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Angst vor Epidemien hat laut Medizinhistoriker historische Wurzeln © APA (AFP)
Angst vor Epidemien hat laut Medizinhistoriker historische Wurzeln © APA (AFP)

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Coronavirus - Wissenschafter erklären die Angst vor dem Virus

24.01.2020

Wegen des grassierenden Coronavirus dürfen dutzende Millionen Chinesen ihre Städte nicht mehr verlassen und auch die großen Neujahrsfeiern werden massiv eingeschränkt. Mit dem Erreger 2019-nCoV breitet sich auch die Angst in der Volksrepublik und in anderen Ländern aus. Wissenschafter haben verschiedene Erklärungen, warum die Angst vor dem Virus besonders groß ist und wie sich damit umgehen lässt:

"Es gibt ein angeborenes Angstgefühl bei Krankheitsausbrüchen, im Wesentlichen, weil es sich um einen für das menschliche Auge unsichtbaren Feind handelt", sagte Seuchen-Experte Adam Kamradt-Scott von der University of Sydney. Schließlich könne niemand wissen, ob er infiziert ist, "bis er Symptome entwickelt, und dann kann es zu spät sein".

Darüber hinaus lassen sich Viren anders als bakterielle Infektionen nicht mit Antibiotika behandeln, hebt der Mediziner Sanjaya Senanayake von der Australian National University hervor. Und virale Atemwegserkrankungen breiteten sich offenbar schneller von Mensch zu Mensch aus als bakterielle Infektionen.

Historisch begründete Angst

Der Medizinhistoriker Laurent-Henri Vignaud weist darauf hin, dass die Angst vor Epidemien historische Wurzeln hat. "Was einem hier am meisten in den Sinn kommt, ist die Pest", verweist er auf die Infektionskrankheit, die im Mittelalter Europas Bevölkerung dezimierte.

Das neue Coronavirus passt außerdem zu der geschichtswissenschaftlichen Theorie, dass Epidemien die jeweiligen Lebensbedingungen einer Epoche widerspiegeln. So hängt die Gefahr des neuen Erregers laut Vignaud mit der Globalisierung zusammen. Deren gute Seite sei, "dass Du ein Flugzeug nehmen und in ein paar Stunden irgendwo auf der Welt sein kannst". "Die Kehrseite ist, dass das Virus jetzt mit Dir reisen kann", fügte der Medizinhistoriker hinzu.

Der wichtigste Faktor für die Furcht vor 2019-nCoV scheint seine Ähnlichkeit zu dem Sars-Erreger zu sein. Durch die ebenfalls durch ein Coronavirus verursachte Atemwegsinfektion waren in den Jahren 2002/2003 fast 780 Menschen gestorben, die meisten in Festland-China und Hongkong. Die chinesische Regierung hatte monatelang gezögert, bevor sie Stellung bezog. Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwehrte sie zunächst den Zugang.

Chinesische Maßnahmen führen zu mehr Panik

Bei dem neuen Virus fahren die chinesischen Behörden hingegen schwere Geschütze auf. In mehr als einem Dutzend Städten wurde der öffentliche Verkehr ausgesetzt, damit die Bewohner nicht in andere chinesische Orte reisen. Dutzende Millionen Menschen sind von diesen Vorsichtsmaßnahmen bereits betroffen. Großveranstaltungen zur Feier des chinesischen Neujahrsfests am Samstag wurden abgesagt und bedeutende touristische Attraktionen wie die Verbotene Stadt in Peking und Teile der Chinesischen Mauer bleiben geschlossen.

Der Infektiologe Tom Solomon von der University of Liverpool warnte, Maßnahmen wie Quarantäne für ganze Metropolen könnten sich als "kontraproduktiv" erweisen: "Das kann den Grad der Panik erhöhen und Menschen dazu bringen, auf andere Weise zu fliehen."

Behörden müssen Bevölkerung beruhigen

Rania MacIntyre, Leiterin des Forschungsprogramms für Biosicherheit an der University of New South Wales, mahnte, nicht nur das Virus, sondern auch die Angst vor ihm müsse eingedämmt werden. Um gefährliches irrationales Verhalten zu verhindern, müssten die Behörden eine "Balance" zwischen Transparenz und Beruhigung der Bevölkerung finden.

Medien spielen im Umgang mit dem Virus eine tragende Rolle. "Medien tragen entscheidende Verantwortung, dass nur genaue, sachliche Informationen berichtet werden", betonte Kamradt-Scott. Auf "Spekulationen und Übertreibungen bei dieser Art von Ereignissen" sollten sie verzichten. Die ständige Berichterstattung könne die Gefahr durch das neue Virus, mit dem sich nur ein paar hundert Menschen weltweit infiziert hätten, allerdings größer erscheinen lassen als sie ist, gab Senanayake zu bedenken.

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