller/APA)

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